Johann Wilhelm

Herzog von Jülich-Kleve-Berg (1562-1609)

Martin Bock (Frechen)

Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg, Stich von Dominicus Custos, zwischen 1600 und 1602. (public domain)

Die Ab­si­che­rung dy­nas­ti­scher In­ter­es­sen durch Hei­rat und ei­ne aus­rei­chen­de Zahl Nach­kom­men kann als we­sent­li­ches Merk­mal der Fa­mi­li­en­po­li­tik des früh­neu­zeit­li­chen Adels ge­se­hen wer­den. Durch ge­schickt ge­plan­te und teil­wei­se auf­wän­dig ar­ran­gier­te Ver­bin­dun­gen brach­ten es man­che ur­sprüng­lich klei­ne Fürs­ten­häu­ser, al­len vor­an die Habs­bur­ger, zu ei­ner im­men­sen Ein­fluss­sphä­re. Ins­be­son­de­re im Um­feld dy­nas­ti­scher Brü­che, beim Aus­ster­ben ei­ner Fa­mi­lie im Man­nes­stamm et­wa, ver­dich­te­ten sich die Be­mü­hun­gen von for­mal oder ver­meint­lich an­ver­wand­ten Li­ni­en, um ein Herr­schafts­ge­biet über­neh­men zu kön­nen.

Das Her­zog­tum Jü­lich-Kle­ve Berg galt im 16. Jahr­hun­dert als geo­stra­te­gisch äu­ßerst wert­vol­les Herr­schafts­ge­biet, und die Chan­cen der Ein­fluss­nah­me stan­den nicht schlecht, weil Her­zo­g Wil­helm V. „der Rei­che“ bei ins­ge­samt sie­ben Kin­dern fünf Töch­ter und nur zwei Söh­ne hat­te, von de­nen ei­ner, Karl Fried­rich (1555-1575) früh starb, der an­de­re, Jo­hann Wil­helm, be­reits seit frü­hes­ter Ju­gend An­zei­chen ei­ner sich im Er­wach­se­nen­al­ter po­ten­zie­ren­den Geis­tes­krank­heit zeig­te, die ihn eben­so re­gie­rungs­un­fä­hig mach­te wie auch trotz zwei­er Ehen die Ge­burt von Nach­kom­men ver­hin­der­te. Jo­hann Wil­helm war da­mit nicht nur per­sön­lich ei­ne tra­gi­sche Ge­stalt der Zeit um 1600; sein Tod und der fol­gen­de Streit um das Er­be mar­kie­ren auch ei­nen ers­ten Vor­bo­ten des Drei­ßig­jäh­ri­gen Kriegs eben­so wie den be­gin­nen­den Auf­stieg Bran­den­burg-Preu­ßens im Macht­ge­fü­ge des Rei­ches.

