Siegburger Reform

Christian Hillen (Köln/Bonn)

Erzbischof Anno II. von Köln, kolorierte Federzeichnung in der Handschrift der Vita Annonis minor, Siegburg, um 1183. Abgebildet ist Anno II. mit Modellen der von ihm gegründeten fünf Kirchen und Klöster. (Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, Hs 945 fol. 1v)

Schlagworte

1. Die cluniazensischen Klosterreformen in Deutschland

Das rich­ti­ge Ver­hält­nis zwi­schen Welt und Spi­ri­tua­li­tät war schon im­mer ein The­ma für das christ­li­che Mönch­tum. Welt­li­cher Schutz und aus­rei­chen­de wirt­schaft­li­che Fun­die­rung wa­ren er­wünscht, nicht hin­ge­gen sä­ku­la­re Ein­fluss­nah­me auf das Le­ben hin­ter den Klos­ter­mau­ern. Ei­ne zu­neh­men­de Ver­welt­li­chung be­zie­hungs­wei­se lai­ka­le Ein­mi­schung in Klos­ter­an­ge­le­gen­hei­ten und ein Nach­las­sen der mo­nas­ti­schen Dis­zi­plin lie­ßen da­her An­fang des 10. Jahr­hun­derts im west­li­chen Eu­ro­pa den Ruf nach Re­for­men im­mer lau­ter wer­den.

Her­zog Wil­helm III. von Aqui­ta­ni­en (um 900-963) ver­zich­te­te im Jah­re 910 bei der Grün­dung ei­nes Klos­ters im bur­gun­di­schen Cluny auf sei­ne ei­gen­kirch­li­chen Rech­te, si­cher­te ihm die freie Abts­wahl zu und un­ter­stell­te es dem päpst­li­chen Schutz. Da­mit soll­te es der Ein­mi­schung der Welt in die mo­nas­ti­sche Sphä­re weit­ge­hend ent­ho­ben sein. Das kon­tem­pla­ti­ve Le­ben und die lit­ur­gi­schen Hand­lun­gen soll­ten ins Zen­trum der mön­chi­schen Tä­tig­kei­ten rü­cken. Die in der Be­ne­dikt­re­gel ge­for­der­te Hand­ar­beit trat da­hin­ter zu­rück. In dem sich ent­wi­ckeln­den Klos­ter­ver­band brei­te­te sich die­se klös­ter­li­che Ver­fas­sung rasch weit über Bur­gund hin­aus bis nach Spa­ni­en, Eng­land, Ita­li­en, Deutsch­land und schlie­ß­lich so­gar Po­len aus.

Cluny blieb aber nicht das ein­zi­ge Re­form­zen­trum im Os­ten Frank­reichs. Eben­falls in der ers­ten Hälf­te des 10. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­ten sich Gor­ze (bei Metz) und St. Be­ni­g­ne (Di­jon) zu Zen­tren von mo­nas­ti­schen Re­for­men, die eben­falls nach Deutsch­land hin aus­strahl­ten. Be­son­ders Gor­ze war in Deutsch­land er­folg­reich dar­in, Klös­ter für sei­ne Re­form­rich­tung zu ge­win­nen.

Al­len ge­mein­sam war der Wil­le zu ei­ner in­ne­ren und äu­ße­ren Er­neue­rung des west­li­chen Mönch­tums. In De­tail un­ter­schie­den sie sich aber durch ih­re spe­zi­el­le Aus­le­gung der Be­ne­dikt­re­gel, in den so­ge­nann­ten Con­su­etu­di­nes, die das täg­li­che Le­ben der Mön­che re­gel­ten, so­wie in ih­rer Ver­fasst­heit.

 

Die clu­n­ia­zen­si­che Klos­ter­re­form brei­te­te sich ab dem 11. Jahr­hun­dert auch nach Deutsch­land aus. Vier Klös­ter bil­den die Ba­sis für die je­weils mit ih­nen in Zu­sam­men­hang ste­hen­den Re­form­grup­pen: An­chin (Com­mu­ne Pec­quen­court, Nord-Pas-de-Ca­lais), St. Bla­si­en (Stadt St. Bla­si­en), Hir­sau (heu­te Gro­ße Kreis­stadt Calw) und Sieg­burg. Sie führ­ten die clu­n­ia­zen­si­schen Re­form­vor­stel­lung in den ih­nen je­weils ei­ge­nen Aus­prä­gung wei­ter. Dies ge­schah teil­wei­se in deut­li­cher Ab­gren­zung zu den Gor­zer Re­form­krei­sen. Klös­ter, die sich vor ih­rer Über­nah­me durch Sieg­bur­ger Mön­che an Gor­ze ori­en­tiert hat­ten, wur­den kon­se­quent von die­sen Ein­flüs­sen be­freit, da man der Gor­zer Aus­rich­tung ei­ne zu gro­ße dis­zi­pli­na­ri­sche Lax­heit vor­warf.

Der Köl­ner Erz­bi­schof An­no II. woll­te Sieg­burg zu ei­nem Re­form­zen­trum im Rhein­land ma­chen. Da­bei spiel­ten nicht nur re­li­giö­se Mo­ti­ve ei­ne Rol­le. Si­cher ist es ihm ein per­sön­li­ches Be­dürf­nis ge­we­sen, sei­ne Re­form­ge­sin­nung und da­mit sei­ne Fröm­mig­keit zu de­mons­trie­ren. Man muss ihm dar­über hin­aus je­doch auch ter­ri­to­ri­al­po­li­ti­sche Mo­ti­ve un­ter­stel­len, die sich un­ter an­de­rem in der mit Sieg­bur­ger Hil­fe prak­ti­zier­ten bi­schöf­li­chen Klos­ter­po­li­tik äu­ßer­ten.

