Landschaftsverband Rheinland - Qualität für Menschen

Bildleiste
  
Navigationslinks überspringenStartseite  |  Persönlichkeiten  |  S  |  Wilhelm Spiritus

Wilhelm Spiritus (1854-1931), Oberbürgermeister von Bonn (1891-1919)

Wilhelm Spiritus ist bis heute der am längsten amtierende Oberbürgermeister von Bonn. In seine Amtszeit fielen die Blütezeit der Stadt in der wilhelminischer Epoche mit dem Bau der ersten Rheinbrücke, aber auch die entbehrungsreichen Jahre des Ersten Weltkriegs und der Beginn der Besatzungszeit. Seit 1920 ist er Bonner Ehrenbürger.

Wilhelm Spiritus (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 189KB)
Wilhelm Spiritus, 1895, Porträtfoto. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

Am 24.2.1854 wurde Wilhelm Spiritus als Sohn des praktischen Arztes Dr. med. Carl Constantin Spiritus und seiner Ehefrau Augusta geborene Kirchbaum (gestorben 1907) in Köln geboren. Wilhelm Spiritus besuchte das Gymnasium in Köln. Nach dem Abitur im Herbst 1872 studierte er Rechtswissenschaft an den Universitäten Heidelberg, Straßburg und Bonn (1873-1874). Im Sommer 1875 legte er das Referendarexamen ab und wurde am 2.9.1875 Gerichtsreferendar. Die große Staatsprüfung folgte am 28.2.1880. In seinem Bewerbungsschreiben an das Preußische Finanzministerium machte Spiritus persönliche Gründe für den Wunsch nach Übernahme in den Kölner Verwaltungsdienst geltend, die trotz des Wohlstands auf ein schwieriges familiäres Umfeld schließen lassen. So sei der Vater alt und schwach, die Mutter geistig angegriffen und befinde sich in ärztlicher Behandlung sowie die Schwester geistesschwach.

Spiritus war zunächst ab 6.3.1880 als Gerichtsassessor Heute teilweise veraltete Bezeichnung für den Richter oder Staatsanwalt auf Probe vor der Einstellung auf Lebenszeit; Voraussetzung ist das zweite juristische Staatsexamen, die so genannte Befähigung zum Richteramt. beim Amtsgericht Köln tätig. Dann schlug er die Verwaltungslaufbahn ein, wurde am 18.10.1886 juristischer Hilfsarbeiter bei der Stadtverwaltung Köln und ab 26.5.1887 Beigeordneter Bezeichnung für einen kommunalen Wahlbeamten. unter dem bedeutenden Kölner Oberbürgermeister Wilhelm Becker (1835-1924), dessen Wirken für ihn prägend war. Im Jahr 1891 gelang Spiritus der entscheidende Karriereschritt, als ihn am 17. Mai die Bonner Stadtverordnetenversammlung mit erst 37 Jahren zum neuen Stadtoberhaupt wählte (Bestätigung 18. Juni, Amtseinführung 18. Juli). Als Protestant „stand er der liberal-konservativen Mehrheit im Stadtrat näher als dem Zentrum“ (Dietrich Höroldt), war aber – wie auch seine Eheschließung am. 3.2.1885 mit der Katholikin Paula Mayer (geboren 1861) zeigt - um konfessionellen Ausgleich bemüht. Spiritus wurde am 23.1.1903 als Bürgermeister wiedergewählt.

Wilhelm Spiritus war „ein Meister der Organisation“ (Ennen/Höroldt) und trieb den Aufbau einer effizienten städtischen Verwaltung in Bonn voran. Seine besondere Aufmerksamkeit galt der Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur. Im Nahverkehr setzte er die Verstaatlichung der anfangs noch privat betriebenen Pferde- und Dampfbahnen durch. Nach Einweihung des städtischen Elektrizitätswerks im Jahr 1899 wurden die alten Verbindungen in den folgenden Jahren durch elektrifizierte Bahnen ersetzt und das Streckennetz systematisch ausgebaut.

