Die Landwirtschaftliche Hochschule Poppelsdorf

Björn Thomann (Sankt Augustin)

Landwirtschaftliche Akademie Poppelsdorf, Farblithographie von 1868.

1. Einleitung

Die Land­wirt­schaft­li­che Hoch­schu­le Pop­pels­dorf in Bonn ge­hör­te zu den be­deu­tends­ten agrar­wis­sen­schaft­li­chen und geo­dä­ti­schen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen im Deut­schen Reich. 1847 als „Land­wirt­schaft­li­che Lehr­an­stal­t“ ge­grün­det, wur­de sie 1861 zur Aka­de­mie und im Jahr 1918 zur Hoch­schu­le er­ho­ben. Ih­re Ei­gen­stän­dig­keit en­de­te im No­vem­ber 1934 mit der An­glie­de­rung in die Bon­ner Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät.

Un­ter den Pop­pels­dor­fer Stu­die­ren­den der Jahr­zehn­te zwi­schen 1847 und 1934 fin­den sich be­deu­ten­de Per­sön­lich­keit aus Wis­sen­schaft und Po­li­tik. An ers­ter Stel­le sind hier die Re­for­mer des agrar­wis­sen­schaft­li­chen Bil­dungs­we­sens Ju­li­us Kühn (1825-1910) und Theo­dor Frei­herr von der Goltz zu nen­nen. Ju­li­us Kühn be­grün­de­te und lei­te­te von 1863 bis 1910 das Land­wirt­schaft­li­che In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Hal­le. Theo­dor von der Goltz agier­te in glei­cher Funk­ti­on an den In­sti­tu­ten in Kö­nigs­berg und Je­na, ehe er 1895 als Di­rek­tor an die Pop­pels­dor­fer Aka­de­mie zu­rück­kehr­te.

Gro­ße Be­deu­tung er­lang­ten auch Paul Gi­se­vi­us (1858-1935) als Di­rek­tor des Land­wirt­schaft­li­chen In­sti­tuts in Gie­ßen und Karl Lei­se­witz (1831-1961) als Pro­fes­sor für Land­wirt­schaft an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le Mün­chen. Glei­ches gilt für die an der Uni­ver­si­tät Leip­zig leh­ren­den Fried­rich Wil­helm Stre­cker (1858-1934) und Ar­thur Golf (1877-1941). Auch zahl­rei­che Per­sön­lich­kei­ten des öf­fent­li­chen Le­bens stu­dier­ten in Pop­pels­dorf. Zu ih­nen ge­hö­ren der Reichs­wirt­schafts­mi­nis­ter Her­mann Warm­bold (1876-1976) so­wie der Reichs­mi­nis­ter für Fi­nan­zen An­dre­as Her­mes.

2. Die Anfänge

Die Ur­sprün­ge der Pop­pels­dor­fer Hoch­schu­le rei­chen bis in das frü­he 19. Jahr­hun­dert zu­rück. Zu die­sem Zeit­punkt be­fand sich die Land­wirt­schaft in ei­nem frü­hen Sta­di­um ih­rer Ge­ne­se zu ei­ner ei­gen­stän­di­gen wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­plin. Wenn­gleich die Idee zur Ein­rich­tung land­wirt­schaft­li­cher Bil­dungs­an­stal­ten be­reits im 18. Jahr­hun­dert for­mu­liert wor­den war, ge­wann sie erst mit der von Al­brecht Tha­er (1752-1828) im bran­den­bur­gi­schen Mög­lin ge­grün­de­ten „Aka­de­mie des Land­bau­s“ ih­re ent­schei­den­de Dy­na­mik. Die hier ver­wirk­lich­te or­ga­ni­sche Ver­bin­dung ei­nes land­wirt­schaft­li­chen Mus­ter­be­trie­bes mit ei­ner nach aka­de­mi­schen Prin­zi­pi­en or­ga­ni­sier­ten Lehr­an­stalt fand nach den Be­frei­ungs­krie­gen im ge­sam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum Ver­brei­tung. Auch die Lehr­an­stalt in Pop­pels­dorf ba­sier­te auf die­ser Kon­zep­ti­on.

Im Win­ter­se­mes­ter 1818/1819 wur­de an der Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät in Bonn der Lehr­be­trieb auf­ge­nom­men. Der Bo­ta­ni­ker Chris­ti­an Nees von Esen­beck zeich­ne­te für die Or­ga­ni­sa­ti­on der na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Fä­cher ver­ant­wort­lich und setz­te sich da­bei auch für ei­ne Be­rück­sich­ti­gung der Land­wirt­schaft ein. In ei­ner am 19.2.1819 öf­fent­lich ge­mach­ten Denk­schrift un­ter dem Ti­tel „Die prac­ti­sche Dar­stel­lung der Na­tur­wis­sen­schaf­ten an der Rhei­ni­schen Uni­ver­si­tät“ for­der­te er un­ter an­de­rem die Ein­rich­tung ei­nes land­wirt­schaft­li­chen Uni­ver­si­täts­in­sti­tuts. Die­ser Vor­schlag stieß so­wohl beim Ober­prä­si­den­ten der Pro­vinz Jü­lich-Kle­ve-Berg, Fried­rich Lud­wig Chris­ti­an Graf zu Solms-Lau­bach (1769-1822), als auch beim preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­ter Karl Frei­herr vom Stein von Al­ten­stein (1770-1840) auf ein­hel­li­ge Zu­stim­mung.

Be­reits am 2.7.1819 lei­te­te das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um die not­wen­di­gen Maß­nah­men zur Um­set­zung des Vor­ha­bens ein, wo­bei auf Emp­feh­lung Nees‘ der Agrar­öko­nom Karl Chris­toph Gott­lieb Sturm (1781-1826) für die Lei­tung ge­won­nen wer­den konn­te. Sturm war bis zu die­sem Zeit­punkt in Per­so­nal­uni­on als Pro­fes­sor für Land­wirt­schaft und Ka­me­ral­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Je­na so­wie als Di­rek­tor des land­wirt­schaft­li­chen Leh­r­in­sti­tuts im be­nach­bar­ten Tief­furt tä­tig. Bei­de Ein­rich­tun­gen pfleg­ten ei­ne en­ge Ko­ope­ra­ti­on, dank de­rer die Schü­ler des Leh­r­in­sti­tuts auch oh­ne Rei­fe­zeug­nis an den Uni­ver­si­täts­vor­le­sun­gen teil­neh­men konn­ten. Die­ses er­folg­rei­che Zu­sam­men­wir­ken zwi­schen Uni­ver­si­tät und Lehr­an­stalt war für die Pla­nun­gen des Bon­ner In­sti­tuts von grund­le­gen­der Be­deu­tung.

 

Zu­nächst wur­de Sturm zum Win­ter­se­mes­ter 1819/1820 auf den Bon­ner Lehr­stuhl für Land­wirt­schaft und Ka­me­ral­wis­sen­schaf­ten be­ru­fen. Sein am 19.11.1819 vor­ge­leg­tes Kon­zept über die Or­ga­ni­sa­ti­on des land­wirt­schaft­li­chen Stu­di­ums in Bonn wur­de so­wohl von Sei­ten des Uni­ver­si­täts­ku­ra­tors Phil­ipp Jo­seph von Reh­fu­es (1779-1843), als auch vom Kul­tus­mi­nis­te­ri­um ge­neh­migt. Die An­sied­lung der mit ei­nem Guts­be­trieb ver­bun­de­nen Lehr­an­stalt soll­te in Nach­bar­schaft des ehe­ma­li­gen kur­fürst­li­chen Lust­schlos­ses Cle­mens­ru­he in Pop­pels­dorf er­fol­gen, das seit 1818 die na­tur­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tu­te der Uni­ver­si­tät be­her­berg­te und in des­sen Au­ßen­an­la­gen der Bo­ta­ni­sche Gar­ten an­ge­legt wor­den war. Auf dem brach­lie­gen­den Are­al der kur­fürst­li­chen Meie­rei auf der ge­gen­über­lie­gen­den Sei­te der Me­cken­hei­mer Al­lee wur­de ab 1822 un­ter Sturms Lei­tung ei­ne Mus­ter­wirt­schaft ein­ge­rich­tet. Sein un­er­war­te­ter Tod am 18.5.1826 ver­hin­der­te al­ler­dings die Fer­tig­stel­lung und hat­te zu­gleich die Ein­stel­lung des ge­sam­ten Vor­ha­bens zur Fol­ge. Das Pop­pels­dor­fer Gut wur­de ver­pach­tet und die Pro­fes­sur für Land­wirt­schaft nicht neu be­setzt.