Jo­hann Wil­helm von Jü­lich-Kle­ve-Berg wur­de am 29.5.1562 als Sohn des re­gie­ren­den Her­zogs Wil­helm und des­sen zwei­ter Frau Ma­ria von Habs­burg (1531-1581), ei­ner Toch­ter Kai­ser Fer­di­nands I. (1503-1564) ge­bo­ren. Schon in die­ser Kon­stel­la­ti­on ist zu er­ken­nen, dass das Kai­ser­haus ei­ne Brü­cke an den Nie­der­rhein schla­gen und sei­ne nie­der­län­di­schen Be­sit­zun­gen ab­si­chern woll­te. Als zweit­ge­bo­re­ner Sohn wur­de Jo­hann Wil­helm zu­nächst für den geist­li­chen Stand be­stimmt und am Xan­te­ner Stift St. Vik­tor er­zo­gen. In der Fol­ge er­hielt er zur fi­nan­zi­el­len Ab­si­che­rung meh­re­re Pfrün­den, dar­un­ter 1573 ei­ne Dom­her­ren­stel­le in Köln. Au­ßer­dem wur­de er zum Bi­schof von Müns­ter de­si­gniert und im Jahr 1574, al­so im Al­ter von knapp zwölf Jah­ren, ge­wählt. Im fol­gen­den Jahr starb je­doch sein äl­te­rer Bru­der Karl Fried­rich wäh­rend ei­nes Ro­mauf­ent­hal­tes an den Po­cken. Jo­hann Wil­helm wur­de da­mit zum Erb­prin­zen der Ver­ei­nig­ten Her­zog­tü­mer. In die­ser Rol­le hät­te er ei­gent­lich sei­nen durch meh­re­re Schlag­an­fäl­le ge­schwäch­ten Va­ter un­ter­stüt­zen müs­sen; es deu­tet hin­ge­gen auf ei­nen be­reits in die­sem Al­ter auch geis­tig schlech­ten Zu­stand des kör­per­lich oh­ne­hin kränk­li­chen Jun­gen, dass er die nächs­ten Jah­re in ziem­li­cher Ab­ge­schie­den­heit und we­nig stan­des­ge­mäß auf ei­nem Land­gut in Horst­mar bei Müns­ter ver­brach­te und we­der in die Re­gie­rungs- und Re­prä­sen­ta­ti­ons­ge­schäf­te ein­be­zo­gen noch durch ent­spre­chen­den Un­ter­richt dar­auf vor­be­rei­tet wur­de.

Wäh­rend des zwi­schen­zeit­li­chen Strei­tes um sei­ne Nach­fol­ge im Bis­tum Müns­ter trat Jo­hann Wil­helm nur pas­siv in Er­schei­nung und blieb, da das Müns­te­ra­ner Dom­ka­pi­tel Ernst von Bay­ern zu wäh­len nicht be­reit war, zu­nächst welt­li­cher Ad­mi­nis­tra­tor des Hoch­stifts. Als Ernst 1585 schlie­ß­lich doch ge­wählt wur­de, re­si­gnier­te Jo­hann Wil­helm um­ge­hend.

Den bay­ri­schen Ein­fluss am Nie­der­rhein stär­ken soll­te auch die Ver­bin­dung, die 1584 zwi­schen Jo­hann Wil­helm und der Mark­grä­fin Ja­ko­be von Ba­den ge­schlos­sen wur­de. Ja­ko­be war ei­ne Nich­te Her­zog Al­brechts von Bay­ern (1528-1579), an des­sen Hof sie nach dem frü­hen Tod ih­rer El­tern er­zo­gen wor­den war. Al­ler­dings pro­fi­tier­te die ka­tho­li­sche Par­tei nicht un­mit­tel­bar von die­sem Ar­ran­ge­ment, denn so­wohl Ja­ko­be als auch Jo­hann Wil­helm füg­ten sich zu­nächst der via me­dia, der am Düs­sel­dor­fer Hof eta­blier­ten, kon­fes­si­ons­po­li­tisch ver­mit­teln­den und ge­mä­ßig­ten Po­si­ti­on Her­zog Wil­helms. Jo­hann Wil­helm schwank­te al­ler­dings zwi­schen den Ex­tre­men; war er zu­nächst der ka­tho­li­schen Re­form zu­ge­tan und such­te An­schluss an Spa­ni­en, ver­an­lass­te er ab 1586 die Ver­fol­gung von Pro­tes­tan­ten in Jü­lich, was ihn mit sei­nem Va­ter nach­hal­tig ent­zwei­te.

