Helena Curtens

Hexenprozessopfer (1722-1738)

Jennifer Striewski (Bonn)

Gerresheimer Hexenstein, errichtet 1989 zum Gedenken an die 1738 in Gerresheim als Hexen verbrannten Helena Curtens und Agnes Ol-mans (um 1690-1738) mit der Inschrift: Die Würde des Menschen ist unantastbar, Bildhauerin: Gabriele Tefke, Foto: Werner Breuers.

He­le­na Cur­tens wur­de 1738 im Al­ter von 16 Jah­ren zu­sam­men mit ih­rer Nach­ba­rin Agnes Ol­mans als He­xe ver­brannt. Der spek­ta­ku­lä­re und gleich­zei­tig letz­te He­xen­pro­zess am Nie­der­rhein hielt die Be­völ­ke­run­g Düs­sel­dorfs und der um­lie­gen­den Dör­fer über ei­nen Zeit­raum von ein­ein­halb Jah­ren in­ A­tem.

He­le­ne Mecht­hild Cur­tens wur­de ver­mut­lich im Mai 1722 als Toch­ter von Ca­s­pa­rus Cur­tens und sei­ner Frau Eli­sa­beth Jä­gers ge­bo­ren. Die Tau­fe er­folg­te am 18.5.1722 in Ger­res­heim (heu­te Stadt Düs­sel­dorf). Nach­dem ih­re Mut­ter im Spät­herbst 1729 nach der Ge­burt des sieb­ten Kin­des ge­stor­ben war, hei­ra­te­te der Va­ter sei­ne vier­te Ehe­frau An­na Mar­ga­re­the Mei­sen­burg. Das Ver­hält­nis He­le­nas zur Stief­mut­ter soll­te sich als schwie­rig er­wei­sen. Aus den vier Ehen des Va­ters gin­gen 18 Kin­der her­vor.

Von ih­ren El­tern und den Nach­barn wur­de He­le­na als klu­ges und auf­ge­weck­tes, aber auch flat­ter­haf­tes Kind be­schrie­ben. Sie war krank­heits­an­fäl­lig und pil­ger­te, um Hei­lung zu fin­den, mehr­fach, zu­letzt im Herbst 1736, mit ih­rem Va­ter nach Keve­la­er, dem be­deu­tends­ten Wall­fahrts­ort am Nie­der­rhein. Nach ih­rer Rück­kehr ver­brei­te­te He­le­na Cur­tens bei den Mäg­den und den Nach­ba­rin­nen in der Stadt, sie ha­be Geis­ter­er­schei­nun­gen ge­habt und ei­ni­ge Tü­cher als Be­leg ih­rer Ge­ne­sung er­hal­ten. Sie be­zich­tig­te ih­re Nach­ba­rin Agnes Ol­mans der He­xe­rei und er­zähl­te, sie wer­de seit der Wall­fahrt re­gel­mä­ßig von ei­nem Mann be­sucht, der sich „der Schwar­ze" nen­ne.

Die Ge­rüch­te über das ge­ra­de 14-jäh­ri­ge Mäd­chen ver­brei­te­ten sich schnell und ge­lang­ten auch an Jo­hann Wey­rich Si­gis­mund Schwarz, den Rich­ter des Am­tes Mett­mann, in dem Ger­res­heim lag. Da in Jü­lich-Berg He­xe­rei als ein Schwer­ver­bre­chen galt, ließ Schwarz An­fang 1737 He­le­na Cur­tens, Agnes Ol­mans und de­ren zwei Töch­ter in­haf­tie­ren.