Das wichtigste Ereignis in Spiritus’ Amtszeit war die Einweihung der ersten Rheinbrücke zwischen Bonn und Beuel am 17.12.1898. Mit Hilfe einer Anleihe, der Unterstützung privater Spender sowie der Erhebung einer Transportgebühr („Brückengeld“) war das Projekt realisiert worden. In seiner Ansprache bei der Einweihung betonte Spiritus, die Stadt Bonn könne sich mit Stolz rühmen, aus eigener Kraft und eigenen Mitteln eine feste Brücke über den großen Strom erbaut zu haben.

Nach schwierigen Verhandlungen mit den Nachbargemeinden gelang Spiritus im Jahr 1904 die Eingemeindung der Orte Kessenich, Poppelsdorf, Endenich und Dottendorf.

Verbesserungen in der „Ära Spiritus“ lassen sich etwa auch in der Schulpolitik sowie im Kulturbereich feststellen. Zwar erklärt sich der starke Anstieg der Bevölkerungszahlen in Bonn von 26.030 (1871) auf 87.987 (1910) teilweise durch den Zuzug älterer Neubürger, dennoch stellte der hohe Geburtenüberschuss die städtische Verwaltung vor große Herausforderungen. Das betraf vor allem die Volksschulen als hauptsächlich besuchte Bildungseinrichtungen. So stieg die Zahl der katholischen Volksschulen zwischen 1896 und 1906 von acht auf 15. Die höhere Bildung bestand in Bonn lange Zeit einzig aus dem humanistischen „Königlichen  Preußischen Gymnasium“ (heute Beethoven-Gymnasium), bevor im Jahr 1898 das Realprogymnasium von 1882 zum zweiten „Städtischen Gymnasium“ erhoben wurde (heute Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium). Im Jahr 1915 kam es zur Einrichtung eines „Städtischen Mädchengymnasiums“ (heute Clara-Schumann-Gymnasium) in Bonn. Auf dem Feld der Kultur war die Gründung des „Städtischen Orchesters“ im Jahr 1907 bedeutsam. Pläne für den Bau eines neuen Theatergebäudes wurden kurz vor Baubeginn durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vereitelt.

Im Kaiserreich „erlebte die Universitäts- und Rentnerstadt Bonn einen glanzvollen Höhepunkt“ (Dietrich Höroldt). Diese positive Entwicklung war zunächst einmal Ausdruck des generellen starken wirtschaftlichen Wachstums jener Epoche, hinzu kamen regionale Faktoren, die das Verdienst kommunaler Würdenträger wie Oberbürgermeister Spiritus waren. Durch Maßnahmen wie den Ausbau der Infrastruktur und die Schaffung attraktiver Wohngegenden konnten überwiegend wohlhabende Neubürger gewonnen werden. Auf diese Weise entwickelte sich Bonn - bei allerdings steigender Verschuldung - zu einer der finanzstärksten Städte in Preußen. Zur Attraktivität Bonns trug auch die enge Bindung zum Herrscherhaus bei. Der preußische König und deutsche Kaiser Wilhelm II. (Regentschaft 1888-1918) hatte ebenso wie einst sein Vater Friedrich III. (Regentschaft 1888) und später mehrere seiner Söhne an der „Prinzenuniversität“ Bonnnach oben studiert. Zwischen 1891 und 1913 stattete der Kaiser der Stadt am Rhein insgesamt sieben Besuche ab, sei es für die Teilnahme an einer studentischen Kneipe (1) Lokal, (2) für Feierlichkeiten der Studentenverbindung vorgesehener Raum im Korporationshaus (Haus der Verbindung), (3) tradtitionelle studentische Feier. bei seinem alten Bonner Corps Französisch, gebräuliche Bezeichnung für besonders alte Studentenverbindungen. Borussia (1891), anlässlich der Immatrikulation des Kronprinzen an der Universität Bonn (1901) oder zur Einweihung der Statue Wilhelms I. (Regentschaft ab 1858, König ab 1861, Kaiser ab 1871) auf dem Kaiserplatz (1906). Diese Gelegenheiten boten Spiritus die Möglichkeit zur städtischen Repräsentation und zum direkten Gespräch mit dem Herrscher. Der Kontakt scheint durchaus enger gewesen zu sein, denn beim Tode Spiritus’ 1931 übersandte der ehemalige Kaiser aus dem holländischen Exil einen Trauerkranz. Wie hieran deutlich wird, war Spiritus natürlich ein Anhänger der Monarchie und ein Repräsentant der wilhelminischen Epoche. So ist es nicht erstaunlich, dass er 1892 als Vertreter Bonns auf Lebenszeit in das Preußische Herrenhaus in Berlin entsandt wurde. Außerdem gehörte Spiritus dem Rheinischen ProvinziallandtagDie Errichtung von Provinzialständen in Preußen wurde 1823 angeordnet. Der Errichtung dieser neuen "Stände" lag ein neuer Ständebegriff zugrunde, wonach sich die Stände durch Grundbesitz qualifizierten und waren nach dem Grundeigentum abgestufte Besitzklassen waren. Jeder Stand hatte eigene Vertreter zu wählen, für die aber im Sinne repräsentativer Körperschaften Weisungsfreiheit und Allgemeinverantwortung gefordert wurden. Das monarchische Prinzip und die Souveränität des Monarchen blieben unangetastet, womit die Bürokratie ihre überragende Bedeutung behielt und deren Beamte weiterhin den eigentlich staatstragenden "Stand" bildeten. Die Kompetenzen der Landtage beschränkten sich auf das Petitionsrecht, auf reine Beratungsfunktionen und die Übernahme weniger Verwaltungsaufgaben. Dem Gesetz  folgten acht Gesetze für die Errichtung von Landtagen in den einzelnen Provinzen, das für den Rheinischen Provinziallandtag erschien am 27.3.1824, zu seiner ersten Sitzung trat der Rheinische Provinziallandtag aber erst am 29.10.1826 zusammen. an, dessen Vorsitzender er von 1909 bis 1918 war.