2. Die Gründung Siegburgs

Das ers­te clu­n­ia­zen­si­sche Re­form­klos­ter in Deutsch­land war Sieg­burg. Die Ab­tei wur­de von Erz­bi­schof An­no II. ver­mut­lich 1064 auf ei­nem al­lein­ste­hen­den Berg er­rich­tet, den er von dem ez­zo­ni­schen Pfalz­gra­fen Hein­rich (Re­gie­rungs­zeit 1045-1060, ge­stor­ben 1061) als Süh­neleis­tung er­hal­ten hat­te und auf dem ur­sprüng­lich des­sen Burg ge­we­sen war. An­no er­setz­te die­se Burg durch ein Klos­ter und be­setz­te es mit Mön­chen aus St. Ma­xi­min in Trier. Er gab dem Berg au­ßer­dem den Na­men Mi­cha­els­berg.

Die Trie­rer Mön­che blie­ben nicht lan­ge dort, denn be­reits 1070 wur­den sie durch ei­ne zwölf­köp­fi­ge Grün­dungs­mann­schaft aus dem ita­lie­ni­schen Re­form­klos­ter Frut­tua­ria er­setzt und wie­der in Eh­ren nach Hau­se ge­schickt, wie Lam­pert von Hers­feld in sei­nen An­na­len über­lie­fert. Le­dig­lich der aus Gor­ze stam­men­de Abt Er­pho (ge­stor­ben 1076) ha­be in Sieg­burg blei­ben kön­nen. Un­ter sei­ner Lei­tung be­gan­nen die frut­tua­ri­schen Mön­che mit ih­rem Re­form­werk.

Erzbischof Anno II. von Köln, kolorierte Federzeichnung in der Handschrift der Vita Annonis minor, Siegburg, um 1183. Abgebildet ist Anno II. mit Modellen der von ihm gegründeten fünf Kirchen und Klöster. (Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, Hs 945 fol. 1v)

 

Dies war ein pro­gram­ma­ti­scher Schritt An­nos, denn durch den Aus­tausch der Mön­che wand­te er sich ge­gen die Gor­zer Re­form­rich­tung, der St. Ma­xi­min ver­pflich­tet war und sprach sich für die clu­n­ia­zen­si­che Va­ri­an­te aus. Er hat­te Frut­tua­ria auf sei­ner drit­ten Ita­li­en­rei­se be­sucht und ken­nen­ge­lernt. Die­se Art der Re­form ge­fiel ihm of­fen­sicht­lich so gut, dass er ne­ben Sieg­burg auch noch St. Pan­ta­le­on in Köln mit Mön­chen von dort be­setz­ten ließ.

3. Das Siegburger Reformprogramm

Die Ge­wohn­hei­ten Sieg­burgs, die auf de­nen der ita­lie­ni­schen Ab­tei Frut­tua­ria be­ruh­ten, sind in ei­ner Hand­schrift fest­ge­hal­ten, von der nicht klar ist, ob sie von dem Pri­or von St. Pan­ta­le­on, Si­gi­bert (ge­nannt zwi­schen 1107-1141), oder ei­nem Mönch aus Sieg­burg ver­fasst wur­de. In je­dem Fall nahm der Sieg­bur­ger Abt Ku­no (Ab­ba­ti­at 1105-1125) die­se Kom­pi­la­ti­on nach St. Em­meram mit, als er Bi­schof von Re­gens­burg (Epis­ko­pat 1126-1132) wur­de. Als Pro­blem für die For­schung stellt sich die Tat­sa­che her­aus, dass kei­ne wei­te­re pro­gram­ma­ti­sche Zu­sam­men­fas­sung des Sieg­bur­ger Re­form­pro­gramms über­lie­fert ist. So­wohl über die Con­su­etu­di­nes hin­aus­ge­hen­der In­halt als auch Aus­brei­tung der Re­form sind da­her müh­sam aus ei­ner Viel­zahl von Quel­len zu re­kon­stru­ie­ren.

Erzbischof Anno II. von Köln setzt den Siegburger Abt Erpho ein. (Franckesche Stiftungen Hauptbibliothek, Halle)

 

Im Zen­trum der Sieg­bur­ger Re­form stand die Ab­leh­nung jeg­li­chen lai­ka­len Ei­gen­kir­chen­rechts. Schutz ge­gen die Ein­fluss­nah­me welt­li­cher Gro­ßer such­ten die Sieg­bur­ger Re­form­klös­ter beim zu­stän­di­gen Diö­ze­san­bi­schof, dem sie ihr Klos­ter über­tru­gen. Das traf sich pas­sen­der­wei­se mit der äl­te­ren Köl­ner Klos­ter­po­li­tik, die oh­ne­hin dar­auf ab­ziel­te, die Klös­ter im Köl­ni­schen Ein­fluss­be­reich zu bi­schöf­li­chen Ei­gen­k­lös­tern zu ma­chen. Wei­te­ren Schutz ge­gen Be­drän­gung durch den Lai­e­n­a­del ver­schaff­te die Kon­trol­le des Vogts (ei­nes Lai­en) durch den Bi­schof, was durch die Aus­ga­be der Klos­ter­vog­tei als bi­schöf­li­ches Le­hen er­reicht wer­den soll­te. Da­zu soll­ten Abt und Kon­vent aber ih­re Zu­stim­mung ge­ben. Auch soll­te die Vog­tei  nicht erb­lich sein, was sich aber nicht im­mer durch­set­zen ließ. So konn­ten sich bei­spiels­wei­se in Sieg­burg die Gra­fen von Berg als Erb­vög­te durch­set­zen, auch wenn sie dem Klos­ter im­mer wie­der zu­si­cher­ten, die Vog­tei nicht nach Erbrecht er­hal­ten zu ha­ben. Schlie­ß­lich ver­such­te Sieg­burg auch die Ein­set­zung von Un­ter­vög­ten zu ver­hin­dern und au­ßer­dem durf­te nur ein Vogt­pla­citum im Jahr ab­ge­hal­ten wer­den.