3. Königlich Höhere Landwirtschaftliche Lehranstalt (1847-1861)

Ei­ne Neu­be­le­bung er­folg­te in der zwei­ten Hälf­te der 1830er Jah­re. Im Auf­trag der Stän­de­ver­samm­lung be­an­trag­te der Prä­si­dent des Land­wirt­schaft­li­chen Ver­eins für Rhein­preu­ßen Jo­hann Ger­hard Frei­herr von Car­nap-Born­heim (1795-1865) auf dem rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­land­tag des Jah­res 1837 zu­nächst oh­ne Er­folg die Grün­dung ei­ner hö­he­ren land­wirt­schaft­li­chen Bil­dungs­ein­rich­tung in der Rhein­pro­vinz.

Der Land­wirt­schaft­li­che Ver­ein in­ten­si­vier­te je­doch in den Fol­ge­jah­ren sei­ne Be­mü­hun­gen. Laut ei­ner Schil­de­rung des spä­te­ren Di­rek­tors Edu­ard Hart­stein ha­be die­ser ge­gen­über der preu­ßi­schen Re­gie­rung vor al­lem auf die staats­wirth­schaft­li­chen Rück­sich­ten in An­be­tracht der Bo­den­be­schaf­fen­heit und der dich­ten Be­völ­ke­rung ver­wie­sen. Man ar­gu­men­tier­te, dass de­ren Ver­sor­gung dau­er­haft nur durch ei­ne Stei­ge­rung der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­vi­tät ge­si­chert wer­den kön­ne. Um die­ses Ziel zu er­rei­chen, sei die För­de­rung der Agrar­wis­sen­schaf­ten durch Ein­rich­tung ei­ner zen­tra­len Lehr- und For­schungs­ein­rich­tung für die Rhein­pro­vinz von ent­schei­den­der Be­deu­tung (Hart­stein, Mitt­hei­lun­gen, S. 1.). Ne­ben Pop­pels­dorf wur­den zu die­ser Zeit aber auch Düs­sel­dorf und Kle­ve als mög­li­che Stand­or­te in Er­wä­gung ge­zo­gen.

Die Ent­schei­dung des Aus­schus­ses der Stän­de­ver­samm­lung fiel 1842 zu­guns­ten von Pop­pels­dorf aus. Nur hier ließ sich der er­streb­te Dua­lis­mus von Uni­ver­si­tät und Lehr­an­stalt rea­li­sie­ren, wo­bei na­tur­ge­mäß auch öko­no­mi­sche Er­wä­gun­gen ei­ne wich­ti­ge Rol­le spiel­ten. So wa­ren die not­wen­di­gen in­fra­struk­tu­rel­len Rah­men­be­din­gun­gen durch die Vor­ar­bei­ten Sturms be­reits in den 1820er Jah­ren zu­min­dest in Tei­len ge­schaf­fen wor­den. Die 1822 er­wor­be­ne und 1823 in Be­trieb ge­nom­me­ne Guts­wirt­schaft er­füll­te we­sent­li­che Vor­aus­set­zun­gen ei­nes land­wirt­schaft­li­chen Mus­ter­be­trie­bes. Sie um­fass­te ei­ne Ge­samt­flä­che von 27,5 Hekt­ar, die sich in 24 Hekt­ar Acker­land, 2,5 Hekt­ar Gras­land so­wie ein Hekt­ar an Gär­ten und Ge­bäu­den un­ter­teil­te. 1846 wur­de sie vom preu­ßi­schen Staat für die jähr­li­che Sum­me von 800 Ta­lern ge­pach­tet. Dar­über hin­aus muss­ten le­dig­lich die Po­si­tio­nen des Di­rek­tors und ei­nes zwei­ten Leh­rers neu be­setzt und be­sol­det wer­den. Die wei­te­ren Vor­le­sun­gen und De­mons­tra­tio­nen soll­ten von den Do­zen­ten der Bon­ner Uni­ver­si­tät ge­hal­ten wer­den.

Im Ju­li 1843 rich­te­te der Rhei­ni­sche Pro­vin­zi­al­land­tag auf Grund­la­ge die­ser Über­le­gun­gen an Kö­nig Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gent­schaft 1840-1858) die Bit­te, die Grün­dung ei­ner land­wirth­schaft­li­chen Lehr­an­stalt für Rhein­preu­ßen (…) Al­ler­gnä­digst zu be­feh­len, wel­cher der Mon­arch nach Be­ra­tun­gen mit dem preu­ßi­schen Lan­desöko­no­mie­kol­le­gi­um auch ent­sprach. Im Ge­gen­satz zu den Pla­nun­gen der 1820er Jah­re soll­te die Lehr­an­stalt ge­gen­über der Uni­ver­si­tät aber als ei­ne ei­gen­stän­di­ge In­sti­tu­ti­on fir­mie­ren. Den­noch wur­den der Uni­ver­si­tät durch die Ein­rich­tung ei­nes dem Di­rek­tor über­ge­ord­ne­ten Ku­ra­to­ri­ums er­heb­li­che Mög­lich­kei­ten der Ein­fluss­maß­nah­me zu­ge­stan­den. Dem Ku­ra­to­ri­um ge­hör­ten zum ei­nen der Prä­si­dent des Land­wirt­schaft­li­chen Ver­eins der Rhein­pro­vinz, ein vom Land­wirt­schaft­li­chen Ver­ein ge­wähl­ter De­pu­tier­ter so­wie ein Kom­mis­sar des Mi­nis­te­ri­ums für land­wirt­schaft­li­che An­ge­le­gen­hei­ten an. Von Sei­ten der Uni­ver­si­tät wa­ren der Rek­tor, der Ku­ra­tor und der Uni­ver­si­täts­rich­ter ver­tre­ten. So­mit konn­te von ei­ner Ei­gen­stän­dig­keit der Lehr­an­stalt al­len­falls auf dem Pa­pier die Re­de sein.

Christian Nees von Esenbeck, Porträt, Lithographie von C. Beyer, wohl 1830. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Am 17.5.1847 be­gann an der „Hö­he­ren Land­wirt­schaft­li­chen Lehr­an­stalt zu Pop­pels­dor­f“ der re­gu­lä­re Vor­le­sungs­be­trieb mit dem Ziel, die Stu­die­ren­den zu tüch­ti­gen so­wohl wis­sen­schaft­li­chen als prac­ti­schen Land­wir­t­hen aus­zu­bil­den. Auf der an­de­ren Sei­te woll­te man den Stu­die­ren­den der Staats- und Ka­me­ral­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Ge­le­gen­heit ge­ben, sich in Pop­pels­dorf mit den prak­ti­schen Pro­ble­men der Land­wirt­schaft aus­ein­an­der­set­zen zu kön­nen.

Die Po­si­ti­on des Di­rek­tors war dem re­nom­mier­ten Agro­no­men Au­gust Gott­fried Schweit­zer (1788-1854) über­tra­gen wor­den, des­sen Amts­zeit aber ei­nen un­glück­li­chen Ver­lauf nahm. Schweit­zer, der von 1830 bis 1847 Di­rek­tor der Land­wirt­schaft­li­chen Aka­de­mie in Tha­randt (Sach­sen) ge­we­sen war, litt be­reits bei sei­nem Amts­an­tritt un­ter psy­chi­schen und phy­si­schen Pro­ble­men. Er­schwe­rend kam hin­zu, dass sich die Lehr- und Lern­be­din­gun­gen in Pop­pels­dorf als eben­so un­zu­rei­chend er­wie­sen wie die fort­wäh­ren­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Di­rek­tor und Ku­ra­to­ri­um ei­ner po­si­ti­ven Ent­wick­lung der An­stalt hem­mend im We­ge stan­den.

