Alfred Mannesmann

Unternehmer und Kolonialpionier (1859-1944)

Horst A. Wessel (Hilden)

Alfred Mannesmann, undatiert. (Salzgitter AG-Konzernarchiv/Mannesmann-Archiv)

Der stu­dier­te Berg­bau­in­ge­nieur Al­fred Man­nes­mann war mit­be­tei­ligt an der Er­fin­dung des Man­nes­mann-Ver­fah­rens; er war der tech­ni­sche Lei­ter des Man­nes­mann­röh­ren-Wer­kes im böh­mi­schen Ko­motau und schlie­ß­lich der er­folg­rei­che Pio­nier ei­ner mo­der­nen und nach­hal­tig be­trie­be­nen Land­wirt­schaft in Ma­rok­ko.

Al­fred Man­nes­mann wur­de am 17.7.1859 als drit­ter Sohn des Fa­bri­kan­ten und Mit­in­ha­bers der Fei­len- und Guss­stahl­fa­brik A. Man­nes­mann, Rein­hard Man­nes­mann und sei­ner Frau Kla­ra, ge­bo­re­ne Ro­choll (1834-1910), in Rem­scheid-Blie­ding­hau­sen ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war evan­ge­lisch. Zwar war der Va­ter sehr er­folg­reich und die von die­sem ge­lei­te­te Fa­brik leis­te­te ei­nen ent­schei­den­den Bei­trag zum au­ßer­or­dent­li­chen Er­folg des Un­ter­neh­mens, aber den­noch leb­te er mit sei­ner Fa­mi­lie ein­fach und spar­sam so­wie in Ver­ant­wor­tung ge­gen­über sich selbst, der Ge­sell­schaft, dem Va­ter­land und vor Gott. Die Fa­mi­lie wohn­te bis 1870 mit schlie­ß­lich neun Kin­dern in ei­nem re­la­tiv klei­nen Haus in un­mit­tel­ba­rer Nä­he der Fa­brik. Die Kin­der wur­den schon früh zur Mit­ar­beit in Haus­halt, Gar­ten und Fa­brik an­ge­hal­ten.

Al­fred er­warb wie al­le sei­ne Brü­der das Zeug­nis der Hoch­schul­rei­fe, ob­wohl das ei­nen lan­gen Schul­weg und schlie­ß­lich so­gar ei­nen aus­wär­ti­gen Schul­be­such er­for­der­te. Das war für ber­gi­sche Un­ter­neh­mer­söh­ne höchst un­ge­wöhn­lich; denn die­se ver­lie­ßen die Hö­he­re Schu­le spä­tes­tens mit dem Ein­jäh­ri­gen und mach­ten ei­ne kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung, vor­nehm­lich im Aus­land. Al­fred da­ge­gen stu­dier­te das Berg­bau­fach an der Uni­ver­si­tät in Straß­burg/El­sass, an der Berg­aka­de­mie Frei­berg/Sach­sen und schlie­ß­lich an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le in Wien. Sei­nen Dienst als Ein­jäh­rig-Frei­wil­li­ger ab­sol­vier­te er wäh­rend sei­nes Stu­di­ums in Straß­burg.

Ob an ei­nen aka­de­mi­schen Ab­schluss des Stu­di­ums ge­dacht war, ist nicht be­kannt. Da er nicht vor­hat­te, in den Dienst ei­ner staat­li­chen oder vom Staat über­wach­ten Ein­rich­tung zu tre­ten, war das auch nicht er­for­der­lich. Je­den­falls wur­den er und sein um zwei Jah­re jün­ge­rer Bru­der Carl (1861-1950) 1884 nach Rem­scheid zu­rück­be­or­dert, um die äl­te­ren Brü­der Rein­hard un­d Max bei ih­ren vor­wie­gend nächt­li­chen Ver­su­chen zur Ent­wick­lung ei­nes Ver­fah­rens zur Her­stel­lung von naht­lo­sen Roh­ren aus dem vol­len Stahl­block al­lein durch Wal­zen, die in die ent­schei­den­de Pha­se ge­tre­ten wa­ren, zu un­ter­stüt­zen.