Da für Sieg­burg auch die Mi­nis­te­ria­li­tät ei­nen zu weit­ge­hen­den welt­li­chen Ein­fluss be­deu­te­te, lehn­te man die­se fol­ge­rich­tig ab. Statt ei­ner sol­chen welt­li­chen Dienst­mann­schaft soll­te die klös­ter­li­che fa­mi­lia de­ren Auf­ga­ben über­neh­men. Sieg­burg tat aber nichts da­ge­gen, dass sich aus eben die­ser fa­mi­lia Mi­nis­te­ria­len ent­wi­ckel­ten, wor­aus zu schlie­ßen ist, dass nur die krie­ge­ri­sche Dienst­mann­schaft ab­ge­lehnt wur­de, nicht hin­ge­gen ei­ne sol­che, die sich nach wie vor be­wusst war, Die­ner ih­res Klos­ters zu sein.

Durch die Be­frei­ung von ver­schie­de­nen Dienst­ver­pflich­tun­gen am bi­schöf­li­chen Hof wur­den den Klös­tern der Sieg­bur­ger Ob­ser­vanz wei­te­re Frei­hei­ten ge­währt, die ein klös­ter­li­ches Le­ben ge­treu der Be­ne­dikt­re­gel und ab­seits der Welt ge­währ­leis­ten soll­ten. Der Abt müs­se sich auf die­se Wei­se nicht mehr so oft und so lan­ge zur Er­fül­lung sei­ner Hof­diens­te vom Kon­vent ent­fer­nen, so­dass ei­ne bes­se­re Dis­zi­plin dort ge­währ­leis­tet wer­den kön­ne. Die An­ord­nung, der Bi­schof dür­fe sich nur mit Er­laub­nis des Abts im Klos­ter auf­hal­ten, fin­det sich nur für Sieg­burg. Für die an­de­ren Klös­ter der Sieg­bur­ger Grup­pe ist die­se Re­ge­lung nicht be­kannt.

Die Ab­kehr von welt­li­chen Be­lan­gen ging in Sieg­burg aber nicht so weit, dass man – wie in clu­n­ia­zen­si­schen Krei­sen üb­lich – auch die Seel­sor­ge für Lai­en ab­lehn­te. So war bei­spiels­wei­se das Klos­ter Saal­feld aus­drück­lich mit Seel­sor­ge­rech­ten aus­ge­stat­tet und die er­folg­rei­che Mis­si­on der Sor­ben ist Saal­fel­der Mön­chen zu­zu­schrei­ben. Auch das Klos­ter Mond­see prak­ti­zier­te Seel­sor­ge in den be­nach­bar­ten Ge­mein­den. Und schlie­ß­lich be­müh­te sich Sieg­burg selbst, die Seel­sor­ge an Ei­gen­kir­chen, wel­che Pfar­rech­te in­ne­hat­ten, zu er­lan­gen, so zum Bei­spiel für die Propstei­en Zül­pich, Re­ma­gen und Ober­pleis (heu­te Stadt Kö­nigs­win­ter).

Be­son­ders wich­tig war die freie Wahl des Abts, die durch den Kon­vent zu er­fol­gen hat­te. Dar­in weicht der Sieg­bur­ger Ordo deut­lich von sei­nem Vor­bild Frut­tua­ria ab, denn dort wur­de der Abt durch sei­nen Vor­gän­ger de­si­gniert und, nach­dem der Kon­vent zu­ge­stimmt hat­te, von ei­nem be­lie­bi­gen Bi­schof ge­weiht und in ihr Amt  ein­ge­führt. Frut­tua­ria woll­te nur dem Papst un­ter­stellt sein. Sieg­burg hin­ge­gen pro­fi­tier­te von der „Li­ber­tas Co­lo­ni­en­sis“. Sie er­laub­te in al­len Köl­ner Ei­gen­k­lös­tern die freie Abts­wahl, die je­doch dann durch Zu­stim­mung, Ein­set­zung und Wei­he des Ge­wähl­ten durch den Erz­bi­schof in­so­fern wie­der ein­ge­schränkt wur­de, als ihm die­se er­heb­li­che Mög­lich­kei­ten zur Ein­fluss­nah­me bot. Da­her war Sieg­burg schon 1066 von Papst Alex­an­der II. (Pon­ti­fi­kat 1061-1073) die „freie Abts­wahl“ ge­währt wor­den, al­so be­reits be­vor es zu ei­nem Re­form­klos­ter ge­wor­den war. Al­len der Sieg­bur­ger Re­form an­ge­schlos­se­nen Klös­tern wur­den bei ih­rer Grün­dung oder Über­nah­me durch die Sieg­bur­ger Mön­che im Fol­gen­den eben­falls die „freie Abts­wahl“ zu­ge­stan­den. Fak­tisch je­doch wur­de der Abt durch den Bi­schof er­nannt.

Zur „Li­ber­tas Co­lo­ni­en­sis“ ge­hör­te auch die Aus­wahl des Vog­tes durch den Erz­bi­schof. Was zu­nächst wie ei­ne Ein­schrän­kung der „Li­ber­tas“, al­so der Frei­heit klingt, wirk­te sich tat­säch­lich als Be­frei­ung von all­zu weit­ge­hen­der welt­li­cher Mit­herr­schaft in klös­ter­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten aus. Denn letzt­lich un­ter­stand der welt­li­che Vogt  da­durch der Kon­trol­le des Erz­bi­schofs.