Das Amt des zwei­ten Leh­rers wur­de dem auf­stre­ben­den Agrar­öko­no­men Edu­ard Hart­stein über­tra­gen, der in Per­so­nal­uni­on seit dem 1.10.1846 auch als Ad­mi­nis­tra­tor des aka­de­mi­schen Guts­be­trie­bes fun­gier­te. Ne­ben den bei­den etat­mä­ßi­gen Leh­rer­stel­len um­fass­te das Kol­le­gi­um fünf Uni­ver­si­täts­do­zen­ten, die für die na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Fä­cher zu­stän­dig wa­ren. Che­mie wur­de von Carl Wil­helm Ber­ge­mann (1804-1884), Phy­sik von Ju­li­us Plü­cker (1801-1868), Zoo­lo­gie von Ju­li­us Budge (1811-1888) und Ma­the­ma­tik von Gus­tav Ra­di­cke (1810-1883) un­ter­rich­tet. Jo­hann Ja­cob Nög­gerath (1788-1877) zeich­ne­te für Mi­ne­ra­lo­gie und Geo­gno­sie ver­ant­wort­lich. Der Bo­ta­nik wid­me­te sich zu­nächst der Apo­the­ker Lud­wig Cla­mor Mar­quardt (1804-1881) und ab 1852 der In­spek­tor des Bo­ta­ni­schen Gar­tens, Wil­helm Sin­ning (1792-1884). Die Vor­le­sun­gen zur Tier­heil­kun­de ob­la­gen dem Kreis­tier­arzt Hein­rich Wil­helm Pe­ters (1794-1850) und ab 1850 sei­nem Nach­fol­ger Pe­ter Ar­nold Schell (1821-1901).

Das Lehr­an­ge­bot wur­de in den fol­gen­den Jah­ren ste­tig er­wei­tert. Ab dem Win­ter­se­mes­ter 1851/1852 hielt der pro­mo­vier­te Che­mi­ker Wil­helm Von­hau­sen (1820-1883) Vor­le­sun­gen über Forst­wirt­schaft, 1852 wur­den Obst- und Ge­mü­se­bau im Rah­men des bo­ta­ni­schen Un­ter­richts, 1853 Land­wirt­schafts­recht, Lan­des­kul­tur­ge­setz­ge­bung und land­wirt­schaft­li­che Bau­kun­de in den Lehr­plan auf­ge­nom­men. Der In­spek­tor des Bo­ta­ni­schen Gar­tens zeich­ne­te ab 1868 auch für Vor­le­sun­gen und De­mons­tra­tio­nen über Bie­nen­zucht ver­ant­wort­lich. In den Jah­ren 1872 und 1880 wur­de das Lehr­an­ge­bot fer­ner durch die Fä­cher Tier­phy­sio­lo­gie und Fisch­zucht er­gänzt.

Au­gust Schweit­zer wur­de im Jahr 1850 von sei­nem Amt ent­bun­den und 1851 in den Ru­he­stand ver­setzt. Sein zer­rüt­te­tes Pri­vat­le­ben hat­te sich zu ei­ner Be­las­tung für die Re­pu­ta­ti­on der ge­sam­ten Lehr­an­stalt aus­ge­wei­tet. Neu­er Di­rek­tor wur­de der Lan­desöko­no­mie­rat Wil­helm Fer­di­nand Wey­he (1795-1878), dem es durch sei­ne Ver­bin­dun­gen zur preu­ßi­schen Re­gie­rung ge­lang, sich der Be­vor­mun­dung durch das Ku­ra­to­ri­um er­folg­reich zu wi­der­set­zen. Wäh­rend sei­ner Amts­zeit konn­te auch das neue Haupt­ge­bäu­de des In­sti­tuts in Be­trieb ge­nom­men wer­den. Der zwi­schen 1850 und 1852 nach den Ent­wür­fen des Köl­ner Dom­bau­meis­ters Ernst Fried­rich Zwir­ner er­rich­te­te und mitt­ler­wei­le un­ter Denk­mal­schutz ge­stell­te Bau an der Me­cken­hei­mer Al­lee bil­det noch heu­te das Zen­trum der Land­wirt­schaft­li­chen Fa­kul­tät der Bon­ner Uni­ver­si­tät.

Die Fre­quenz der Lehr­an­stalt hat­te im ers­ten Se­mes­ter 1847 mit sie­ben Stu­die­ren­den noch recht nied­rig ge­le­gen. Sie stieg aber be­reits im Win­ter­se­mes­ter 1847/1848 auf 16 an und er­reich­te im Win­ter­se­mes­ter 1848/1849 ei­nen vor­läu­fi­gen Höchst­stand von 42 Stu­die­ren­den. Der in der Fol­ge ein­set­zen­de Rück­gang auf un­ter 30 Stu­die­ren­de pro Se­mes­ter grün­de­te so­wohl auf den un­zu­rei­chen­den Lehr- und Le­bens­be­din­gun­gen, als auch auf der Füh­rungs­kri­se un­ter dem Di­rek­to­rat Schweit­zers. Be­reits un­ter sei­nem Nach­fol­ger Wey­he ist ei­ne deut­li­che Zu­nah­me und Sta­bi­li­sie­rung zu be­ob­ach­ten. Die Zahl der Stu­die­ren­den schwank­te zwi­schen 40 im Win­ter­se­mes­ter 1851/1852 und 56 im Som­mer­se­mes­ter 1853.

Landwirtschaftliche Fakultät, um 1910. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Ent­schei­den­den Ein­fluss auf die Wei­ter­ent­wick­lung der Lehr­an­stalt ge­wann Edu­ard Hart­stein, der 1856 nach der Pen­sio­nie­rung Wey­hes zu des­sen Nach­fol­ger er­nannt wur­de. In dem erst 33 Jah­re al­ten Di­rek­tor ver­ban­den sich ju­gend­li­che Dy­na­mik und aka­de­mi­sche Au­to­ri­tät zu­gleich. In­dem er für ei­ne Straf­fung der Auf­nah­me­kri­te­ri­en sorg­te und in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den die fach­li­che Qua­li­tät der Vor­le­sun­gen und De­mons­tra­tio­nen über­prüf­te, för­der­te er die Dis­zi­plin von Leh­ren­den wie Ler­nen­den glei­cher­ma­ßen. Der aka­de­mi­sche Ruf der Pop­pels­dor­fer An­stalt ver­bes­ser­te sich nach­hal­tig.

4. Königlich Preußische Landwirtschaftliche Akademie (1861-1919)

Wie Wey­he ver­stand es auch Hart­stein sich den Ver­su­chen der Ein­fluss­nah­me durch die Uni­ver­si­tät er­folg­reich zu wi­der­set­zen. Mit der Auf­lö­sung des Ku­ra­to­ri­ums im Jahr 1858 er­lang­te die Lehr­an­stalt ih­re for­ma­le Ei­gen­stän­dig­keit und war fort­an aus­schlie­ß­lich dem Mi­nis­te­ri­um für land­wirt­schaft­li­che An­ge­le­gen­hei­ten un­ter­stellt. 1861 er­folg­te ih­re Er­he­bung zur „Kö­nig­lich Preu­ßi­schen Land­wirt­schaft­li­chen Aka­de­mie“. Im Zu­ge die­ser Ent­wick­lung ge­lang es Hart­stein, die Zu­sam­men­ar­beit mit der Uni­ver­si­tät neu zu ord­nen, wo­bei er sich als ein über­zeug­ter För­de­rer des in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Dia­logs bei­der Ein­rich­tun­gen er­wies. Die­ser er­folg­te nun frei­lich auf aka­de­mi­scher Au­gen­hö­he.