Zu ei­ner Ver­söh­nung kam es nicht mehr, bis Wil­helm 1592, selbst von schwe­ren Krank­hei­ten ge­zeich­net und von Miss­trau­en in sei­ne Um­ge­bung er­füllt, starb. In die­sen Jah­ren der of­fe­nen Feind­se­lig­kei­ten zwi­schen Va­ter und Sohn brach Jo­hann Wil­helms als Wahn­sinn be­zeich­ne­tes Lei­den end­gül­tig aus. Zu­nächst litt er seit dem Früh­jahr 1589 un­ter De­pres­sio­nen und Angst­zu­stän­den, we­nig spä­ter ka­men Tob­suchts­an­fäl­le hin­zu. In­so­fern war an ei­ne Über­nah­me der Re­gent­schaft nicht zu den­ken, die an sei­ner Stel­le sei­ne Ge­mah­lin Ja­ko­be aus­zu­üben ge­dach­te. Jo­hann Wil­helm wur­de in Schutz­haft ge­nom­men. Oh­ne die zu­min­dest äu­ße­re Le­gi­ti­ma­ti­on ih­res Man­nes und in­fol­ge ei­ni­ger un­ge­schick­ter Maß­nah­men und nicht zu­letzt ei­ner an­geb­li­chen au­ßer­ehe­li­chen Liai­son konn­te die Her­zo­gin nicht auf die Un­ter­stüt­zung des Ho­fes und der Rä­te set­zen, zu­mal sie we­gen der wahr­schein­li­chen Zeu­gungs­un­fä­hig­keit ih­res Man­nes kei­nen Nach­fol­ger zur Welt brach­te. So gab es of­fen­bar schon um die Jah­res­wen­de 1594/1595 Plä­ne, sie zu er­mor­den, was schlie­ß­lich im Herbst 1597 ge­lang.

 

Ei­nen Ver­such, die her­zog­li­che Dy­nas­tie doch noch zu si­chern, stell­te die Ver­hei­ra­tung Jo­hann Wil­helms mit An­to­nie von Loth­rin­gen (1568-1610) dar. Zu­min­dest ver­laut­bart wur­de, dass der Ge­sund­heits­zu­stand Jo­hann Wil­helms sich dank der Fä­hig­kei­ten ei­nes eng­li­schen Arz­tes ge­bes­sert ha­be, so dass er nach Ja­ko­bes Tod aus sei­ner Haft ent­las­sen wer­den und 1599 die loth­rin­gi­sche Her­zog­s­toch­ter hei­ra­ten konn­te. Al­ler­dings hat­ten schon frü­her meh­re­re Ärz­te, dar­un­ter der Leib­arzt Wil­helms V., Rei­ner So­len­an­der, die Un­heil­bar­keit Jo­hann Wil­helms gut­ach­ter­lich fest­ge­stellt.

Tat­säch­lich blieb auch die Ehe zwi­schen Jo­hann Wil­helm und An­to­nie von Loth­rin­gen kin­der­los. Die zahl­rei­chen Ex­or­zis­men, die man an bei­den vor­nahm, dürf­ten die Angst­zu­stän­de des Her­zogs noch ver­stärkt ha­ben. Er ver­fiel je­den­falls mehr und mehr ei­ne im zeit­ge­nös­si­schen Sprach­ge­brauch als Stumpf­sinn be­zeich­ne­te kata­to­ni­sche Pha­se, aus der er bis zu sei­nem Tod am 25.3.1609 nicht mehr er­wach­te.