Be­denkt man nun, dass die Klös­ter des Sieg­bur­ger Ordo in Ver­mö­gens­din­gen ver­gleichs­wei­se we­nig Frei­heit be­sa­ßen und der Kon­trol­le durch den Erz­bi­schof un­ter­stan­den, so wird im­mer deut­li­cher er­kenn­bar, dass es sich bei der Sieg­bur­ger um ei­ne bi­schöf­li­che Klos­ter­re­form han­del­te. So ver­wun­dert es auch nicht, dass nicht um das bei an­de­ren clu­n­ia­zen­si­schen Re­form­rich­tun­gen so be­deut­sa­me päpst­li­che Pri­vi­leg von den Sieg­bur­ger Klös­tern drin­gend nach­ge­sucht wur­de. Viel wich­ti­ger war der Schutz durch den zu­stän­di­gen Orts­bi­schof. Päpst­li­chen Pri­vi­le­gi­en kam ei­ne er­gän­zen­de Funk­ti­on zu.

An­no II. ge­lang es so­mit, die be­reits seit lan­gem prak­ti­zier­te Klos­ter­po­li­tik der Köl­ner Erz­bi­schö­fe, die im Be­mü­hen be­stand, dem Erz­bi­schof die in der Köl­ner Diö­ze­se ge­grün­de­ten nicht-bi­schöf­li­chen Klös­ter und Stif­te zu über­tra­gen, mit der clu­n­ia­zen­si­schen Re­form­be­we­gung zu ver­knüp­fen. Er ver­band ei­ne neue mo­nas­ti­sche Stren­ge der Re­gel­aus­le­gung und die Op­po­si­ti­on ge­gen welt­li­che Ein­fluss­nah­me mit den Be­dürf­nis­sen der Köl­ner Me­tro­po­li­ten, Klös­ter für die herr­schaft­li­che Er­schlie­ßung des Ter­ri­to­ri­ums zu be­nut­zen. So wur­de die Sieg­bur­ger Re­form zu ei­ner „bi­schöf­li­chen Klos­ter­re­for­m“, was de­ren ra­sche Aus­brei­tung be­för­der­te, denn die Klös­ter in der Köl­ner Diö­ze­se wa­ren so­mit für die Re­form be­reits vor­be­rei­tet.

4. Ausbreitung der Reform

Der Sieg­bur­ger Kon­vent wuchs rasch. Be­reits 1076 sind 40 Mön­che be­legt, um 1100 wa­ren es schon 70 bis 80. Wie­der­um 20 Jah­re spä­ter er­reich­te den Kon­vent mit 120 Mön­chen sei­ne Höchst­zahl. Eben­so rasch brei­te­te sich die Sieg­bur­ger Ob­ser­vanz im Rhein­land und zum Teil weit dar­über hin­aus aus, und zwar zu­nächst durch Grün­dung und Re­for­mie­rung an­de­rer Klös­ter mit Hil­fe von Mön­chen aus den der Ob­ser­vanz be­reits an­ge­hö­ren­den Klös­tern aus. Um die Re­for­men zu ver­tie­fen und die re­for­mier­ten Klös­ter auch wei­ter­hin nä­her an Sieg­burg zu bin­den, ent­sand­te man bei sich bie­ten­der Ge­le­gen­heit zwei Äb­te nach­ein­an­der in die neue Ge­mein­schaft.

In ei­ner zwei­ten Pha­se be­gann die Ab­tei un­ter dem Ab­ba­ti­at Ku­nos mit ei­ner re­gel­rech­ten Ver­bands­bil­dung, in­dem sie selbst von ihr ab­hän­gi­ge Zel­len ein­rich­te­te, die mit den ei­ge­nen Mön­chen be­setzt wur­den. Der Kon­vent ei­ner Zel­le war Teil des Mut­ter­kon­vents und die­sem un­ter­ge­ord­net. Sie hie­ßen im Sieg­bur­ger Sprach­ge­brauch Propstei­en und über­nah­men im Ge­gen­satz zu den clu­n­ia­zen­si­schen Zel­len auch seel­sor­ge­ri­sche Auf­ga­ben. Au­ßer­dem dien­ten sie ne­ben der Ver­brei­tung des Sieg­bur­ger Re­form­pro­gramms der wirt­schaft­li­chen Ab­si­che­rung der Mut­ter­ab­tei. Noch vor 1100 wur­de die Props­tei Hir­zen­ach (heu­te Stadt Bop­pard) ge­grün­det. Um 1110 folg­ten Re­ma­gen und Ober­pleis, 1117 Fürs­ten­berg (bei Xan­ten), 1120 Zül­pich und Stock­um (Stadt Ge­se­ke) so­wie kurz dar­auf Mil­len (heu­te Ge­mein­de Self­kant). In die­se Zeit dürf­te auch die Ein­rich­tung von Krucht (knapp au­ßer­halb von Sieg­burg) und Güls (heu­te Stadt Ko­blenz) fal­len. Et­was spä­ter, um 1140, wur­de die Props­tei Thi­d­ro­de (un­be­kannt, Dier­ath bei Bur­scheid?) ein­ge­rich­tet und schlie­ß­lich 1256 Over­ath. Wei­te­re Propstei­en wur­den von den von Sieg­burg re­for­mier­ten Klös­tern auf­ge­baut. Folg­te die Grün­dung von Zel­len zu­nächst kei­nem Plan, so än­der­te sich dies spä­tes­tens mit der Ein­rich­tung Zül­pichs, das auch der bes­se­ren Rau­mer­fas­sung des link­rhei­ni­schen Teils des Erz­bis­tums die­nen soll­te.