In Hart­steins Amts­zeit fie­len meh­re­re bau­li­che Maß­nah­men, von de­nen die Er­rich­tung ei­ner ei­gen­stän­di­gen land­wirt­schaft­li­chen Ver­suchs­sta­ti­on im Jahr 1857 und ei­nes zum Be­ginn des Win­ter­se­mes­ters 1867/1868 ein­ge­weih­ten zwei­ten In­sti­tuts­ge­bäu­des die zen­tra­len Pro­jek­te dar­stell­ten. Mit ih­nen för­der­te Hart­stein vor al­lem die Rah­men­be­din­gun­gen für den kom­ple­xer wer­den­den na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Un­ter­richt. So be­her­berg­te das neue In­sti­tuts­ge­bäu­de un­ter an­de­rem ein che­mi­sches La­bo­ra­to­ri­um mit an­ge­schlos­se­nem Hör­saal so­wie ein phy­si­ka­li­sches Ka­bi­nett. Auch die Er­wei­te­rung des Kol­le­gi­ums um drei etat­mä­ßi­ge Leh­rer­stel­len für die na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Fä­cher ge­währ­leis­te­te mit­tel­fris­tig die Kon­kur­renz­fä­hig­keit der Lehr­an­stalt und stärk­te zu­gleich ih­re Un­ab­hän­gig­keit von der Uni­ver­si­tät.

Als we­nig er­folg­rei­che Maß­nah­me Hart­steins er­wies sich hin­ge­gen der Kauf des ei­ne Ge­samt­nutz­flä­che von 200 Hekt­ar um­fas­sen­den Guts An­na­berg im Jahr 1860. Weit au­ßer­halb der Stadt­gren­zen am Ran­de des Kot­ten­forst ge­le­gen, soll­te den Stu­die­ren­den hier die Mög­lich­keit ge­bo­ten wer­den, die Ver­wal­tungs­ab­läu­fe ei­nes land­wirt­schaft­li­chen Groß­be­trie­bes un­ter rea­len Be­din­gun­gen ken­nen­zu­ler­nen. Das Pop­pels­dor­fer Uni­ver­si­täts­gut war auf­grund sei­nes ge­rin­gen Um­fan­ges nur in be­grenz­tem Ma­ße da­zu ge­eig­net. Al­ler­dings wur­de Gut An­na­berg be­reits im Jahr 1875 wie­der auf­ge­ge­ben, da sich die räum­li­che Dis­tanz zum In­sti­tut als zu groß her­aus­ge­stellt hat­te und die Kos­ten für den Un­ter­halt in kei­nem Ver­hält­nis zum tat­säch­li­chen Nut­zen stan­den.

Landwirtschaftliche Fakultät, um 1910. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Die von Hart­stein ein­ge­lei­te­ten struk­tu­rel­len Re­for­men und nicht zu­letzt sei­ne Po­pu­la­ri­tät un­ter den Stu­die­ren­den zo­gen vom Be­ginn sei­ner Amts­zeit an ei­nen deut­li­chen An­stieg der Fre­quenz nach sich. Lag die Zahl der Stu­die­ren­den im Som­mer­se­mes­ter 1855 noch bei 46, so er­höh­te sich ih­re Zahl bis zum Win­ter­se­mes­ter 1857/1858 auf 103. Bei der Be­trach­tung die­ser Wer­te gilt es al­ler­dings zu be­rück­sich­ti­gen, dass in den aus­ge­hen­den 1850er Jah­ren auch die Zahl der nicht im­ma­tri­ku­lier­ten Hos­pi­tan­ten sprung­haft zu­ge­nom­men hat­te. In ih­rem Fal­le han­del­te es sich vor al­lem um Stu­die­ren­de der Uni­ver­si­tät, die von ih­rem Recht Ge­brauch mach­ten, die Vor­le­sun­gen der Lehr­an­stalt zu be­su­chen. Die 103 Stu­die­ren­den des Win­ter­se­mes­ters 1857/1858 un­ter­teil­ten sich so­mit in 67 „wirk­li­che Mit­glie­der des In­sti­tuts“ und 26 Hos­pi­tan­ten, de­ren Zahl in den 1860er Jah­ren aber wie­der deut­lich ab­nahm. Die Fre­quenz an der Pop­pels­dor­fer Aka­de­mie blieb in die­sem Zeit­raum sehr sta­bil und schwank­te nur leicht zwi­schen ei­nem Tiefst­stand von 66 Stu­die­ren­den in den Som­mer­se­mes­tern 1866 und 1867 und ei­nem Höchst­stand von 99 Stu­die­ren­den im Win­ter­se­mes­ter 1863/1864.

Be­reits in sei­ner Funk­ti­on als Ad­mi­nis­tra­tor und zwei­ter Leh­rer hat­te Hart­stein die Grün­dung ei­nes Ver­eins der in Pop­pels­dorf stu­die­ren­den Land­wir­te in­iti­iert, der sich am 1.11.1847 kon­sti­tu­iert hat­te und seit den 1870er Jah­ren den Na­men „Aka­de­misch Land­wirt­schaft­li­cher Ver­ein“ führ­te. Au­ßer­halb der of­fi­zi­el­len Lehr­ver­an­stal­tun­gen soll­te auf den abend­li­chen Zu­sam­men­künf­ten der fach­li­che und per­sön­li­che Dia­log zwi­schen Lehr­kör­per und Stu­die­ren­den ge­pflegt wer­den. Vor­trä­ge und Dis­kus­sio­nen dien­ten der Ver­tie­fung des er­wor­be­nen Wis­sens. Dar­über hin­aus re­prä­sen­tier­te der Ver­ein die In­ter­es­sen und das stei­gen­de aka­de­mi­sche Selbst­be­wusst­sein der stu­die­ren­den Land­wir­te ge­gen­über ih­ren Kom­mi­li­to­nen und den Kor­po­ra­tio­nen an der Uni­ver­si­tät.

An­läss­lich des 50-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­ums der Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät im Jahr 1868 wur­de ei­ne Ver­eins­fah­ne an­ge­schafft, die fort­an bei öf­fent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen mit­ge­führt und im Haupt­ge­bäu­de der Aka­de­mie auf­be­wahrt wur­de. Der Ver­ein der stu­die­ren­den Land­wir­te war in die­ser Pha­se kei­ne stu­den­ti­sche Kor­po­ra­ti­on im en­ge­ren Sin­ne, son­dern die Ver­tre­tung sämt­li­cher an der Aka­de­mie ein­ge­schrie­be­ner Stu­die­ren­der. 1885 er­folg­te die Spal­tung in ei­nen Geo­dä­tisch und Kul­tur­tech­ni­schen so­wie in ei­nen Aka­de­misch Land­wirt­schaft­li­chen Ver­ein, de­ren Tra­di­tio­nen bis heu­te von der Lands­mann­schaft Sa­lia fort­ge­führt wer­den.

Edu­ard Hart­stein starb am 14.12.1869 in Pop­pels­dorf an Ty­phus. Sei­ne Nach­fol­ge trat am 1.4.1871 der zu­vor an der Acker­bau­schu­le in Geis­berg bei Wies­ba­den tä­ti­ge Fried­rich Wil­helm Dün­kel­berg (1819-1912) an. Er war be­reits zwi­schen 1849 und 1850 als Hilfs­leh­rer in Pop­pels­dorf tä­tig ge­we­sen und hat­te in die­ser Zeit er­folg­reich ge­gen Schweit­zer in­tri­giert, ob­wohl die­ser sei­ne Kar­rie­re zu­vor ma­ß­geb­lich ge­för­dert hat­te. Nicht zu­letzt auf­grund die­ser Vor­ge­schich­te er­schien er sei­nen Kri­ti­kern als das cha­rak­ter­li­che Ge­gen­bild sei­nes in­te­gren Vor­gän­gers Hart­stein. Sei­ne Be­ru­fung war aber auch aus fach­li­chen Grün­den um­strit­ten.

Dün­kel­berg er­wies sich von Be­ginn sei­ner Amts­zeit an als küh­ler Prag­ma­ti­ker, der den rück­läu­fi­gen Stu­die­ren­den­zah­len nicht durch ei­ne Mo­der­ni­sie­rung der in­fra­struk­tu­rel­len Rah­men­be­din­gun­gen, son­dern durch ei­ne tief­grei­fen­de Neu­aus­rich­tung der Aka­de­mie be­geg­ne­te. Die Zu­kunft der Aka­de­mie sah er nicht in den Agrar­wis­sen­schaf­ten al­lein, son­dern vor al­lem in den sich ent­wi­ckeln­den wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen Kul­tur­tech­nik und Geo­dä­sie.

