Erwin Nasse

Nationalökonom (1829–1890)

Nina Streeck (München)

Erwin Nasse, Porträt. (Universitätsarchiv Bonn)

Er­win Nas­se war Na­tio­nal­öko­nom und Po­li­ti­ker so­wie Mit­be­grün­der und Vor­sit­zen­der des "Ver­eins für So­ci­al­po­li­tik".

Nas­se wur­de am 2.12.1829 als ach­tes von neun Kin­dern des re­nom­mier­ten In­ter­nis­ten und Psych­ia­ters Chris­ti­an Fried­rich Nas­se (1778-1851) und des­sen Ehe­frau Hen­ri­et­te We­ber (1788-1878) in Bonn ge­bo­ren. Die Re­li­gio­si­tät und das viel­fäl­ti­ge In­ter­es­se sei­nes pro­tes­tan­ti­schen Va­ters an Po­li­tik, Re­li­gi­on, Kunst und Li­te­ra­tur soll­ten ihn zeit­le­bens prä­gen. Von Nas­se ist über­lie­fert, er sei stets mit ei­nem Band von Shake­speare oder Goe­the in der Ho­sen­ta­sche an­zu­tref­fen ge­we­sen. Nach dem Be­such des Gym­na­si­ums in Bonn nahm er dort 1846 das Stu­di­um der Klas­si­schen Phi­lo­lo­gie auf. Zwei Jah­re spä­ter wech­sel­te er kurz­fris­tig nach Göt­tin­gen, wur­de dann aber 1851 wie­der in Bonn mit der Dis­ser­ta­ti­on „Me­le­te­ma­ta de pu­bli­ca cu­ra an­nonae apud Ro­ma­nos" pro­mo­viert, ei­ner phi­lo­lo­gisch-his­to­ri­schen Ar­beit, bei der sein so­zi­al­wis­sen­schaft­li­ches In­ter­es­se al­ler­dings be­reits an­klingt.

Nach der Pro­mo­ti­on ab­sol­vier­te er sei­nen Mi­li­tär­dienst und be­schloss wäh­rend­des­sen, sich fort­an der Na­tio­nal­öko­no­mie zu wid­men. Dem wei­te­ren Stu­di­um in Ber­lin so­wie ei­nem län­ge­ren Auf­ent­halt in Eng­land folg­te 1854 die Ha­bi­li­ta­ti­on über das bri­ti­sche Steu­er­we­sen in Bonn. Im Früh­jahr 1856 wur­de Nas­se zum Pro­fes­sor der Staats­wis­sen­schaf­ten in Ba­sel be­ru­fen, nur ein hal­bes Jahr spä­ter wech­sel­te er nach Ros­tock. 1860 kehr­te er als Pro­fes­sor für /span> in sei­ne Hei­mat­stadt Bonn zu­rück, wo er zeit­wei­se das De­ka­nat der phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät so­wie das Rek­to­rat in­ne­hat­te. 1869 wur­de er als An­ge­hö­ri­ger der Frei­kon­ser­va­ti­ven Par­tei ins preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus ge­wählt und en­ga­gier­te sich dort vor al­lem in der Bud­get­kom­mis­si­on. We­gen zu­neh­men­der Lehr­ver­pflich­tun­gen an der Uni­ver­si­tät und aus Un­zu­frie­den­heit über Ot­to von Bis­marcks (1815-1898) Schutz­zoll­po­li­tik schied er zehn Jah­re spä­ter aus dem Par­la­ment aus.

1873 war Nas­se Mit­be­grün­der des "Ver­eins für So­ci­al­po­li­tik", des­sen Vor­sit­zen­der er im Jahr dar­auf bis zu sei­nem Tod wur­de. Ein Jahr vor sei­nem Tod er­nann­te ihn die Bon­ner Uni­ver­si­tät zu ih­rem Ver­tre­ter im preu­ßi­schen Her­ren­haus. Be­vor er je­doch erst­mals an ei­ner Sit­zung teil­neh­men konn­te, raff­te ihn am 4.1.1890 in Bonn ei­ne Grip­pe­epi­de­mie da­hin. Sein Grab be­fin­det sich auf dem Pop­pels­dor­fer Fried­hof in Bonn. Als Wis­sen­schaft­ler fiel Nas­se durch sei­ne viel­fäl­ti­gen In­ter­es­sen auf. Der his­to­ri­schen Schu­le der Na­tio­nal­öko­no­mie na­he ste­hend, wenn­gleich nicht völ­lig mit ihr iden­ti­fi­ziert, ver­wies er häu­fig dar­auf, wie wert­voll sei­ne phi­lo­lo­gi­sche Schu­lung ge­we­sen sei und mo­ti­vier­te sei­ne acht Kin­der aus sei­ner Ehe mit Her­mi­ne von Ho­gen­dorp, die er 1858 ge­hei­ra­tet hat­te, sich um­fas­send ge­schicht­lich zu bil­den. Nas­se ver­öf­fent­lich­te Schrif­ten über das Geld- und das Bank­we­sen, die eng­li­sche und preus­si­sche Steu­er­po­li­tik, das eng­li­sche Par­la­ment und das preus­si­sche Be­am­ten­tum, wo­bei vor al­lem sei­ne Ab­hand­lun­gen über das Bank- und das Geld­we­sen Be­ach­tung fan­den, die sein be­rühm­ter Kol­le­ge Jo­seph Schum­pe­ter (1883-1950) spä­ter zu den bes­ten deut­schen Pu­bli­ka­tio­nen zähl­te.