Die Ab­tei Sieg­burg selbst trug aber we­ni­ger zur Aus­brei­tung der Re­form bei als Erz­bi­schof An­no. Sei­ne di­rek­ten Nach­fol­ger Hil­dolf  und Si­ge­win von Are  über­lie­ßen die Ab­tei hin­ge­gen wie­der sich selbst. Trotz­dem ent­wi­ckel­te die Sieg­bur­ger Ge­wohn­heit ei­ne An­zie­hungs­kraft auf an­de­re Klös­ter, so­dass sich die Re­form­ide­en auch oh­ne bi­schöf­li­che För­de­rung wei­ter aus­brei­te­ten. Erst seit Erz­bi­schof Her­mann III.  setz­ten sich die Erz­bi­schö­fe wie­der ak­tiv für die Ver­pflan­zung der Sieg­bur­ger Ge­wohn­hei­ten in an­de­re Klös­ter ein.

4.1 Köln

Schon kurz nach 1070 führ­te Erz­bi­schof An­no II. in St. Pan­ta­le­on mit ei­ni­gem Nach­druck die Re­form Sieg­bur­ger Prä­gung ein. Nach ei­ni­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in­ner­halb des Kon­vents konn­te sich der Sieg­bur­ger Ordo durch­set­zen und mach­te erst 1458 der Burs­fel­der Re­form Platz. Kurz nach St. Pan­ta­le­on wur­de auch (Groß-) St. Mar­tin zur Re­form der sieg­bur­gi­schen Prä­gung ge­führt, und zwar durch Äb­te aus St. Pan­ta­le­on und Brau­wei­ler (heu­te Stadt Pul­heim). Zu 1106 ist die Un­ter­stel­lung des Ka­no­nis­sen­stifts St. Ur­su­la un­ter den Abt von St. Pan­ta­le­on be­legt. Ob sich da­durch die Ge­wohn­hei­ten in St. Ur­su­la än­der­ten, darf be­zwei­felt wer­den. Um 1144 er­hielt der Abt von St. Pan­ta­le­on au­ßer­dem die Auf­sicht über ei­nen Kon­vent Non­nen­wer­t­her Schwes­tern, die der Erz­bi­schof in St. Mau­ri­ti­us an­ge­sie­delt hat­te. Die Auf­sicht üb­te er wohl wäh­rend des gan­zen 12. Jahr­hun­derts aus. Die Ein­füh­rung des Sieg­bur­ger Ordos in St. Ma­ria im Ka­pi­tol lässt sich nur auf­grund dürf­ti­ger Hin­wei­se ver­mu­ten.

Die Abtei Siegburg von Süden, 1064 durch den Kölner Erzbischof Anno II. gegründet.

 

Das letz­te Köl­ner K­los­ter, das nach Sieg­bur­ger Art re­for­miert wur­de, war Deutz. Erst nach 1110 konn­te der neue Ordo dort Fuß fas­sen. Da­mit folg­ten al­le köl­ni­schen Bi­schofs­klös­ter der Sieg­bur­ger Ob­ser­vanz. Der be­kann­tes­te Abt von Deutz und Ver­tre­ter der Sieg­bur­ger Re­form ist der Theo­lo­ge Ru­pert von Deutz. Be­vor er Abt wur­de, hat­te er ei­ni­ge Jah­re dem Sieg­bur­ger Kon­vent an­ge­hört und war dort ge­prägt wor­den. Nach sei­ner Amts­zeit wer­den die Nach­rich­ten über Deutz im­mer we­ni­ger, so­dass bis zur Ein­füh­rung der Burs­fel­der Re­form 1491 kaum noch et­was über die in­ne­re Ent­wick­lung des Deut­zer Kon­vents zu er­fah­ren ist.

Ab et­wa 1100 leb­ten auch die Mön­che in Brau­wei­ler nach den Sieg­bur­ger Bräu­chen, die wahr­schein­lich We­ze­lo, ein Pro­fes­se von St. Pan­ta­le­on, der 1095 in Brau­wei­ler Abt wur­de (Aba­ti­at bis 1110), dort ein­ge­führt hat­te. Brau­wei­ler hat im 12. und 13. Jahr­hun­dert als ei­ner der deut­lichs­ten Ver­tre­ter des sieg­bur­gi­schen Re­form­mönch­tums zu gel­ten und dort erst 1469 durch die Burs­fel­der Re­form ver­drängt wur­de.

4.2 Rheinland

1136 grün­de­te Abt Ger­hard von St. Pan­ta­le­on (Ab­ba­ti­at 1123-1147)  mit 15 der die­ser Ab­tei an­ge­schlos­se­nen Non­nen ein Klos­ter in Kö­nigs­dorf (heu­te Stadt Fre­chen), das der Köl­ner Ab­tei bis zum Über­tritt zur Burs­fel­der Re­form 1473 un­ter­ge­ord­net blieb.

Zwar gibt es ei­ni­ge Hin­wei­se auf Ver­bin­dun­gen zwi­schen ei­nem Frau­en­kon­vent in Schwarz­rhein­dorf (heu­te Stadt Bonn) und Sieg­burg. Dar­auf ­kann man je­doch nicht auf ei­ne di­rek­te und nach­hal­ti­ge Be­ein­flus­sung durch die Sieg­bur­ger Ge­wohn­hei­ten schlie­ßen. Eben­so dürf­tig sind die Be­le­ge für Be­zie­hun­gen des Klos­ters Diet­kir­chen (heu­te Stifts­kir­che in der Bon­ner Nord­stadt) so­wie des Frau­en­kon­vents in Vil­lich (heu­te Stadt Bonn) zur Sieg­bur­ger Re­form.