Zu­nächst wur­de 1875 sei­nem An­trag auf Ein­rich­tung ei­nes Stu­di­en­gan­ges für Kul­tur­tech­nik ent­spro­chen, bei dem er ei­ne en­ge Ver­knüp­fung mit dem agrar­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­um für mög­lich hielt. Mit der Grün­dung des Geo­dä­ti­schen In­sti­tuts im Jah­re 1880 eta­blier­te sich je­doch ei­ne neue tech­nisch-wis­sen­schaft­li­che Fach­rich­tung in Pop­pels­dorf, die kei­ner­lei Be­rüh­rungs­punk­te zu den Agrar­wis­sen­schaf­ten auf­wies. Das von Dün­kel­berg be­grün­de­te Stu­di­um der Kul­tur­tech­nik ging zu sei­nem Leid­we­sen letzt­lich ge­räusch­los in der Geo­dä­sie auf. Der ers­te Lehr­stuhl­in­ha­ber für Geo­dä­sie war Chris­ti­an Au­gust Vog­ler (1841-1925). Nach­dem die­ser 1883 ei­nem Ruf an die Land­wirt­schaft­li­che Hoch­schu­le in Ber­lin ge­folgt war, trat an sei­ne Stel­le Ot­to Koll (1851-1911), der das Pop­pels­dor­fer In­sti­tut in den 18 Jah­ren sei­ner Tä­tig­keit ma­ß­geb­lich präg­te. 1894 er­folg­te die mi­nis­te­ri­el­le Ge­neh­mi­gung zur Er­rich­tung ei­ner zwei­ten Pro­fes­sur, für die mit Carl Rein­hertz (1859-1906) eben­falls ei­ne der her­aus­ra­gen­den Per­sön­lich­kei­ten der noch jun­gen Geo­dä­sie ge­won­nen wer­den konn­te.

Rückwärtige Gebäude, um 1910. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Wenn­gleich Dün­kel­berg für die An­sied­lung des Geo­dä­ti­schen In­sti­tuts har­sche Kri­tik ern­te­te, so ver­zeich­ne­te die Aka­de­mie dank die­ser Maß­nah­me in den 1880er Jah­ren den­noch ei­nen star­ken, wenn auch ein­sei­ti­gen Auf­schwung. Im Som­mer­se­mes­ter 1895 zähl­te sie nur noch 33 stu­die­ren­de Land­wir­te, de­nen nun aber 333 Stu­die­ren­de der Geo­dä­sie ge­gen­über­stan­den. Im Som­mer­se­mes­ter 1896 wur­de mit 346 Stu­die­ren­den der Geo­dä­sie und Kul­tur­tech­nik der Schei­tel­punkt der Ent­wick­lung er­reicht. Der ho­he Be­darf an wis­sen­schaft­lich aus­ge­bil­de­ten Land­mes­sern in den ers­ten bei­den Jahr­zehn­ten nach der Reichs­grün­dung nahm in der zwei­ten Hälf­te der 1890er Jah­re all­mäh­lich ab. Ne­ben Ber­lin blieb Pop­pels­dorf den­noch das Zen­trum geo­dä­ti­scher For­schung und Leh­re im Deut­schen Reich.

Die ra­pi­de stei­gen­den Stu­die­ren­den­zah­len hat­ten be­reits am En­de der 1880er Jah­re die Er­rich­tung ei­nes neu­en Haupt­lehr­ge­bäu­des not­wen­dig ge­macht. Der re­prä­sen­ta­ti­ve, sich am ar­chi­tek­to­ni­schen Vor­bild des Pa­laz­zo Stroz­zi in Flo­renz ori­en­tie­ren­de Ge­bäu­de­kom­plex konn­te am 22.11.1890 nach zwei­jäh­ri­ger Bau­zeit in Be­trieb ge­nom­men wer­den. In ihm wur­den un­ter an­de­rem zwei Hör­sä­le, drei Übungs­sä­le so­wie ab 1904 auch die Haupt­bi­blio­thek un­ter­ge­bracht. Die zahl­rei­chen pla­ne­ri­schen und hand­werk­li­chen Män­gel - un­ter an­de­rem war der Ein­bau sa­ni­tä­rer An­la­gen ver­ges­sen wor­den - lie­ßen das ehr­gei­zi­ge Pro­jekt je­doch vor al­lem zu ei­nem per­sön­li­chen Fi­as­ko für Dün­kel­berg wer­den. In den Au­gen sei­ner Kri­ti­ker zer­stör­te der mas­si­ve und weit in die Stra­ße hin­ein­ra­gen­de Bau­kör­per vor al­lem das bis da­hin von ba­ro­cker Leich­tig­keit be­stimm­te ar­chi­tek­to­ni­sche Gleich­ge­wicht ent­lang der Me­cken­hei­mer Al­lee.

Wenn­gleich Dün­kel­berg die Zu­kunfts­fä­hig­keit der Aka­de­mie mit der Fo­kus­sie­rung auf die Geo­dä­sie si­cher­ge­stellt hat­te, sorg­te sein Um­gang mit dem agrar­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en­gang für star­ke Kri­tik. Im Ge­gen­satz zu Hart­stein ver­zich­te­te er auf ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit der Bon­ner Uni­ver­si­tät und zeig­te auch kei­ner­lei In­ter­es­se den bis zu sei­nem Amts­an­tritt flo­rie­ren­den Aus­tausch mit dem Land­wirt­schaft­li­chen Ver­ein für Rhein­preu­ßen auf­recht­zu­er­hal­ten. Auf die­se Wei­se führ­te er die Aka­de­mie kon­se­quent in ei­ne wis­sen­schaft­li­che Iso­la­ti­on hin­ein, für die er auch im Kol­le­gi­um an­ge­fein­det wur­de. An der Spit­ze der Op­po­si­ti­on stan­den der Agri­kul­tur­ch­e­mi­ker Mo­ritz Frey­tag (1825-1891) und der Gut­sad­mi­nis­tra­tor Hu­go Wer­ner (1839-1912), die auch vor öf­fent­li­cher Kri­tik an ih­rem Di­rek­tor nicht zu­rück­schreck­ten. Ei­nen ein­fluss­rei­chen Se­kun­dan­ten fand Dün­kel­berg hin­ge­gen in dem Be­grün­der der Deut­schen Land­wirt­schafts-Ge­sell­schaft Max von Eyth (1836-1906), der 1882 sei­nen Wohn­sitz in Bonn ge­nom­men hat­te und wie­der­holt Par­tei für sei­nen Freund er­griff.

Die Feind­se­lig­kei­ten über­tru­gen sich auch auf das Ver­hält­nis der Stu­die­ren­den der bei­den un­ter dem Dach der Aka­de­mie ver­ein­ten Fach­rich­tun­gen, wo­bei auch die so­zia­len Ge­gen­sät­ze ei­ne star­ke Rol­le spiel­ten. Die an­ge­hen­den Kul­tur­tech­ni­ker und Geo­dä­ten ent­stamm­ten vor al­lem der ge­sell­schaft­li­chen Mit­tel- und Un­ter­schicht. Der geo­dä­ti­sche Stu­di­en­gang er­öff­ne­te ih­nen die Mög­lich­keit, oh­ne Ab­itur ei­ne aka­de­mi­sche Kar­rie­re ein­zu­schla­gen und da­mit auch die Chan­ce auf ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Auf­stieg. Dem­ge­gen­über ge­hör­ten die Stu­die­ren­den der Land­wirt­schaft in der Mehr­heit dem länd­li­chen Be­sitz­bür­ger­tum oder dem Adel an. In der hier­ar­chisch struk­tu­rier­ten Ge­sell­schafts­ord­nung des 19. Jahr­hun­derts war der Be­such ei­ner hö­he­ren land­wirt­schaft­li­chen Lehr­an­stalt für sie kei­ne exis­ten­ti­el­le Not­wen­dig­keit.