Die­ses Ver­fah­ren, das die tech­ni­sche Welt re­vo­lu­tio­nier­te, soll­te auf je­den Fall bis zur Pa­tent­an­mel­dung ge­heim blei­ben; des­halb wur­den auch kei­ne Frem­den in der her­me­tisch ab­ge­schlos­se­nen Ver­suchs­ecke in der vom Va­ter ge­lei­te­ten Fei­len- und Stahl­fa­brik ge­dul­det; die we­ni­gen Ar­bei­ter, die die Dampf­ma­schi­ne und den An­las­so­fen be­trie­ben, wa­ren durch ei­ne Bret­ter­wand von der Ver­suchs­wal­ze ab­ge­trennt. Nach der Pa­tent­an­mel­dung An­fang 1885 setz­te Al­fred sein Stu­di­um fort, wur­de je­doch vom Va­ter und den Brü­dern Rein­hard und Max auf dem Lau­fen­den ge­hal­ten so­wie an wei­te­ren Ver­su­chen, die sich bis Mit­te des Jah­res 1886 hin­zo­gen, be­tei­ligt. Der Va­ter in­for­mier­te ihn auch über Li­zenz­ver­ga­ben und Grün­dungs­ver­hand­lun­gen.

Nach der Grün­dung der Man­nes­mann-Röh­ren-Walz­werks-Ak­ti­en­ge­sell­schaft in Ko­motau/Böh­men (ab 1889 Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke A.-G.) mit ma­ß­geb­li­cher Ka­pi­tal­be­tei­li­gung un­ter an­de­rem durch Wer­ner (1816-1892) und Fried­rich (1826-1904) Sie­mens so­wie Eu­gen Lan­gen, die Köl­ner In­dus­tri­el­len­fa­mi­lie Pfei­fer und ös­ter­rei­chi­scher In­ves­to­ren, über­nahm Al­fred 1887 die tech­ni­sche Lei­tung der Ge­sell­schaft und rich­te­te bis Mit­te des Jah­res 1888 die Röh­ren­pro­duk­ti­on nach dem Man­nes­mann-Ver­fah­ren ein. Das Werk lag am Fuß des Erz­ge­bir­ges, in der Nä­he der Ei­sen­bahn­stre­cke nach An­na­berg. In Ko­motau ar­bei­te­ten vie­le Mo­na­te lang auch die äl­te­ren Brü­der Rein­hard und Max an der Ver­bes­se­rung ih­rer Er­fin­dung. Zeit­wei­se hielt sich so­gar fast die ge­sam­te Fa­mi­lie Rein­hard Man­nes­mann sen. hier auf.

Al­fred war ma­ß­geb­lich an den An­fang der 1890er-Jah­re im Werk Ko­motau durch­ge­führ­ten Ver­su­chen sei­ner Brü­der Rein­hard und Max be­tei­ligt, die auf der Schräg­wal­ze her­ge­stell­ten dick­wan­di­gen Lup­pen zu markt­fä­hi­gen Roh­ren fer­tig zu wal­zen. Da­bei brach­te er auch ei­ge­ne Ide­en ein, die je­doch nicht den er­hoff­ten und drin­gend be­nö­tig­ten Durch­bruch brach­ten. Erst die Er­fin­dung des Pil­ger­schritt­ver­fah­rens durch Max be­deu­te­te die Lö­sung des ei­ner wirt­schaft­li­chen Nut­zung des Schräg­walz-Ver­fah­rens ent­ge­gen­ste­hen­den Pro­blems.

Ko­motau war das mit Ab­stand grö­ß­te der zu­nächst vier Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke; von hier aus wur­den vor al­lem die Märk­te in Süd- und Ost­eu­ro­pa be­lie­fert. Wich­ti­ge Ab­neh­mer, bei­spiels­wei­se der Staats­se­kre­tär des Reichs­post­am­tes, Hein­rich von Ste­phan (1831-1897), reis­ten nach Böh­men, um hier die Fa­bri­ka­ti­on der Wun­der­roh­re ken­nen­zu­ler­nen. Dass Al­fred prak­tisch ver­an­lagt und au­ßer­dem ein Mann mit gu­tem Hu­mor war, zeigt ei­ne Be­ge­ben­heit aus die­ser Zeit: Mit den mit­tels Man­nes­mann­röh­ren von der Reich­s­te­le­gra­fen­ver­wal­tung in den afri­ka­ni­schen Ko­lo­ni­en ge­bau­ten Te­le­gra­fen­li­ni­en gab es ein Pro­blem. Zwar er­wie­sen die­se sich, wie an­ge­nom­men, als re­sis­tent ge­gen Ter­mi­ten, aber die Gi­raf­fen blie­ben an den Dräh­ten hän­gen und ris­sen die Mas­ten um. Auf die Fra­ge der Ver­wal­tung „Was tun?“, te­le­gra­fier­te Al­fred zu­rück: „Grö­ße­re Mas­ten be­stel­len!“