Wäh­rend der Vor­un­ter­su­chun­gen in Ger­res­heim, die Schwarz lei­te­te, be­stä­tig­te Cur­tens die Ge­rüch­te, die über sie in Um­lauf wa­ren und wie­der­hol­te ih­re An­schul­di­gun­gen ge­gen die 47-jäh­ri­ge Agnes Ol­mans und ih­re bei­den Töch­ter. Sie sag­te aus, Geis­ter hät­ten sie ge­drängt, in Keve­la­er der Got­tes­mut­ter ein Op­fer dar­zu­brin­gen, um ei­ni­ge Geis­ter zu er­lö­sen. Als Dank da­für ha­be sie je­des Mal ei­nes der Tü­cher er­hal­ten, die sie von ih­rer Krank­heit hei­len soll­ten. Ei­nes der Tü­cher ha­be ihr der Teu­fel per­sön­lich ge­ge­ben, die an­de­ren Agnes Ol­mans, die ihr auch ver­si­chert ha­be, sie wer­de mit Hil­fe des Teu­fels wie­der ge­sund. Au­ßer­dem gab das Mäd­chen zu, et­li­che Ma­le vom Teu­fel auf­ge­sucht wor­den zu sein und mit ihm Ge­schlechts­ver­kehr ge­habt zu ha­ben. Sie ha­be Ge­gen­stän­de durch die Luft flie­gen las­sen kön­nen und sei mit Hil­fe des Teu­fels an ver­schie­de­nen Or­ten gleich­zei­tig ge­we­sen, was von meh­re­ren Zeu­gen be­stä­tigt wur­de.

  Wäh­rend des Pro­zes­ses in Ger­res­heim und Düs­sel­dorf be­stritt oder wi­der­rief Cur­tens kei­ne ih­rer Aus­sa­gen, ob­wohl ihr von Sei­ten des Ge­richts mehr­fach vor Au­gen ge­hal­ten wur­de, dass ihr bei ei­ner Ver­ur­tei­lung als He­xe der Tod durch Ver­bren­nen dro­he. Trotz­dem gab sie an, nach dem Teu­fels­pakt noch vier­mal zur Hei­li­gen Kom­mu­ni­on ge­gan­gen zu sein und auf An­ra­ten von Agnes Ol­mans die Hos­ti­en an Schwei­ne und Kü­he ver­füt­tert zu ha­ben. 

Schwarz be­rich­te­te mehr­fach an den Düs­sel­dor­fer Hof­rat und stell­te fest, dass sich He­le­na Cur­tens und Agnes Ol­mans der Teu­fels­buhl­schaft, des Flugs durch die Luft, der Tier­ver­wand­lung und der Hos­ti­en­schän­dung schul­dig ge­macht hät­ten. Der un­ge­klär­te Tod der jüngs­ten Ol­mans-Toch­ter sorg­te für wei­te­res Miss­trau­en. 

  Im Ge­gen­satz zu He­le­na Cur­tens, die wäh­rend der Ver­hö­re al­le An­schul­di­gun­gen be­reit­wil­lig be­stä­tig­te, leug­ne­te Agnes Ol­mans be­harr­lich, ei­ne He­xe zu sein. Die Be­haup­tun­gen, sie ha­be He­le­na Cur­tens mit dem Teu­fel zu­sam­men ge­bracht und ih­re ei­ge­nen Töch­ter die Zau­be­rei ge­lehrt, be­stritt sie ve­he­ment. Zum Be­weis ih­rer Un­schuld bot sie an, sich ei­ner Was­ser­pro­be zu un­ter­zie­hen. Das lehn­te Schwarz ab, da de­ren An­wen­dung laut der Ber­gi­schen Ge­richts­ord­nung von 1555 als Mit­tel zur Wahr­heits­fin­dung nicht ge­stat­tet war. 

Im Mai 1737 ließ Schwarz die bei­den Frau­en ei­ner Lei­bes­vi­si­ta­ti­on un­ter­zie­hen. Wäh­rend die so ge­nann­te „Na­del­pro­be" bei Agnes Ol­mans ne­ga­tiv aus­fiel, fand sich an­schei­nend bei He­le­na Cur­tens ei­ne schmer­zu­n­emp­find­li­che Stel­le auf der Haut, die nicht blu­te­te, als mit ei­ner Na­del hin­ein ge­sto­chen wur­de. Das galt als In­diz für ein „Teu­fels­mal". 