Wäh­rend die Stu­die­ren­den der Geo­dä­sie zwin­gend auf ei­nen aka­de­mi­schen Ab­schluss an­ge­wie­sen wa­ren, blieb das Stu­di­um der Agrar­wis­sen­schaf­ten bis zum Ers­ten Welt­krieg für vie­le Stu­die­ren­de vor al­lem ei­ne wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Er­gän­zung ih­rer zu­vor in der Pra­xis er­wor­be­nen Kennt­nis­se. An­ders ver­hielt es sich nur im Fal­le der­je­ni­gen, die oh­ne Aus­sicht auf die Lei­tung ei­ner ei­ge­nen Wirt­schaft wa­ren und da­her ei­ne Kar­rie­re als Land­wirt­schafts­leh­rer oder ei­ne aka­de­mi­sche Lauf­bahn an­streb­ten. Für sie war die Er­lan­gung ei­nes aka­de­mi­schen Grads von we­sent­li­cher Be­deu­tung.

Rückwärtige Gebäude, um 1910. (Universitätsarchiv Bonn)

 

1895 wur­de Dün­kel­berg in den Ru­he­stand ver­ab­schie­det. An sei­ne Stel­le trat der re­nom­mier­te Agrar­öko­nom Theo­dor Frei­herr von der Goltz, der zu­gleich ei­ne Pro­fes­sur für land­wirt­schaft­li­che Be­triebs­leh­re und Agrar­po­li­tik an der Uni­ver­si­tät Bonn in­ne­hat­te. Un­ter sei­ner Lei­tung er­leb­ten vor al­lem die Agrar­wis­sen­schaf­ten an der Pop­pels­dor­fer Aka­de­mie ei­ne neue Blü­te­zeit, in der auch die Be­zie­hun­gen zur Bon­ner Uni­ver­si­tät und zum Land­wirt­schaft­li­chen Ver­ein für Rhein­preu­ßen wie­der in­ten­si­viert wur­den. Wäh­rend sei­ner zehn­jäh­ri­gen Amts­zeit ge­lang es Goltz, ei­ne un­zu­rei­chend or­ga­ni­sier­te Lehr­an­stalt tra­di­tio­nel­len Zu­schnitts in ei­nen mo­dern aus­ge­stat­ten und ef­fi­zi­ent ver­wal­te­ten Wis­sen­schafts­be­trieb um­zu­wan­deln.

Da­bei pro­fi­tier­te er auch von den ho­hen staat­li­chen För­der­mit­teln, die seit den 1890er Jah­ren in den Aus­bau und in die Aus­stat­tung der agrar­wis­sen­schaft­li­chen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen im Deut­schen Reich flos­sen. In Pop­pels­dorf setz­te ei­ne re­ge Bau­tä­tig­keit ein, die zur Fol­ge hat­te, dass sich im Zeit­raum zwi­schen 1899 und 1908 die Zahl der zur Aka­de­mie ge­hö­ren­den Bau­ten ver­dop­pel­te. Zu den zen­tra­len Pro­jek­ten zähl­te die Er­rich­tung der Ge­bäu­de für das In­sti­tut für Bo­den­leh­re und Pflan­zen­bau und für das In­sti­tut für Tier­phy­sio­lo­gie ent­lang des Katz­burg­we­ges. Bei­de konn­ten zum Be­ginn des Som­mer­se­mes­ters 1901 in Be­trieb ge­nom­men wer­den. Zwi­schen 1904 und 1907 ent­stand in der Nus­sal­lee das nicht min­der re­prä­sen­ta­ti­ve Ge­bäu­de des In­sti­tuts für Tier­zucht und Mol­ke­rei­we­sen. Im März 1908 er­folg­te die Ein­wei­hung des im Stil der Neo­re­nais­sance er­rich­te­ten Haupt­lehr­ge­bäu­des für Land­wir­te und mit ihm der Ab­schluss ei­nes Bau­pro­gramms, mit dem sich das äu­ße­re Er­schei­nungs­bild der Aka­de­mie grund­le­gend ge­än­dert hat­te.

In der Amts­zeit von der Goltz‘ bes­ser­ten sich aber auch die Wohn- und Le­bens­be­din­gun­gen im Um­feld der Aka­de­mie er­heb­lich, wel­che für Leh­rer wie für Stu­die­ren­de bis zum En­de des 19. Jahr­hun­derts viel­fach un­zu­rei­chend wa­ren. Be­reits Schweit­zer hat­te sich über die Rat­ten be­schwert, mit de­nen er und sei­ne Fa­mi­lie die Woh­nung hat­ten tei­len müs­sen. Die An­ge­stell­ten der Aka­de­mie klag­ten über Jahr­zehn­te über eben­so feuch­te wie bau­fäl­li­ge Wohn­quar­tie­re, und die un­mit­tel­ba­re Nach­bar­schaft zur Guts­wirt­schaft ließ die jähr­li­che Flie­gen­pla­ge zu ei­ner läs­ti­gen Ge­wohn­heit wäh­rend der Vor­le­sun­gen wer­den. Dar­über hin­aus sorg­te der Rauch aus den Schorn­stei­nen der na­he­ge­le­ge­nen Pop­pels­dor­fer Por­zel­lan­fa­brik für ei­ne fort­wäh­ren­de Ver­un­rei­ni­gung der Luft.

Auch die hy­gie­ni­schen Ver­hält­nis­se wa­ren über lan­ge Zeit ka­ta­stro­phal. Auf dem Ge­län­de der Aka­de­mie be­fand sich für die Ge­samt­heit der Stu­die­ren­den le­dig­lich ei­ne un­ter dem Di­rek­to­rat Hart­steins an­ge­leg­te La­tri­ne, die au­ßer­dem mit ei­nem Hüh­ner­stall und ei­nem Tau­ben­schlag kom­bi­niert war. Der Ver­zicht auf ei­nen Ein­bau von sa­ni­tä­ren An­la­gen im neu­en Haupt­lehr­ge­bäu­de zwi­schen 1888 und 1890 wog an­ge­sichts der vor­herr­schen­den hy­gie­ni­schen Be­din­gun­gen be­son­ders schwer. Erst zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts konn­ten die­se Män­gel be­ho­ben wer­den, 1905 (1904 war die Bür­ger­meis­te­rei Pop­pel­dorf in die Stadt Bonn ein­ge­mein­det wor­den) er­folg­te der An­schluss der Aka­de­mie an das städ­ti­sche Ab­was­ser­sys­tem. Es ver­wun­dert nicht, dass die stu­die­ren­den Land­wir­te auf­grund die­ser Ver­hält­nis­se von ih­ren Kom­mi­li­to­nen an der Uni­ver­si­tät als „Mist­fin­ken“ ver­spot­tet wur­den.

Als un­trag­bar er­wies sich am En­de des 19. Jahr­hun­derts auch der Zu­stand des Pop­pels­dor­fer Guts­be­trie­bes. Die Bö­den auf den noch land­wirt­schaft­lich ge­nutz­ten Par­zel­len wa­ren über­düngt, die Wirt­schafts­ge­bäu­de be­fan­den sich in ei­nem denk­bar schlech­ten Zu­stand. Be­reits im Jahr 1886 war das bau­fäl­li­ge Wohn­haus des Gut­sad­mi­nis­tra­tors oh­ne äu­ße­re Ein­wir­kung in sich zu­sam­men­ge­fal­len. Dar­über hin­aus sind auch Vor­fäl­le mut­wil­li­ger Zer­stö­rung be­legt. An­ge­sichts der schnell vor­an­schrei­ten­den Ur­ba­ni­sie­rung der Bon­ner Vor­or­te stieg der Grund­stück­wert des noch im­mer 20 Hekt­ar um­fas­sen­den Ge­län­des den­noch stark an. Die 1905 voll­zo­ge­ne Auf­lö­sung des seit 1846 be­ste­hen­den Pacht­ver­hält­nis­ses mit der Uni­ver­si­tät er­wies sich da­her als ei­ne öko­no­mi­sche Not­wen­dig­keit.