Wilhelm Spiritus als Student (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 170KB)
Wilhelm Spiritus als Student in Heidelberg, 1871, Porträtfoto. (Archiv des Corps Rhenania Heidelberg)

Die positive Entwicklung der Stadt nahm mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 ein jähes Ende. Mit anhaltender Kriegsdauer verschlechterte sich die Versorgungslage der Bevölkerung deutlich. Die Stadtverwaltung reagierte hierauf mit der Einrichtung mehrerer öffentlicher Kriegsküchen. Oberbürgermeister Spiritus sah es als seine Aufgabe an, die Kriegsanstrengungen zu unterstützen und die Moral der Bevölkerung zu erhalten. So spielte er eine wichtige Rolle bei propagandistischen Aktionen wie etwa der Einweihung der sogenannten „Arndt-Eiche in Eisen“ - einem Kriegsmal - auf dem Bonner Münsterplatz am 19.12.1915. Die aus diesem Anlaß gehaltene Ansprache zeigt Spiritus von einer nationalistischen Seite: Und wo sie hinzogen unsere Krieger, da klang es Deutschland, Deutschland über alles, da war eisern der Wille zum Sieg, eisern das Kreuz auf der Helden Brust. Eiche in Eisen! Auch wir, die Daheimgebliebenen wollen uns einfügen in die große eiserne Zeit. Auch wir wollen dem Vaterlande dienen, durch Pflichttreue und Arbeit, durch Entsagung und Opferfreudigkeit (Stadtarchiv Bonn, Kriegssammlung, SN 13/128).

Nach Kriegsende und Revolution ereilte Bonn das Schicksal der Besetzung. Spiritus mochte sich mit den britischen Entscheidungsträgern und der neuen politischen Lage nicht arrangieren. Obwohl die Bonner Stadtverordneten ihn am 16.4.1915 zum Oberbürgermeister auf Lebenszeit gewählt hatten, wurde der „rheinische Preuße“ (Heinrich Blumenthal) im Januar 1919 von seinen Amtspflichten entbunden. Zum 1.1.1920 wurde er unter Festsetzung von 15.750 Mark Jahresrente offiziell in den Ruhestand versetzt.  Im selben Jahr wurde Wilhelm Spiritus zum Ehrenbürger der Stadt Bonn ernannt, 1925 verlieh ihm die juristische Fakultät Lateinisch, bezeichnet fachlich nach den Hauptwissenschaften gegliederte Lehr- und Verwaltungseinheiten einer Hochschule. der Universität Bonn die Ehrendoktorwürde.