Am 29.6.1737 über­sand­te Schwarz al­le Ver­hör­pro­to­kol­le und Be­weis­mit­tel an den Düs­sel­dor­fer Hof­rat Eck­hardt und über­stell­te die in­haf­tier­ten Frau­en dem Düs­sel­dor­fer Haupt­ge­richt, wo das Haupt­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wur­de. Die be­reits in Ger­res­heim ver­nom­me­nen Zeu­gen wur­den er­neut vor­ge­la­den und muss­ten ih­re Aus­sa­gen wie­der­ho­len und be­stä­ti­gen.

Auch in den er­neu­ten Ver­hö­re war He­le­na Cur­tens ge­stän­dig. So gab sie an, dass sie der Teu­fel auch wäh­rend der Haft in Düs­sel­dorf auf­su­che und ihr mit dem Tod ge­droht ha­be, wenn sie ihm nicht ge­hor­che. Of­fen­bar ver­such­te sie in die­ser Zeit, sich mehr­fach zu er­wür­gen und litt un­ter star­ken Tob­suchts­an­fäl­len. Ei­ne me­di­zi­ni­sche Un­ter­su­chung schloss kör­per­li­che Ur­sa­chen aus. Auch nach vier Ta­gen Dun­kel­haft und ei­nem an­schlie­ßen­den Ex­or­zis­mus ver­rin­ger­ten sich die An­fäl­le nicht. 

Agnes Ol­mans hin­ge­gen war auch in Düs­sel­dorf nicht ge­stän­dig und leug­ne­te die ihr zur Last ge­leg­ten Ta­ten. Als sie ei­ner pein­li­chen Be­fra­gung und der Fol­ter un­ter­zo­gen wur­de, gab sie al­ler­dings al­les zu. Sie ge­stand, seit En­de Ok­to­ber 1736 mit dem Teu­fel im Bun­de ge­we­sen zu sein und sich die­sem für sechs Jah­re ver­schrie­ben zu ha­ben. Au­ßer­dem ha­be sie den Teu­fel ge­be­ten, He­le­na Cur­tens mit ei­ner Krank­heit zu stra­fen, da die­se sich über den Tod ih­rer jüngs­ten Toch­ter lus­tig ge­macht ha­be. 

 Zwei von Hof­rat Eck­harth er­ar­bei­te­te Gut­ach­ten wur­den dem Düs­sel­dor­fer Haupt­ge­richt und dem Jü­lich-Ber­gi­schen Hof­rat im Som­mer 1737 zur Ur­teils­fin­dung vor­ge­legt. Da­bei stütz­te er sich meist auf Rechts­au­to­ri­tä­ten, die als Be­für­wor­ter der He­xen­ver­fol­gun­gen gal­ten. Ne­ben Grö­ßen wie Au­gus­ti­nus (354-430) oder Tho­mas von Aquin (1225-1274) be­rief er sich vor al­lem auf Mar­tin Del­rio (1551-1606), Be­ne­dikt Carpzow (1595-1666), Pe­ter Bins­feld, Jean Bo­din (1530-1596) und Di­ede­rich Gra­mi­na­eus (1550-1610). Die Stim­men der Kri­ti­ker, wie die von Fried­rich Spee o­der Jo­hann Wey­er, wur­den bei den ju­ris­ti­schen Gut­ach­ten weit­ge­hend igno­riert. Ins­ge­samt wur­den 30 füh­ren­de Dä­mo­no­lo­gen und Ju­ris­ten an­ge­führt. 