Der Leich­nam wur­de erst fast zwei Jahr­zehn­te spä­ter im Ok­to­ber 1628 in der Düs­sel­dor­fer Lam­ber­tus­kir­che bei­ge­setzt. Bis da­hin war der Sarg Jo­hann Wil­helms in der Schloss­ka­pel­le auf­be­wahrt wor­den, weil über das Ze­re­mo­ni­ell der Be­stat­tungs­fei­er zwi­schen den ri­va­li­sie­ren­den Er­b­an­wär­tern kei­ne Ei­nig­keit er­zielt wer­den konn­te. Hier stan­den sich Bran­den­burg-Preu­ßen und Pfalz-Neu­burg ge­gen­über, die ih­re An­sprü­che je­weils aus ehe­li­chen Ver­bin­dun­gen von Schwes­tern Jo­hann Wil­helms ab­lei­te­ten. Bei­de Prä­ten­den­ten hat­ten an­ge­sichts des sich ab­zeich­nen­den Er­lö­schens der Jü­lich­schen Dy­nas­tie be­reits zu Leb­zei­ten ver­sucht, die Vor­mund­schaft über Jo­hann Wil­helm zu er­hal­ten, wäh­rend das Kai­ser­haus mit dem Heim­fall des Her­zog­le­hens lieb­äu­gel­te, um das Ter­ri­to­ri­um dem ei­ge­nen Herr­schafts­be­reich ein­zu­ord­nen. Da der Erb­streit auch ei­ne kon­fes­sio­nel­le Di­men­si­on hat­te – der Pfäl­zer war ka­tho­lisch, der Bran­den­bur­ger re­for­miert –, zeich­ne­ten sich die Fron­ten, die den Ver­lauf des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges be­stim­men soll­ten, hier schon ab. So sind et­wa die Grün­dun­gen von pro­tes­tan­ti­scher Uni­on und ka­tho­li­scher Li­ga in un­mit­tel­ba­rem zeit­li­chen und sach­li­chen Zu­sam­men­hang zum Jü­lich-Kle­vi­schen Erb­fol­ge­streit zu se­hen.

Erst im Jahr 1666 konn­te im Ver­trag von Kle­ve die Ko­exis­tenz Bran­den­burgs und Pfalz-Neu­burgs am Nie­der­rhein durch end­gül­ti­ge Auf­tei­lung des Her­zog­tums er­reicht wer­den. Mit dem Er­lö­schen des Her­zo­g­hau­ses Jü­lich-Kle­ve-Berg konn­te das einst­mals nur auf mär­ki­schen Sand ge­bau­te, eher un­be­deu­ten­de Bran­den­burg-Preu­ßen weit nach Wes­ten aus­grei­fen und sich un­ter den deut­schen Fürs­ten­tü­mern zur füh­ren­den Macht im Reich ne­ben Habs­burg er­he­ben.

Literatur

Graumann, Sa­bi­ne, „So ist die Haub­tes­blö­dig­keit nit bes­ser“. Me­di­zi­ni­sche Con­si­lia für Her­zog Jo­hann Wil­helm von Jü­lich-Kle­ve-Berg (1562-1609), in: Hil­de­ner Mu­se­ums­hef­te 5 (1993), S. 83-107.
Gro­ten, Man­fred/von Looz-Cors­wa­rem, Cle­mens/Rei­ninghaus, Wil­fried (Hg.), Der Jü­lich-Kle­vi­sche Erb­streit. Sei­ne Vor­aus­set­zun­gen und Fol­gen. Vor­trags­band, Düs­sel­dorf 2011.
Mos­tert, Rolf-Achim, Der jü­lich-kle­vi­sche Re­gi­ments- und Erb­fol­ge­streit – ein Vor­spiel zum Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, in: Eh­ren­preis, Ste­fan (Hg.), Der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg im Her­zog­tum Berg und sei­nen Nach­bar­re­gio­nen, Neu­stadt/Aisch 2002, S. 26–64.
Oll­mann-Kös­ling, Heinz, Der Erb­fol­ge­streit um Jü­lich-Kle­ve (1609–1614). Ein Vor­spiel zum Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, Re­gens­burg 1996. 

Online

Stie­ve, Fe­lix, Ar­ti­kel „Jo­hann Wil­helm, Her­zog von Jü­lich-Cle­ve“, in: ADB 14 (1881), 228-230. [on­line]
Wolf, Man­fred, Ar­ti­kel „Jo­hann Wil­helm von der Mar­k“, in: NDB 10 (1974), 491 f. [on­line]

Johann Wilhelm I. (1562 - 1609), Herzog von Jülich-Kleve-Berg, Gemälde von Johan Malthain (1550-1605), 1605. (Stadtmuseum Düsseldorf)

 
Zitationshinweis

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Bock, Martin, Johann Wilhelm, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johann-wilhelm/DE-2086/lido/5da47e1bd80984.16109357 (abgerufen am 16.11.2019)