Theodor von der Goltz, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Zeit­gleich wur­de das Gut Diko­pshof bei Sech­tem (heu­te Stadt Born­heim) mit 123 Hekt­ar land­wirt­schaft­li­cher Nutz­flä­che er­wor­ben und zu ei­nem mo­der­nen An­sprü­chen ge­nü­gen­den aka­de­mi­schen Ver­suchs- und Mus­ter­be­trieb um­ge­wan­delt. We­sent­li­chen An­teil am Auf­bau des­sel­ben hat­te Jo­han­nes Han­sen (1863-1938), der im Jahr 1901 auf den Lehr­stuhl für Tier­zucht be­ru­fen wor­den war und bis 1910 in Pop­pels­dorf wirk­te. Als ehe­ma­li­ger Schü­ler und ei­ner der engs­ten Ver­trau­ten des Di­rek­tors war er auch an der Pla­nung und Um­set­zung ver­schie­de­ner Bau­pro­jek­te ma­ß­geb­lich be­tei­ligt. Im Ver­lauf sei­ner aka­de­mi­schen Lauf­bahn er­warb er sich den Ruf ei­nes der letz­ten agrar­wis­sen­schaft­li­chen Uni­ver­sal­ge­lehr­ten des 20. Jahr­hun­derts.

5. Landwirtschaftliche Hochschule (1919-1934)

Nach dem Di­rek­to­rat des Che­mi­kers Ul­rich Kreus­ler (1844-1921) zwi­schen 1906 und 1919 er­folg­te ein tief­grei­fen­der Um­bruch in der Ge­schich­te der Pop­pels­dor­fer Aka­de­mie. Be­reits im Ver­lauf der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts wa­ren die staat­li­chen land­wirt­schaft­li­chen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen un­ter ei­nen fort­wäh­ren­den Mo­der­ni­sie­rungs­druck ge­ra­ten. Die rasch vor­an­schrei­ten­de Spe­zia­li­sie­rung und Her­aus­bil­dung kom­ple­xer Ein­zel­dis­zi­pli­nen un­ter dem ge­mein­sa­men Dach der Agrar­wis­sen­schaf­ten konn­te nur durch ei­ne kon­ti­nu­ier­li­che Er­wei­te­rung der Lehr­plä­ne und lang­fris­tig be­trach­tet nur mit­tels ei­ner struk­tu­rel­len Re­form des ge­sam­ten hö­he­ren agrar­wis­sen­schaft­li­chen Bil­dungs­sys­tems kom­pen­siert wer­den.

Im Kol­le­gi­um der Pop­pels­dor­fer Aka­de­mie herrsch­te schon 1898 Ei­nig­keit über die Not­wen­dig­keit ei­ner grund­le­gen­den Ver­wal­tungs­re­form, bei der man sich am Vor­bild des Land­wirt­schaft­li­chen In­sti­tuts der Uni­ver­si­tät Bres­lau ori­en­tier­te. Hier war die zen­tra­le Or­ga­ni­sa­ti­on be­reits im Jahr 1890 zu­guns­ten ei­ner Auf­tei­lung des In­sti­tuts in ei­gen­stän­di­ge Spe­zial­in­sti­tu­te auf­ge­ge­ben wor­den. In Pop­pels­dorf war das Vor­ha­ben je­doch zu­nächst am Wi­der­spruch des Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums ge­schei­tert und konn­te erst nach Be­en­di­gung des Ers­ten Welt­kriegs wie­der auf­ge­nom­men wer­den.

Mit Be­schluss der preu­ßi­schen Staats­re­gie­rung wur­de die Pop­pels­dor­fer Aka­de­mie am 2.4.1920 in den Rang ei­ner Land­wirt­schaft­li­chen Hoch­schu­le mit Rek­to­rats­ver­fas­sung und Pro­mo­ti­ons­recht er­ho­ben. Sie glie­der­te sich ab die­sem Zeit­punkt in die ei­gen­stän­dig ver­wal­te­ten Fach­ab­tei­lun­gen „Land­wirt­schaf­t“, „Kul­tur­tech­nik und Geo­dä­sie“ und „Grund- und Hilfs­wis­sen­schaf­ten“, die wie­der­um in 13 Ein­zel­in­sti­tu­te und Se­mi­na­re un­ter­teilt wa­ren. Das höchs­te Gre­mi­um bil­de­te der Pro­fes­so­ren­rat, dem auch die Wahl des Rek­tors zu­fiel. Ab 1923 führ­te er die Be­zeich­nung Se­nat. Zum ers­ten Rek­tor wur­de 1920 der Pflan­zen­bau­wis­sen­schaft­ler Theo­dor Re­my (1868-1946) ge­wählt. In­ner­halb sei­ner zwei­jäh­ri­gen Amts­pe­ri­ode konn­te er die not­wen­di­gen und um­fang­rei­chen Maß­nah­men für den in­ne­ren Um­bau der Hoch­schu­le so­wie die Neu­re­ge­lung der Stu­di­en- und Prü­fungs­ord­nung zum Ab­schluss brin­gen.

Da­ne­ben wur­de die Hoch­schu­le vor al­lem durch den star­ken An­stieg der Stu­die­ren­den­zah­len nach dem Ers­ten Welt­krieg vor ei­ne au­ßer­or­dent­li­che lo­gis­ti­sche Her­aus­for­de­rung ge­stellt. Mit der Rück­kehr der Front­ge­ne­ra­ti­on in die Hör­sä­le war die Fre­quen­z  der Hoch­schu­le bis zum Som­mer­se­mes­ter 1921 auf ei­nen Höchst­stand von 800 stu­die­ren­den Land­wir­ten und 157 Geo­dä­ten an­ge­stie­gen. Da­mit hat­te sich ih­re Zahl ge­gen­über dem Som­mer­se­mes­ter 1914, in dem ins­ge­samt 512 Stu­die­ren­de ver­zeich­net wur­den, fast ver­dop­pelt. Trotz über­füll­ter Hör­sä­le konn­te je­doch ein ge­re­gel­ter Lehr­be­trieb auf­recht­er­hal­ten wer­den.

Im Ver­lauf der 1920er Jah­re hat­te die Hoch­schu­le mit den Aus­wir­kun­gen von In­fla­ti­on und Be­sat­zungs­zeit zu kämp­fen, dar­über hin­aus präg­ten in­ne­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen die­se Zeit. An ei­nen Aus­bau der In­sti­tu­te war ab 1923 nicht mehr zu den­ken, statt­des­sen be­stand ei­nes der vor­dring­li­chen Zie­le dar­in, der stei­gen­den wirt­schaft­li­chen Not un­ter den Stu­die­ren­den ent­ge­gen­zu­wir­ken. Im Ge­gen­satz zur Vor­kriegs­zeit wan­del­te sich das agrar­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­um von ei­nem Lohn- zu ei­nem Brot­stu­di­um. Die Er­lan­gung ei­nes aka­de­mi­schen Ab­schlus­ses wur­de nun auch für die stu­die­ren­den Land­wir­te zu ei­ner Exis­tenz­fra­ge.

Trotz al­ler Schwie­rig­kei­ten zähl­te die Pop­pels­dor­fer Hoch­schu­le auch wei­ter­hin zu den füh­ren­den land­wirt­schaft­li­chen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen im Deut­schen Reich. Im Jahr 1923 ver­zeich­ne­te sie ei­nen Per­so­nal­be­stand von 13 or­dent­li­chen Pro­fes­so­ren, zwei Uni­ver­si­täts­do­zen­ten, elf Ho­no­rar­do­zen­ten und zwei Pri­vat­do­zen­ten. Un­ter den nam­haf­ten Lehr­kräf­ten die­ser Zeit ra­gen aus der Land­wirt­schaft­li­chen Ab­tei­lung der Agrar­öko­nom Theo­dor Brink­mann (1877-1951) und der be­reits ge­nann­te Theo­dor Re­my her­vor. Bei­de hat­ten be­reits ih­re Stu­di­en­zeit an der Pop­pels­dor­fer Aka­de­mie ver­bracht. Auch Au­gust Ri­chard­sen (1873-1953), der zwi­schen 1910 und 1929 das In­sti­tut Tier­zucht und Mol­ke­rei­we­sen lei­te­te, war ein Ei­gen­ge­wächs der Hoch­schu­le. Un­ter den Geo­dä­ten ge­hör­ten Cur­ti­us Mül­ler (1866-1944) und Paul Sa­mel (1877-1962) zu den un­um­strit­te­nen Ka­pa­zi­tä­ten ih­rer Zeit. Auch sie wa­ren Ab­sol­ven­ten der Pop­pels­dor­fer Aka­de­mie, an der sie am Be­ginn ih­rer aka­de­mi­schen Lauf­bahn auch als As­sis­ten­ten tä­tig ge­we­sen wa­ren.