Die ers­ten rein volks­wirt­schaft­li­chen Schrif­ten, in de­nen er sich mit der eng­li­schen Steu­er­po­li­tik und dem preus­si­schen Bank­we­sen be­fass­te, er­schie­nen Mit­te der 1850er Jah­re. Ab 1863 wid­me­te er sich ver­mehrt wirt­schafts­ge­schicht­li­chen The­men, was sei­nen Hö­he­punkt 1869 in der Ver­öf­fent­li­chung „Über die mit­tel­al­ter­li­che Feld­ge­mein­schaft und die Ein­he­gung des 16. Jahr­hun­derts in Eng­land" fand.

Ge­prägt von sei­nem tie­fre­li­giö­sen El­tern­haus en­ga­gier­te sich Nas­se in der Ge­mein­de­ver­tre­tung sei­ner Kir­che und be­gann, sich zu­nächst im Rah­men christ­li­cher Ge­mein­schaf­ten mit Fra­gen der So­zi­al­po­li­tik zu be­fas­sen und En­de der 1860er Jah­re Vor­trä­ge über Ar­men­pfle­ge und die Ar­bei­ter­fra­ge zu hal­ten. Sein En­ga­ge­ment mün­de­te schlie­ß­lich in der Mit­be­grün­dung des "Ver­eins für So­ci­al­po­li­tik", der es sich auf die Fah­nen ge­schrie­ben hat­te, dem Lais­sez-fai­re-Den­ken des deut­schen Man­ches­ter­li­be­ra­lis­mus, der sich ge­gen ei­ne ak­ti­ve So­zi­al­po­li­tik ein­setz­te, ent­ge­gen zu tre­ten, was den Grün­dern des Ver­eins als­bald das Eti­kett „Ka­the­der­so­zia­lis­ten" ein­trug.

Der Ver­ein soll­te zu ei­ner be­deu­ten­den öko­no­mi­schen Ver­ei­ni­gung her­an­wach­sen, nach­dem er sich rund um die Jahr­hun­dert­wen­de von ei­ner so­zi­al­po­li­tisch klar po­si­tio­nier­ten In­ter­es­sen­grup­pe zu ei­ner po­li­tisch neu­tra­len Ge­sell­schaft wan­del­te. Als Vor­sit­zen­der des Ver­eins gab Nas­se ge­mein­sam mit sei­nem Kol­le­gen Adolph Wag­ner (1835-1917), ei­nem der be­kann­tes­ten Öko­no­men der Ära Bis­marck, ei­ne Neu­auf­la­ge des mehr­bän­di­gen „Lehr­buch der Po­li­ti­schen Öko­no­mie" von Karl Hein­rich Rau (1792-1870) her­aus, ein wich­ti­ges Lehr­buch sei­ner Zeit, das in meh­re­re Spra­chen über­setzt wur­de.

Werke (Auswahl)

Ar­men­pfle­ge und Selbst­hil­fe, Bonn 1868.

Be­mer­kun­gen über das preu­ßi­sche Steu­er­sys­tem, Bonn 1861.

Me­le­te­ma­ta de pu­bli­ca cu­ra an­nonae apud Ro­ma­nos, Dis­ser­ta­ti­ons­schrift, Bonn 1851.

Die Preu­ßi­sche Bank und die Aus­deh­nung ih­res Ge­schäfts­krei­ses in Deutsch­land, Bonn 1866.

Über die mit­tel­al­ter­li­che Feld­ge­mein­schaft und die Ein­he­gung des 16. Jahr­hun­derts in Eng­land, Bonn 1869.

Über die Re­for­men im bri­ti­schen Steu­er­we­sen seit der Wie­der­ein­füh­rung der Ein­kom­men-Steu­er durch Sir Ro­bert Peel, Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift, Bonn 1854.

Literatur

Mann, Bern­hard/Do­er­ry, Mar­tin/Rauh, Cor­ne­lia,/Küh­ne, Tho­mas (Hg.), Bio­gra­phi­sches Hand­buch für das Preus­si­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus 1867–1918, Düs­sel­dorf 1988, S. 280.

 
Zitationshinweis

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Streeck, Nina, Erwin Nasse, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/erwin-nasse/DE-2086/lido/57c95254b9cf87.03197788 (16.07.2018)