Das Frau­en­klos­ter Non­nen­werth (Stadt Re­ma­gen) hin­ge­gen war ein Köl­ni­sches Ei­gen­klos­ter Erz­bi­schof Fried­richs I., das auf In­itia­ti­ve „from­mer Lai­en“ – wie es in der erz­bi­schöf­li­chen Ur­kun­de hei­ßt – vor 1126 ge­grün­det wur­de und von An­fang an der Sieg­bur­ger Ob­ser­vanz an­ge­hör­te. Be­sie­delt wur­de es wahr­schein­lich mit Non­nen aus Ro­lands­werth und Sieg­burg. Die Sieg­bur­ger Non­nen wa­ren dem dor­ti­gen Män­ner­kon­vent an­ge­schlos­sen und wur­den wahr­schein­lich 1112 auf die Rhein­in­sel ver­setzt. Da­mit ge­hör­te nun auch ein Frau­en­klos­ter der Sieg­bur­ger Ob­ser­vanz an, wo­mit sich Sieg­burg aber über­for­dert zeig­te. Und so ent­glitt die Ab­tei auch schon bald sei­ner Kon­trol­le. Es ge­lang nicht dau­er­haft, den Non­nen­wer­t­her Kon­vent als Prio­rat  – Non­nen­werth soll­te kei­ne ei­ge­ne Äb­tis­sin ha­ben, son­dern nur ei­ne Prio­rin – an Sieg­burg zu bin­den. Be­reits 1134 wur­de ihm die Wahl ei­ner Äb­tis­sin eben­so wie die freie Vogt­wahl ge­währt. Mit der An­nah­me der Burs­fel­der Re­form 1466/1467 ging die Auf­sicht über Non­nen­werth von Sieg­burg an St. Mar­tin in Köln über.

Die bei Aa­chen ge­le­ge­ne Reichs­ab­tei Burt­scheid war von den Gor­zer ­Con­su­etu­di­nes ge­prägt. Um 1090 be­müh­te sich ein Mönch der Ab­tei, selbst Ver­bin­dun­gen nach Sieg­burg her­zu­stel­len, stieß aber zu­nächst auf den Wi­der­stand des Kon­vents. Erst un­ter Abt Fol­kard (ge­nannt 1133 ), ei­nem Sieg­bur­ger Pro­fess­mönch, konn­te sich die Re­form in den 1130er Jah­ren durch­set­zen.

In den 1090er Jah­ren er­reich­te die Sieg­bur­ger Re­form­wel­le das Klos­ter Glad­bach (heu­te Stadt Mön­chen­glad­bach), das sich um die­se Zeit dem Sieg­bur­ger Ordo ­an­schloss. Die­ser hielt sich bis zur dor­ti­gen Durch­set­zung der Burs­fel­der Re­form im Jah­re 1510. Dem Glad­ba­cher Män­ner­kon­vent scheint ein klei­ne­rer Frau­en­kon­vent an­ge­schlos­sen ge­we­sen zu sein, der um 1135 in das na­he­ge­le­ge­ne Neu­werk (heu­te Stadt Mön­chen­glad­bach) ver­legt wur­de. Er blieb un­ter der Auf­sicht Glad­bachs, bis es sich 1446/1467 der Burs­fel­der Re­form an­schloss und dem Abt von Brau­wei­ler un­ter­stellt wur­de.

Mög­li­cher­wei­se un­ter­stand das in Neuss ge­le­ge­ne Be­ne­dik­ti­ne­rin­nen­klos­ter St. Qui­rin im 12. Jahr­hun­dert dem Glad­ba­cher Abt, was die Ein­füh­rung der Sieg­bur­ger Re­form­ge­wohn­hei­ten na­he­le­gen wür­de. Ein ein­deu­ti­ger Nach­weis kann je­doch nicht ge­führt wer­den. Für die Zu­ge­hö­rig­keit des Non­nen­klos­ters Ha­gen­busch bei Xan­ten zur Sieg­bur­ger Re­form gibt es ei­ni­ge Hin­wei­se, die aber eben­so we­nig ein­deu­tig sind. 

4.3 Im Nordwesten des Reichs

Noch vor 1118 wur­de in dem Ut­rech­ter Klos­ter St. Paul die Sieg­bur­ger Ob­ser­vanz durch den Sieg­bur­ger Pro­fess­mönch Ger­wik, der nun Abt von St. Paul ge­wor­den war (Ab­ba­ti­at vor 1118, ein­ge­führt. Die­se Re­form scheint sich dort rasch durch­ge­setzt zu ha­ben und so er­folg­reich ge­we­sen zu sein, dass man bei der Neu­grün­dung des Klos­ters Weer­se­lo as­sis­tie­ren konn­te. Ob sich die Sieg­bur­ger Ge­wohn­hei­ten nach dem 12. Jahr­hun­dert noch hiel­ten, ist nicht be­kannt. Spä­tes­tens mit dem An­schluss St. Pauls an die Burs­fel­der Kon­gre­ga­ti­on 1469 dürf­ten sie auf­ge­ho­ben wor­den sein.

Weer­se­lo wur­de um 1140 mit Hil­fe von Mön­chen aus dem Ut­rech­ter Klos­ter St. Paul als Dop­pel­k­los­ter ge­grün­det. Um 1150 er­bat man eben­falls aus St. Paul ei­nen Abt, als der Pri­or Hil­de­brand vor­ge­se­hen wur­de. Nach­dem er sich zu­nächst ge­wei­gert hat­te Weer­se­lo zu über­neh­men, trat er je­doch 1152 sein Ab­ba­ti­at in Weer­se­lo und in Per­so­nal­uni­on  in Wiet­mar­schen an (Ab­ba­ti­at 1152-1168/1169).

Als 1259 die Be­ne­dik­ti­ner Wiet­mar­schen ver­lie­ßen, wur­de in Weer­se­lo und Wiet­mar­schen, das im Üb­ri­gen auch ein Dop­pel­k­los­ter war, al­so aus ei­nem Frau­en- und ei­nem Män­ner­kon­vent be­stand, die Per­so­nal­uni­on der Klos­ter­lei­tung auf­ge­ho­ben. Die zu­rück­blei­ben­den Non­nen dürf­ten die Sieg­bur­ger Ge­wohn­hei­ten bald auf­ge­ge­ben ha­ben.