Lehranstalt Poppelsdorf, rechts Professor Otto Kroll, um 1900. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Die Zahl der Agrar­wis­sen­schafts­stu­die­ren­den ging seit Mit­te der 1920er Jah­re kon­ti­nu­ier­lich zu­rück. Die Über­sät­ti­gung des Ar­beits­mark­tes mit aka­de­misch ge­bil­de­ten Land­wir­ten zog seit 1923 ei­nen reichs­wei­ten dra­ma­ti­schen Rück­gang der Stu­die­ren­den­zah­len nach sich, der auch nach dem Ein­tritt des Deut­schen Rei­ches in die Dik­ta­tur 1933 an­hielt. Auch Pop­pels­dorf war von die­ser Ent­wick­lung be­trof­fen. Im Win­ter­se­mes­ter 1923/1924 war die Zahl der Land­wirt­schafts­stu­die­ren­den auf un­ter 600 ge­sun­ken und lag 1926 mit we­ni­ger als 400 Stu­die­ren­den be­reits wie­der un­ter dem Ni­veau der letz­ten Vor­kriegs­se­mes­ter. Da­ge­gen ver­zeich­ne­te die Geo­dä­sie seit Mit­te der 1920er ei­nen deut­li­chen Auf­schwung, die Zahl der Stu­die­ren­den stieg bis 1934 auf 248 an. Zum glei­chen Zeit­punkt wur­de der agrar­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en­gang nur noch von 170 Stu­die­ren­den be­legt.

6. Eingliederung in die Universität Bonn

Die Macht­er­grei­fung der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten am 30.1.1933 hat­te un­mit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen auf die Hoch­schu­le. Der am 1.4.1932 ord­nungs­ge­mäß für zwei Jah­re ge­wähl­te Rek­tor Ge­org Ro­thes (1886-1960) wur­de am 20.4.1933 zum Rück­tritt ge­drängt. Ro­thes, seit 1929 Di­rek­tor des In­sti­tuts für Tier­zucht und Mol­ke­rei­we­sen, stand der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie dis­tan­ziert ge­gen­über. An sei­ne Stel­le trat im Zu­ge ei­nes um­strit­te­nen Wahl­vor­gangs der Tier­phy­sio­lo­ge Wil­helm Klein (1885-1955), Vor­ste­her der Ab­tei­lung Grund- und Hilfs­wis­sen­schaf­ten und Mit­glied der NS­DAP, der sich je­doch durch ei­nen of­fi­zi­el­len Pro­test des Se­nats nicht im Amt hal­ten konn­te. Bei der er­neu­ten Wahl am 13.6.1933 herrsch­te zwi­schen Klein und sei­nem Ge­gen­kan­di­da­ten Paul Sa­mel Stim­men­gleich­heit, so dass die Ent­schei­dung über die Be­set­zung des Am­tes dem Land­wirt­schafts­mi­nis­ter an­ge­tra­gen wur­de, der sich auf Grund­la­ge der Pop­pels­dor­fer Hoch­schul­sat­zung für Sa­mel aus­sprach, der frei­lich eben­falls ein li­ni­en­treu­er Ver­fech­ter der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung war.

Im Zu­ge der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Um­struk­tu­rie­rungs­maß­nah­men im Be­reich des hö­he­ren Bil­dungs­we­sens wur­de die Pop­pels­dor­fer Hoch­schu­le als ei­gen­stän­di­ge Ein­rich­tung auf­ge­löst und am 1.11.1934 als sieb­te Fa­kul­tät der Bon­ner Uni­ver­si­tät an­ge­glie­dert. Der Ver­lust der Au­to­no­mie be­deu­te­te aber we­der für den Lehr­kör­per noch für die Stu­die­ren­den ei­ne schwe­re Zä­sur. Es han­del­te sich auch nicht um ei­ne ok­troy­ier­te Maß­nah­me, son­dern um ei­nen Schritt, der vom Se­nat aus­drück­lich be­für­wor­tet und be­reits zu Be­ginn der 1920er Jah­re dis­ku­tiert wor­den war. Die 100 Jah­re zu­vor von Nees und Sturm fa­vo­ri­sier­te Ein­rich­tung ei­nes land­wirt­schaft­li­chen Uni­ver­si­täts­in­sti­tuts konn­te nun in die Tat um­ge­setzt wer­den.

Literatur

150 Jah­re Rhei­ni­sche Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät zu Bonn 1818-1968.
Lüt­zeler, Hein­rich: Die Bon­ner Uni­ver­si­tät. Bau­ten und Bild­wer­ke, Bonn 1968.
150 Jah­re Rhei­ni­sche Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät zu Bonn 1818-1968. Bon­ner Ge­lehr­te. Bei­trä­ge zur Ge­schich­te der Wis­sen­schaf­ten in Bonn. Land­wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Bonn 1971.
Ha­ge­mann, Os­kar, Die Land­wirt­schaft­li­che Hoch­schu­le Bonn-Pop­pels­dorf, Bonn 1924.
Hart­stein, Edu­ard, Die hö­he­re land­wirth­schaft­li­che Lehr­an­stalt zu Pop­pels­dorf bei Bonn, Bonn 1854.
Hart­stein, Edu­ard, Die land­wirth­schaft­li­che Aka­de­mie Pop­pels­dorf. Als Bei­trag zur Ge­schich­te und Be­urt­hei­lung der land­wirth­schaft­li­chen Aka­de­mi­en, Bonn 1864.
Hart­stein, Edu­ard, Mitt­hei­lun­gen der Kö­nig­li­chen land­wirth­schaft­li­chen Aka­de­mie Pop­pels­dorf, Bonn 1868.
Kün­zel, Franz/Koll, Ot­to, Fest­schrift zur Fei­er des fünf­zig­jäh­ri­gen Be­ste­hens der Kö­nig­lich Preus­si­schen land­wirth­schaft­li­chen Aka­de­mie Pop­pels­dorf, Bonn 1897.
Land­wirt­schaft­li­che ­Fa­kul­tät ­der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn (Hg.), 150 Jah­re Leh­re und For­schung in Pop­pels­dorf, Bonn 1997, S. 24-25.
Schnüb­be, Wal­ter (Hg.), Ge­schich­te der Lands­mann­schaft Sa­lia zu Bonn im CC 1847-1972, Bonn 1973.
Wag­ner, Wil­helm, Ge­schicht­li­che Ent­wick­lung der Aka­de­misch-Land­wirt­schaft­li­chen Ver­bin­dung Agra­ria-Bonn 1847-1910, Wies­ba­den 1910.

Online

Land­wirt­schaft­li­che ­Fa­kul­tät ­der Uni­ver­si­tät Bon­n (Of­fi­zi­el­ler In­ter­net­auf­tritt der Land­wirt­schaft­li­chen ­Fa­kul­tät). [On­line]
Pop­pels­dor­fer Ge­schich­te (In­ter­net­auf­tritt des För­der­ver­eins Pop­pels­dor­fer Ge­schich­te). [On­line]

Hörsaal anlässlich der Verabschiedung Professor Ulrich Kreuslers in den Ruhestand, 1918. (Universitätsarchiv Bonn)

 
Zitationshinweis

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Thomann, Björn, Die Landwirtschaftliche Hochschule Poppelsdorf, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-landwirtschaftliche-hochschule-poppelsdorf/DE-2086/lido/57d129c2151c87.11701370 (09.12.2018)