Als 1890 die drei kon­ti­nen­ta­len Röh­ren­ge­sell­schaf­ten zur Deutsch-Ös­ter­rei­chi­schen Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke AG, Ber­lin, ver­ei­nigt wur­den, blieb Al­fred der tech­ni­sche Lei­ter von Ko­motau. Das Werk, das 1887 mit 60 Ar­bei­tern den Be­trieb auf­ge­nom­men hat­te, zähl­te 1890 1.200 Be­schäf­tig­te; es um­fass­te ne­ben der ei­gent­li­chen Walz­hal­le mit zehn, bald zwölf Wal­zen­stra­ßen ei­ne Gie­ße­rei, ei­ne Ma­schi­nen­fa­brik, ei­ne Tie­gel­stahl­schmel­ze mit Sie­mens-Re­ge­ne­ra­ti­v­ö­fen, ein Ham­mer­werk mit ei­ner Werk­zeug­fa­bri­ka­ti­on und ei­ne Gra­na­ten­dre­he­rei; au­ßer­dem ver­füg­te es über ei­ge­ne Koh­le­gru­ben in der Nä­he. Man fer­tig­te auch Roh­re aus Alu­mi­ni­um, aus de­nen mit ho­hem Per­so­nal­auf­wand Blei­stift- und Fe­der­hal­ter, Blu­men­va­sen und Bü­cher­stän­der, Ser­vi­et­ten­rin­ge, Bil­lard-, Spa­zier- und Schirm­stö­cke her­ge­stellt wur­den. Die Zahl der Be­schäf­tig­ten, die auf­trags­ab­hän­gig stark schwank­te, stieg in den Jah­ren, in de­nen Al­fred die Lei­tung in­ne hat­te, bis auf 1.300 Ar­bei­ter.

Als Rein­hard und Max 1893 im Streit mit den Ver­tre­tern der be­tei­lig­ten Ban­ken die Ge­ne­ral­di­rek­ti­on der Ge­sell­schaft nie­der­leg­ten und in den Auf­sichts­rat wech­sel­ten, gab Al­fred die tech­ni­sche Lei­tung des Wer­kes Ko­motau ab, kehr­te zu­nächst nach Rem­scheid zu­rück und be­tei­lig­te sich an der Ver­mark­tung bzw. der Nut­zung der im aus­schlie­ß­li­chen Fa­mi­li­en­be­sitz be­find­li­chen Aus­land­s­pa­ten­te für das Man­nes­mann-Ver­fah­ren. Noch im glei­chen Jahr reis­te er mit sei­nen Brü­dern Rein­hard, Carl und Ro­bert in die USA, wo ins­be­son­de­re die Fahr­rad­her­stel­ler gro­ßes In­ter­es­se an den Man­nes­mann­röh­ren zeig­ten. In Chi­ca­go wur­de an­läss­lich der Welt­aus­stel­lung im Herbst 1893 vor al­lem durch Al­fred das Schräg­walz-Ver­fah­ren prä­sen­tiert. John Fritz (1822-1913) von der be­deu­ten­den Beth­le­hem Steel Cor­po­ra­ti­on schenk­te Al­fred sein Bild mit Wid­mung und sag­te an­er­ken­nend, dass er die Er­fin­dung des naht­lo­sen Roh­res für die be­deu­tends­te Er­fin­dung des Jahr­hun­derts hal­te. Der be­rühm­te ame­ri­ka­ni­sche Er­fin­der Tho­mas A. Edi­son (1847-1931) äu­ßer­te sich nach sei­nem Be­such ähn­lich und nann­te die Er­fin­dung: „A mas­ter­pie­ce of Men as Men shoult be!“