Wilhelm Spiritus verstarb am 27.12.1931 und wurde auf dem Bonner Südfriedhof beigesetzt. In seiner Traueransprache würdigte der Erste Beigeordnete Dr. Adolf Lühl (1872-1932) das Wirken des Verstorbenen: Großes hat er für unsere Stadt getan, die er in seine Leitung genommen hat als eine kleine Mittelstadt und die er als aufblühende Stadt von nahezu 100.000 Einwohnern aus der Hand gegeben hat. Wohin wir auch blicken, überall finden wir die Spuren seines Wirkens, sei es daß wir am Rhein stehen und uns freuen über die stolze Brücke und das wohlausgebaute Rheinufer oder unsere Blicke schweifen lassen über die Waldeshöhen der Umgebung, sei es daß wir den Marktplatz mit den verbreiterten Zugangsstraßen betrachten oder nach getaner Arbeit auf den elektrischen Bahnen hinauseilen, um Erholung zu suchen, überall werden wir an sein Wirken erinnert.

Das in der Kaiser-Friedrich-Straße am Rhein gelegene ehemalige Wohnhaus – die Villa Spiritus – besteht noch. Die Rheinpromenade trägt in diesem Abschnitt den Namen „Wilhelm-Spiritus-Ufer“.

Quellen

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Rep. 77 Nr. 2646 (PA), PA Wilhelm Spiritus.
Stadtarchiv Bonn, PA D 1733/D, Wilhelm Spiritus (Personalakte).
Stadtarchiv Bonn, SN 13 (Kriegssammlung), SN 13/128, Arndt-Eiche in Eisen.

Literatur
Blumenthal, Heinrich, Wilhelm Spiritus, ein rheinischer Preuße. Bonner Oberbürgermeister mit der längsten Amtszeit, in: General-Anzeiger vom 5.5.1993.

Ennen, Edith/Höroldt, Dietrich, Vom Römerkastell zur Bundeshauptstadt. Kleine Geschichte der Stadt Bonn, 3. Auflage, Bonn 1976.

Höroldt, Dietrich. Bonn in der Kaiserzeit (1871-1914), in: Höroldt, Dietrich (Hg.), Geschichte der Stadt Bonn, Band 4: Von einer französischen Bezirksstadt zur Bundeshauptstadt1794-1989, Bonn 1989, S. 267-435.

Höroldt, Dietrich, Wilhelm Spiritus, Oberbürgermeister der Stadt Bonn, in: Informationsdienst der Stadt Bonn. Lokalnachrichten, 21.2.1979.

Höroldt, Dietrich/van Rey, Manfred (Hg.), Bonn in der Kaiserzeit 1871-1914. Festschrift zum 100jährigen Jubiläum des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins, Bonn 1986.

Niesen, Josef, Bonner Personenlexikon, 3. Auflage, Bonn 2011, S. 452-453.

Romeyk, Horst, Die leitenden staatlichen und kommunalen Verwaltungsbeamten der Rheinprovinz 1816-1945, Düsseldorf 1994, S. 760.

Spenkuch, Hartwin, Das Preußische Herrenhaus. Adel und Bürgertum in der Ersten Kammer des Landtages 1854-1918, Düsseldorf 1998.

Zeitgenössische Zeitungsartikel
Zur Einweihung der Bonner Rheinbrücke: Bonner Zeitung vom 18.12.1898; General-Anzeiger (Bonn) vom 18.12.1898.

Zur Wahl als Oberbürgermeister auf Lebenszeit: General-Anzeiger (Bonn) vom 18.4.1915.

Zum 25-jährigen Jubiläum als Oberbürgermeister: Bonner Zeitung vom 18.7.1916.

Zum Tod von Wilhelm Spiritus: Bonner Zeitung vom 28.12.1931; Deutsche Reichszeitung vom 28.12.1931; General-Anzeiger (Bonn) vom 28.12.1931 und 29.12.1931.

Zur Beerdigung: Deutsche Reichszeitung vom 31.12.1931.

5.3.2014

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

 



Philip  Rosin (Hamburg)