Eben­falls aus St. Paul stamm­te der Grün­der und ers­te Abt des Klos­ters Hol­wier­de (auch Ou­de­kloos­ter), Ha­de­brand (Ab­ba­ti­at 1183-1198). Die wei­te­re Ge­schich­te der im Nor­den von Gro­nin­gen ge­le­ge­nen Ab­tei ist nicht be­kannt.

4.4 Im Osten des Reichs

Das um die Mit­te des 12. Jahr­hun­derts ge­grün­de­te Klos­ter Al­ten­burg (heu­te Stadt Lich in Hes­sen) wur­de auf Bit­ten des Grün­ders mit Mön­chen aus Sieg­burg be­sie­delt. Nach dem Tod des Grün­ders muss­ten je­doch die Sieg­bur­ger Mön­che die Ab­tei wie­der ver­las­sen. Sie ging an die Zis­ter­zi­en­ser über, die sie nach Arns­burg ver­leg­ten.

Für das hes­si­sche Gro­nau (heu­te Ge­mein­de Hei­den­rod) stell­te Sieg­burg die Grün­dungs­mann­schaft zur Ver­fü­gung, die 1130 das kat­zeneln­bo­gi­sche Ei­gen­klos­ter be­sie­del­ten. Wie sich die Be­zie­hun­gen zwi­schen Gro­nau und Sieg­burg da­nach ent­wi­ckel­ten, ist weit­ge­hend un­be­kannt, sie schei­nen je­den­falls bis zur Mit­te des 12. Jahr­hun­derts be­stan­den zu ha­ben. Nach der Re­form durch die Burs­fel­der Kon­gre­ga­ti­on dürf­te von Sieg­bur­ger Ge­bräu­chen nichts mehr üb­rig ge­blie­ben sein.

Klos­ter Iburg, 1080 auf ei­nem Berg in der heu­ti­gen Stadt Bad Iburg na­he Os­na­brück ge­grün­det, wur­de zwar nicht mit ei­nem Sieg­bur­ger Grün­dungs­kon­vent, aber mit ei­nem Abt aus Sieg­burg ver­se­hen. Zwi­schen ihm und den Mön­chen so­wie den eben­falls be­tei­lig­ten Mön­chen des Min­de­ner Mo­ritz­klos­ter kam es zum Kon­flikt, so­dass al­le wie­der in ih­re Mut­ter­k­lös­ter zu­rück ge­sandt wur­den. In ei­nem zwei­ten Ver­such wur­de Iburg 1082 nur mit ei­ner Sieg­bur­ger Mann­schaft be­sie­delt. Nach dem Tod des aus Sieg­burg stam­men­den Abts Nor­bert (Ab­ba­ti­at ab 1085) im Jah­re 1117 er­losch die Ver­bin­dung zu Sieg­burg. 1468 schloss sich Iburg der Burs­fel­der Re­form an.

Der drit­te Abt des Klos­ters St. Mo­ritz in Min­den lässt sich als Pro­fess­mönch von St. Pan­ta­le­on nach­wei­sen, der wohl noch vor 1080 den Sieg­bur­ger Ordo im Mo­ritz­klos­ter ein­führ­te. Spä­tes­tens seit 1140 dürf­te die­ser je­doch wie­der ab­ge­schafft wor­den sein.

Als lai­ka­les Ei­gen­klos­ter des Gra­fen Er­po von Pad­berg (ge­stor­ben 1113) um 1100 ge­grün­det, ging Flecht­dorf (heu­te Ge­mein­de Die­mel­see, Sau­er­land) bald schon in den Be­sitz des Köl­ner Erz­bi­schofs über, der es mit ei­nem Abt aus Sieg­burg ver­sah. Die Sieg­bur­ger Ob­ser­vanz scheint je­doch nicht lan­ge prak­ti­ziert wor­den zu sein, denn wahr­schein­lich kehr­te man in Flecht­dorf schon nach 1135 wie­der zu den clu­n­ia­zen­si­schen Ge­wohn­hei­ten zu­rück. 1469 schloss sich das Klos­ter Flecht­dorf der Burs­fel­der Kon­gre­ga­ti­on an.

Das bei Schmal­len­berg im Sau­er­land von Erz­bi­schof An­no II. ge­grün­de­te Klos­ter Graf­schaft wur­de noch vor 1072 mit Sieg­bur­ger Re­form­mön­chen be­sie­delt. Bis zur Über­nah­me der Burs­fel­der Re­form 1507/1508 leb­ten die Mön­che dort nach der Sieg­bur­ger Ge­wohn­heit.

Das Klos­ter im Thü­rin­gi­schen Saal­feld war das ers­te Klos­ter, das die Sieg­bur­ger Re­form­ge­wohn­hei­ten über­nahm. Erz­bi­schof An­no hat­te es selbst kurz nach 1056 als Ka­no­ni­ker­stift ge­grün­det, sich aber als­bald um­entschie­den und es wohl noch vor 1071 mit Sieg­bur­ger Mön­chen be­setzt. Die Re­form­ge­wohn­hei­ten wur­den wahr­schein­lich bis zur er­neu­ten Um­wand­lung in ein Ka­no­ni­ker­stift im Jah­re 1516 ge­pflegt.

Das um 1070 in der Nä­he von Hal­ber­stadt ge­grün­de­te Klos­ter Huys­burg wur­de in sei­nen frü­hen Jah­ren durch die Nei­gung sei­nes Grün­dungs­kon­ven­tua­len Thie­zel­i­nus zur Sieg­bur­ger Re­form be­ein­flusst. Die Re­form konn­te sich nach des­sen Tod 1080 je­doch nicht wei­ter durch­set­zen.