Auch an der Aus­stel­lung in San Fran­cis­co nahm Al­fred mit sei­nen Brü­dern Rein­hard, Carl und Ro­bert teil. Die in die USA ge­setz­ten Hoff­nun­gen er­füll­ten sich je­doch nicht. Schwe­re wirt­schaft­li­che Er­schüt­te­run­gen der ame­ri­ka­ni­schen so­wie der Welt­wirt­schaft all­ge­mein, er­schwer­ten es, die tech­ni­sche Über­le­gen­heit des Man­nes­mann-Ver­fah­rens nach­hal­tig zu nut­zen. Hin­zu ka­men Pa­tent­strei­tig­kei­ten mit ei­nem ehe­ma­li­gen lei­ten­den Mit­ar­bei­ter und die Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den an der Deutsch-Ös­ter­rei­chi­schen Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke AG be­tei­lig­ten Ban­ken. Das al­les wirk­te sich nach­tei­lig auf die Be­reit­schaft ame­ri­ka­ni­scher In­ves­to­ren aus, sich an der Grün­dung ei­ner Man­nes­man­nöh­ren-Ge­sell­schaft im ge­wünsch­ten und be­nö­tig­ten Um­fang zu be­tei­li­gen. Zwei nach ein­an­der mit gro­ßem fi­nan­zi­el­lem Auf­wand sei­tens der Fa­mi­lie Man­nes­mann ge­grün­de­te Ge­sell­schaf­ten hat­ten tech­ni­schen, aber kei­nen wirt­schaft­li­chen Er­folg und muss­ten schlie­ß­lich nach ei­nem gro­ßen nicht ver­si­cher­ten Brand­scha­den mit Ver­lust li­qui­diert wer­den. Ei­ni­ge Ma­le muss­te Max Geld schi­cken, um das Schlimms­te zu ver­hü­ten – weil ih­nen das Geld fehl­te, Fei­er­tags­ge­schen­ke zu kau­fen, schick­ten sie oft lan­ge Ge­dich­te. Auch ein schwe­rer Un­fall, bei der ei­ne Haus­an­ge­stell­te und ein gu­ter Freund ih­re Le­ben ver­lo­ren und Rein­hard schwe­re Ver­bren­nun­gen da­von­trug, die ei­nen län­ge­ren Kran­ken­haus­auf­ent­halt nach sich zo­gen, er­schwer­ten die Ver­wirk­li­chung der gro­ßen Plä­ne.

Da­zu ge­hör­ten die Nut­zung der Was­ser­kräf­te der Nia­ga­ra­fäl­le zur Strom­er­zeu­gung so­wie der Bau von Fern­lei­tun­gen für die Was­ser­ver­sor­gung von Re­gio­nen mit un­zu­rei­chen­den Nie­der­schlä­gen, je­doch auch die Er­schlie­ßung von Erd­öl­vor­kom­men im Kau­ka­sus und den Trans­port des Erd­öls mit­tels Rohr­lei­tun­gen. Da­bei pfleg­ten Al­fred und sei­ne Brü­der bes­te Be­zie­hun­gen; sie ver­kehr­ten so­gar im Wei­ßen Haus und ver­folg­ten un­ter an­de­rem die Re­de des Prä­si­den­ten an­läss­lich der Kriegs­er­klä­rung ge­gen Spa­ni­en am 10.4.1898 (ers­te Ku­ba-Kri­se) von der Se­na­to­ren­lo­ge aus – Al­fred mach­te so­gar, ver­bo­te­ner­wei­se, ei­ni­ge Fo­tos. Zwar er­hiel­ten die Brü­der Man­nes­mann ei­nen Auf­trag vom ame­ri­ka­ni­schen Kriegs­mi­nis­te­ri­um in Hö­he von 250.000 Dol­lar, aber weil ih­nen das Geld zur Ein­rich­tung der Pro­duk­ti­on fehl­te, sa­hen sie sich ge­zwun­gen, die Auf­trä­ge zu­rück­zu­ge­ben. An­fang 1899 wur­de mit der Rück­kehr von Rein­hard, Al­fred, Carl und Ro­bert nach Rem­scheid das ver­lust­rei­che ame­ri­ka­ni­sche Ka­pi­tel end­gül­tig ab­ge­schlos­sen.