Die Haupt­schuld trug nach Aus­sa­gen von He­le­na Cur­tens und nach An­sicht des Ge­richts Agnes Ol­mans. Sie wur­de für schul­dig be­fun­den, He­le­na zum Bund mit dem Teu­fel ver­führt und die Angst vor „dem Schwar­zen" ge­nom­men zu ha­ben. Au­ßer­dem soll­te sie ihr ei­ne He­xen­sal­be ge­gen ih­re Schmer­zen ge­ge­ben ha­ben. Nicht nur He­le­na und die Nach­barn sag­ten ge­gen Agnes Ol­mans aus, son­dern so­gar ihr ei­ge­ner Mann Hein­rich Ol­mans er­in­ner­te sich dar­an, dass be­reits Agnes’ Mut­ter als „He­xen-Gret" im Dorf be­kannt ge­we­sen und die jüngs­te Toch­ter Ca­tha­ri­ne Ger­trud un­ter un­ge­klär­ten Um­stän­den ums Le­ben ge­kom­men war. Wei­te­re Zeu­gen woll­ten von den un­heim­li­chen Fä­hig­kei­ten der Ol­mans-Töch­ter und dem schlech­ten Leu­mund der Agnes Ol­mans wis­sen. 

Am 24.7.1738 emp­fahl Hof­rat Eck­arth, He­le­na Cur­tens und Agnes Ol­mans we­gen er­wie­se­ner Teu­fels­buhl­schaft und Got­tes­läs­te­rung zum Tod auf dem Schei­ter­hau­fen zu ver­ur­tei­len. Das Ur­teil wur­de zwi­schen dem 24.7. und dem 15.8.1738 ge­spro­chen und durch den Lan­des­herrn Karl Phil­ipp von Pfalz-Neu­burg (1661-1742) be­stä­tigt. Die Ver­bren­nung soll­te laut Schwarz als wirk­sa­me Ab­schre­ckung und päd­ago­gi­sches Ex­em­pel die­nen, ver­bun­den mit der ein­dring­li­chen Er­mah­nung, auch bei Kin­dern die Mög­lich­keit ei­nes Teu­fels­pak­tes in Be­tracht zu zie­hen.

He­le­na Mecht­hild Cur­tens und Agnes Ol­mans wur­den nach Ger­res­heim über­führt und am 19.8.1738 öf­fent­lich ver­brannt. An ihr Schick­sal er­in­nert heu­te der „Ger­res­hei­mer He­xen­stein" in Düs­sel­dorf-Ger­res­heim.

Literatur

Be­cker-Will­hardt, Han­ne­lo­re, „…al­len Zei­ten zur War­nung!" Der He­xen­pro­zess ge­gen die Ger­res­hei­me­rin­nen He­le­ne Mecht­hild Cur­tens und Agnes Ol­mans (1737/38), in: Neu­haus-Koch, Aria­ne (Hg.), Der ei­ge­ne Blick. Frau­en-Ge­schich­te und –Kul­tur in Düs­sel­dorf, S. 13-26.
Bös­kens, Cle­mens Pe­ter, He­xen­pro­zess Ger­res­heim 1737/38. Die letz­te He­xen­ver­bren­nung im Rhein­land, Düs­sel­dorf 1996.
Müns­ter-Schrö­er, Eri­ka, Ein vor­ge­täusch­tes Wun­der, ein He­xen­pro­zess und ei­ne Wall­fahrt. Ger­res­heim und Düs­sel­dorf, Keve­la­er und Ne­vi­ges, in: Walz, Rai­ner (Hg.), An­fech­tun­gen der Ver­nunft. Wun­der und Wun­der­glau­be in der Neu­zeit, Es­sen 2006, S. 97-115.

Online

Müns­ter-Schrö­er, Eri­ka, He­xen­ver­fol­gun­gen in Düs­sel­dorf, In: Le­xi­kon zur Ge­schich­te der He­xen­ver­fol­gung, hg. von Gu­drun Gers­mann, Kat­rin Mo­el­ler und Jür­gen-Mi­cha­el Schmidt, in: his­to­ri­cum.net. [On­line]

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Striewski, Jennifer, Helena Curtens, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/helena-curtens-/DE-2086/lido/57c68eec2fac60.82356669 (19.10.2018)