Nun ar­bei­te­ten die Brü­der, die al­le­samt noch un­ver­hei­ra­tet wa­ren, wie­der ge­mein­sam im tech­ni­schen Bü­ro zu Hau­se. Das vom Va­ter 1870 er­rich­te­te herr­schaft­li­che Haus, in dem das zehn­te und elf­te Kind ge­bo­ren wur­den, war nun vor al­lem Werk­statt be­zie­hungs­wei­se La­bo­ra­to­ri­um und Bü­ro. Es ist manch­mal nicht mit Si­cher­heit aus­zu­ma­chen, wer den grö­ß­ten An­teil an den Er­fin­dun­gen hat­te, die da­mals gleich dut­zend­wei­se ge­macht wur­den; je­der brach­te sich nach Kräf­ten mit ein. Die Schlaf­zim­mer­tü­ren blie­ben meist of­fen, weil die Brü­der sich neue Ide­en, die sie im Traum oder im Halb­schlaf hat­ten, gleich mit­tei­len woll­ten. Al­fred wohn­te zeit­wei­se auf der Gru­be „Lau­ra“ am Rhein, wo er als Lei­ter der Berg­wer­ke der Fa­mi­lie, Zinn­berg­wer­ke in Böh­men und Ei­sen­berg­wer­ke an Sieg und Rhein, zu tun hat­te. Im Üb­ri­gen fei­er­te man in Rem­scheid gro­ße Fes­te und ver­wöhn­te die Da­men­welt mit Blu­men und Ge­schen­ken; die Man­nes­män­ner, die al­le­samt 1,90 Me­ter und grö­ßer wa­ren, er­wie­sen sich als eben­so gu­te wie aus­dau­ern­de und ge­such­te Tän­zer; ih­re Tanz­kar­ten wa­ren im­mer gut ge­füllt.

1904 hei­ra­te­te Al­fred als zwei­ter der Brü­der Man­nes­mann, und zwar Eli­sa­beth (Lie­se) von Mo­sen­geil (1881–1981), die Toch­ter ei­nes Pro­fes­sors der Me­di­zin an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn, der fi­nan­zi­ell stark in Ko­lo­ni­al­pro­jek­ten en­ga­giert war. 1906 gab Al­fred die Lei­tung der Berg­wer­ke ab und rich­te­te sei­ne In­ter­es­sen in rasch wach­sen­dem Um­fang auf Ma­rok­ko aus, in dem sein Bru­der Rein­hard seit ei­ni­ger Zeit mit sei­ner Frau tä­tig war. Er grün­de­te die Man­nes­mann-Land-Com­pa­gnie, die sich spe­zi­ell mit der Ein­rich­tung von Farm­be­trie­ben be­schäf­tig­te; kauf­te die Tik­ten- so­wie wei­te­re Far­men, die er nach mo­der­nen eu­ro­päi­schen Me­tho­den be­wirt­schaf­te­te. Ge­mein­sam mit sei­nen Brü­dern er­warb er mehr als 50.000 Hekt­ar frucht­ba­rer Län­de­rei­en, au­ßer­dem grün­de­ten sie Han­dels­ge­sell­schaf­ten, die Ex­port- und Im­port be­trie­ben und gro­ße Wa­ren­la­ger un­ter­hiel­ten; sie bau­ten Stra­ßen, Oli­ven­pres­sen und Ge­trei­de­müh­len; zum Fuhr­park ge­hör­ten auch aus Deutsch­land ein­ge­führ­te Per­so­nen- und Last­kraft­wa­gen.

Um die deut­sche Re­gie­rung zu ei­nem stär­ke­ren En­ga­ge­ment in Ma­rok­ko zu be­we­gen, ver­an­lass­te man den Sul­tan, den Au­ßen­mi­nis­ter, Si­di Mo­ha­med Ben Asus, und ei­nen wei­te­ren ho­hen Ver­tre­ter mit ei­ner ent­spre­chen­den Bot­schaft nach Ber­lin zu ent­sen­den. Weil die deut­sche Re­gie­rung die be­ste­hen­den Schwie­rig­kei­ten mit Frank­reich, die be­reits zu di­plo­ma­ti­schen Ver­wick­lun­gen ge­führt hat­ten, nicht noch ver­meh­ren woll­te, konn­te das Vor­ha­ben nicht den ge­wünsch­ten Er­folg ha­ben. Zwar emp­fin­gen die Brü­der Man­nes­mann die De­le­ga­ti­on in Rem­scheid und be­glei­te­ten sie nach Ber­lin, wo sie auch im Aus­wär­ti­gen Amt emp­fan­gen wur­de, aber das über­ge­be­ne Schrei­ben samt zu­rück­hal­ten­der Ant­wort wur­de um­ge­hend der fran­zö­si­schen Re­gie­rung zu­gäng­lich ge­macht.

Al­fred hat­te sich in­zwi­schen mit sei­ner Fa­mi­lie in Ma­rok­ko nie­der­ge­las­sen. Er hat­te das be­acht­li­che Ver­mö­gen sei­ner Frau in sei­ne land­wirt­schaft­li­chen Un­ter­neh­mun­gen in­ves­tiert. Da­bei ging er auf sei­nen Far­men plan­voll und um­sich­tig vor; vor al­lem ging es ihm um die Ur­bar­ma­chung und die nach­hal­ti­ge Be­wirt­schaf­tung – auch von brach­lie­gen­dem und so­gar noch un­be­bau­tem Land. Er kauf­te in den USA und in Deutsch­land mo­der­ne Ma­schi­nen für die Be­ar­bei­tung des Bo­dens, die Aus­saat und das Ein­brin­gen der Ern­te; fer­ner für die Hof- und La­ger­wirt­schaft; au­ßer­dem kreuz­te er mit­tel­eu­ro­päi­sches Zucht­vieh mit ein­hei­mi­schen Ar­ten, um auch un­ter schwie­ri­gen kli­ma­ti­schen Be­din­gun­gen ei­nen hö­he­ren Er­trag zu er­zie­len. Er führ­te den Kar­tof­fel- und Zu­cker­rü­ben­an­bau ein, des­glei­chen den von So­ja­boh­nen aus der Man­dschu­rei und von zu­vor nur wei­ter süd­lich ge­dei­hen­den Erd­nüs­sen; au­ßer­dem mach­te er er­folg­rei­che Ver­su­che mit der in Ma­rok­ko noch un­be­kann­ten Baum­wol­le und der An­pflan­zung al­ge­ri­scher, spa­ni­scher und ka­li­for­ni­scher Wein­stö­cke ers­ter Qua­li­tät. Bei der Auf­fors­tung der durch Holz­raub­bau ver­öde­ten Hän­ge mach­te er ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der Ro­bert gu­te Er­fah­run­gen mit der schnell wach­sen­den ka­li­for­ni­schen Tan­ne, der Aka­zie und dem Eu­ka­lyp­tus­baum; die Schöss­lin­ge wur­den in ei­ge­nen Baum­schu­len ge­zo­gen. Die Fel­der wur­den mit Ri­zi­nus­stau­den um­ge­ben, die die Äcker vor Ero­si­on schütz­ten, je­doch auch ein kräf­ti­ges Un­ter­holz ent­wi­ckel­ten, das als Brenn­ma­te­ri­al ver­wen­det wur­de. Man lehr­te die Ein­woh­ner, Kork­ei­chen zu ern­ten, oh­ne die Bäu­me zu schä­di­gen. Zu den Far­men ge­hör­ten nicht al­lein Woh­nun­gen für die Be­leg­schaft und de­ren Fa­mi­li­en, son­dern auch Schmie­de, Stell­ma­che­rei und Kalk­bren­ne­rei; au­ßer­dem führ­ten ge­schot­ter­te und ge­walz­te Stra­ßen von den Far­men zur Haupt­stra­ße.

Die Far­men la­gen weit aus­ein­an­der, und das Land war un­si­cher. Al­fred hat­te oft lan­ge We­ge zu Pferd zu­rück­zu­le­gen; nicht sel­ten al­lein oder mit nur ei­nem Be­glei­ter. Mit­te des Jah­res 1909 war er im Sü­den, im Ge­biet der auf­stän­di­schen Rif­ka­by­len, in Ge­fan­gen­schaft ge­ra­ten. Sein Bru­der Rein­hard, der in ganz Ma­rok­ko und ins­be­son­de­re bei den Ka­by­len, die ihn so­gar zu ih­rem Ver­hand­lungs­füh­rer mit den Spa­ni­ern ge­wählt hat­ten, ho­hes An­se­hen ge­noss, in­ter­ve­nier­te und schaff­te es bald, sei­ne Frei­las­sung zu be­wir­ken. Sei­ne Frau Lie­se war oft auf sich al­lei­ne ge­stellt, wuss­te sich je­doch zu hel­fen. Wenn ihr das Wis­sen und die Er­fah­rung fehl­ten, zog sie Fach­li­te­ra­tur zu Ra­te, bei­spiels­wei­se als zum ers­ten Mal tau­sen­de von Sä­cken Saat­kar­tof­feln aus Deutsch­land ein­tra­fen, die in die Er­de muss­ten: Nach­dem sie in ei­nem Fach­buch nach­ge­schla­gen hat­te, üb­te sie im Blu­men­kü­bel; dann er­folg­te das Aus­set­zen im Gro­ßen un­ter ih­rer An­lei­tung. Es spricht für sie, dass die ers­te Ern­te sehr gut aus­fiel.

Als der Ers­te Welt­krieg aus­brach, hat­te man be­reits gu­te Er­fol­ge er­zielt, aber das Meis­te brauch­te noch Zeit, war ja auch auf lan­ge Sicht und Dau­er an­ge­legt. Ein Ver­blei­ben in Ma­rok­ko, nun Fein­des­land, war un­ter den ge­ge­be­nen Ver­hält­nis­sen nicht mög­lich. Im­mer­hin schaff­ten es Al­fred und sei­ne Brü­der, mit ih­ren Fa­mi­li­en der In­ter­nie­rung durch die Fran­zo­sen, von der die ver­blie­be­nen deut­schen Mit­ar­bei­ter be­trof­fen wa­ren, zu ent­ge­hen. Al­fred be­zog mit sei­ner Fa­mi­lie ein Haus in Porz-West­ho­ven bei Köln und über­nahm ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der Carl die kauf­män­ni­sche Füh­rung der Man­nes­mann-Mu­lag, die in Aa­chen und in Porz-West­ho­fen Last­wa­gen und Zug­ma­schi­nen bau­te, der Man­nes­mann-Licht-Ge­sell­schaft und zu­sätz­lich die der neu ge­grün­de­ten Man­nes­mann Waf­fen- und Mu­ni­ti­ons-Wer­ke, bei­de in Rem­scheid. Au­ßer­dem lei­te­te er ein ge­hei­mes Pro­jekt, näm­lich den Bau ei­nes Rie­sen-Flug­zeu­ges für die Trans­at­lan­tik­über­que­rung, mit dem die bri­ti­sche See­blo­cka­de durch­bro­chen wer­den soll­te. Als die USA in den Krieg ge­gen die Mit­tel­mäch­te ein­tra­ten, war das Ge­rät noch nicht flug­be­reit; das Im­pe­ri­al War Mu­se­um in Lon­don ver­wahrt in sei­nen Be­stän­den die über­manns­ho­hen Rä­der die­ses Un­ge­tüms. Ein Fo­to zeigt ihn mit sei­ner Frau und sechs sei­ner Kin­der, dar­un­ter ei­ne 1914 ge­bo­re­ne Toch­ter als Ba­by, in Uni­form, so dass an­ge­nom­men wer­den kann, dass er zu­min­dest in den ers­ten Kriegs­jah­ren als Re­ser­ve­of­fi­zier Dienst ge­leis­tet hat.

Nach dem Krieg war an ei­ne Rück­kehr nach Ma­rok­ko nicht zu den­ken; und der Ver­sailler Ver­trag mach­te al­le et­wa in die­se Rich­tung ge­hen­den Ge­dan­ken end­gül­tig zu­nich­te. Vom Reichs­ent­schä­di­gungs­amt wur­de Al­fred ein Li­qui­da­ti­ons­scha­den in Hö­he von knapp 24 Mil­lio­nen Gold­mark an­er­kannt. Als das Geld dann schlie­ß­lich in der Zeit der Hoch­in­fla­ti­on in (Pa­pier-) Mark aus­ge­zahlt wur­de, ver­fiel sein Wert schnel­ler, als es, den Vor­schrif­ten ent­spre­chend, in so­li­de In­lands­pro­jek­te in­ves­tiert wer­den konn­te. Ein gro­ßer Teil des Fa­mi­li­en­ver­mö­gens ging da­bei ver­lo­ren; wei­te­re, gleich­falls be­deu­ten­de Tei­le kos­te­ten die letzt­lich ver­geb­li­che Sa­nie­rung der Ge­sell­schaf­ten zur Her­stel­lung von Pkw und Lkw, die Li­qui­die­rung der Man­nes­mann­licht-Ge­sell­schaft und der Man­nes­mann Che­mi­sche Wer­ke GmbH. Wei­te­re Ver­mö­gens­wer­te hat er an ei­nen Er­fin­der ver­lo­ren, der be­haup­te­te, durch Ele­men­tumwand­lung Gold her­stel­len zu kön­nen.

Zur Exis­tenz­si­che­rung der Fa­mi­lie Al­freds so­wie der sei­nes Bru­ders Carl dien­te bis 1945 im We­sent­li­chen die nach dem Krieg ge­grün­de­te Man­nes­mann-Han­dels­ge­sell­schaft mit Sitz in So­fia. Die­se war im We­sent­li­chen ein Er­geb­nis der Ak­ti­vi­tä­ten des Bru­ders Rein­hard wäh­rend des Krie­ges und des­sen gu­ter Be­zie­hun­gen zum Za­ren und der bul­ga­ri­schen Re­gie­rung. Die­ser Ge­sell­schaft wur­den sämt­li­che Aus­lands­auf­trä­ge, un­ter an­de­rem für den Ei­sen­bahn­bau samt Lo­ko­mo­ti­ven und Wag­gons, über­tra­gen. 1922 wur­de ei­ne Sa­li­ne er­wor­ben und für die För­de­rung er­schlos­sen. Die­ser Be­trieb er­reich­te nach we­ni­gen Jah­ren ei­ne sol­che Aus­deh­nung, dass durch ihn fast der ge­sam­te Salz­be­darf des Lan­des ge­deckt wer­den konn­te. 1931 grün­de­te er mit sei­nem Bru­der Carl das Un­ter­neh­men Brü­der Man­nes­mann, das Werk­zeu­ge her­stell­te. Al­fred starb, nach­dem sein Haus in West­ho­fen aus­ge­bombt wor­den war, am 5.3.1944 bei ei­ner sei­ner Töch­ter in Bar­sin­g­hau­sen bei Han­no­ver, im 85. Le­bens­jahr. Sei­ne Frau wur­de 100 Jah­re alt; sie starb am 29.8.1981 in Porz-West­ho­fen.

Ih­re Kin­der, zwei Söh­ne und fünf Töch­ter, wa­ren tech­nisch be­gabt. Dr.-Ing. Gert Man­nes­mann (1910-1945) war ei­ner der be­kann­tes­ten U-Boot-Kom­man­dan­ten im Zwei­ten Welt­krieg; er ist bei ei­nem Flie­ger­an­griff ums Le­ben ge­kom­men. Sein Bru­der, Dr.-Ing. Die­ter Man­nes­mann, war wäh­rend des Krie­ges Schnell­boot-Kom­man­dant und hat da­nach ein Un­ter­neh­men für fo­to­tech­ni­sches Ge­rät ge­grün­det; das ers­te au­to­ma­ti­sche Blitz­licht­ge­rät für Be­rufs­fo­to­gra­fen war der von ihm ent­wi­ckel­te Man­nes­mann Blitz. Er ist bei ei­nem Sport­un­fall ums Le­ben ge­kom­men. Die Schwes­ter Ka­rin hat Ma­schi­nen­bau stu­diert und die Aus­bil­dung zur Flug­zeug­füh­re­rin ge­macht. Als jun­ge Frau hat sie als Bord­in­ge­nieu­rin 1931 an der Nord­pol­fahrt des vom le­gen­dä­ren Luft­schiff­ka­pi­tän Hu­go Ecke­ner (1868-1954) teil­ge­nom­men. Spä­ter hat sie Flug­mo­to­ren ent­wi­ckelt und er­probt.

Quellen

Salz­git­ter AG Kon­zernar­chiv/Man­nes­mann-Ar­chiv, Mül­heim an der Ruhr.

Literatur

Wes­sel, Horst A., Die Tech­ni­ker der Fa­mi­lie Man­nes­mann, in: We­ber, Wolf­hard (Hg.), In­ge­nieu­re im Ruhr­ge­biet (Rhei­nisch-West­fä­li­sche Wirt­schafts­bio­gra­phi­en, Band 17), Müns­ter 1999, S. 123-148.
Wes­sel, Horst A.,  Die Fa­mi­lie Man­nes­mann, in: Go­ri­ßen, Ste­fan/Sas­sin, H./Wes­oly, Kurt (Hg.), Ber­gi­sche Ge­schich­te, Band 2, Bie­le­feld 2016, 373-379.
Wes­sel, Horst A., Tüch­ti­ge Hand­wer­ker. Ge­nia­le In­ge­nieu­re. Wa­ge­mu­ti­ge Un­ter­neh­mer. Vier Ge­ne­ra­tio­nen der Fa­mi­lie Man­nes­mann in Rem­scheid (1768-1950), Es­sen 2019. 

 
Zitationshinweis

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Wessel, Horst A., Alfred Mannesmann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/alfred-mannesmann-/DE-2086/lido/5e130a27e3e508.30031527 (abgerufen am 26.01.2020)