Der Main­zer Erz­bi­schof Sieg­fried I. (Epis­ko­pat 1060-1084) hat­te das im 7./8. Jahr­hun­dert ge­grün­de­te Kol­le­gi­at­stift  St. Pe­ter in Er­furt in ein Be­ne­dik­ti­ner­klos­ter um­ge­wan­delt und führ­te dort wahr­schein­lich in den 1080er Jah­ren die Sieg­bur­ger Ge­wohn­hei­ten ein. Sie wur­den aber schon bald wie­der durch die Hir­sau­er Ob­ser­vanz er­setzt, die seit spä­tes­tens 1127 als ge­si­chert an­zu­se­hen ist.

4.5 Im Süden und Südosten des Reichs

Auch in Lorsch ver­such­te Sieg­burg Fuß zu fas­sen. In die­sem Fall kam der Ver­tre­ter der Sieg­bur­ger Ge­wohn­hei­ten nicht aus Sieg­burg selbst, son­dern aus St. Pan­ta­le­on. Der 1119 durch Kai­ser Hein­rich V. (Re­gie­rungs­zeit als rö­misch-deut­scher Kö­nig 1106-1125, ab 1111 als Kai­ser) ein­ge­setz­te Abt Heidolf (Ab­ba­ti­at 1119-ca. 1124)wur­de aber bald wie­der aus der Reichs­ab­tei ver­trie­ben. 1151 dann wähl­te der Lor­scher Kon­vent selbst ei­nen Mönch des sieg­bur­gisch be­ein­fluss­ten Sins­heim (Stadt Sins­heim). Ei­ne Re­form der Lor­scher Klos­ter­ge­wohn­hei­ten konn­te er je­doch nicht durch­set­zen. Sein Nach­fol­ger führ­te schlie­ß­lich 1167 die Hirsaui­sche Re­form­va­ri­an­te in Lorsch ein.

Sins­heim wur­de nach sei­ner Um­wand­lung in ei­ne Be­ne­dik­ti­ner­ab­tei 1092 mit Mön­chen aus Sieg­burg be­setzt. Wie lan­ge die neu­en Ge­wohn­hei­ten dort prak­ti­ziert wur­den, ist nicht mehr fest­zu­stel­len. End­gül­tig be­en­det wur­den sie durch die Um­wand­lung Sins­heims in ein Stift 1496.

So­gar bis ins fer­ne Re­gens­burg brei­te­te sich die Re­form aus. So kann man zwi­schen 1126 und 1143, als Hir­sau­er Mön­che die Lei­tung des Klos­ters über­nah­men, durch­aus Sieg­bur­ger Ein­flüs­se in der Be­ne­dik­ti­ner­ab­tei St. Em­meram nach­wei­sen. Die Sieg­bur­ger Ge­wohn­hei­ten konn­ten sich je­doch nicht durch­set­zen.

An­ders da­ge­gen in der Ab­tei Mond­see (Salz­kam­mer­gut), im Ein­fluss­be­reich des Bi­schofs Ku­no I. ge­le­gen, der vor sei­ner Stuh­ler­he­bung ab 1106 Abt in Sieg­burg ge­we­sen war. Er in­stal­lier­te in Mond­see den Sieg­bur­ger Pro­fes­sen Kon­rad als Abt (Ab­ba­ti­at 1127-1145) . Er und sei­ne Nach­fol­ger re­for­mier­ten das Klos­ter bis En­de des 12. Jahr­hun­derts im Sieg­bur­ger Sin­ne. 1425 nahm es die Mel­ker Ob­ser­vanz an.

Von Mond­see aus wur­de ein Mönch in das in der Nä­he ge­le­ge­ne Klos­ter Sei­ten­stät­ten ent­sandt. Mehr als die­se per­so­nel­le Be­zie­hung ist je­doch nicht be­kannt.

Eben­falls un­ter Mit­wir­kung des Re­gens­bur­ger Bi­schofs Ku­no I. und ei­nes wei­te­ren Sieg­bur­ger Mönchs wur­de um 1130 Wald­sas­sen (Stadt Wald­sas­sen) ge­grün­det, ging aber schon we­ni­ge Jah­re nach sei­ner Grün­dung an den Zis­ter­zi­en­ser­or­den über.

Wahr­schein­lich ver­such­te Ku­no ab 1128 auch in Wel­ten­burg (heu­te Stadt Kel­heim an der Do­nau) die Sieg­bur­ger Ob­ser­vanz ein­zu­füh­ren, in­dem er Sieg­bur­ger Mön­che in dem Kon­vent plat­zier­te, die des­sen Ge­wohn­hei­ten lang­sam gleich­sam „von un­ten“ än­dern soll­ten. Ob die­ser Ver­such er­folg­reich war, ist nicht mehr nach­zu­voll­zie­hen. In je­dem Fall nahm Wel­ten­burg 1448 die Kast­ler Re­form an.

5. Wirksamkeit und Bedeutung der Reform

Die wie kei­ne an­de­re durch die Bi­schö­fe ge­för­der­te Re­form­be­we­gung er­lahm­te schon um die Mit­te des 12. Jahr­hun­derts deut­lich und war bis zu des­sen En­de gänz­lich zum Er­lie­gen ge­kom­men. Zwar lässt sich in den meis­ten Fäl­len die Auf­ga­be der Sieg­bur­ger Ge­wohn­hei­ten quel­len­mä­ßig erst mit dem Über­tritt der ein­zel­nen Klös­ter zu an­de­ren Re­form­rich­tun­gen vor­nehm­lich im 15. und 16. Jahr­hun­dert ein­deu­tig be­le­gen. Es ist aber mit ei­ni­ger Wahr­schein­lich­keit da­von aus­zu­ge­hen, dass der Sieg­bur­ger Ordo wohl spä­tes­tens im 13. Jahr­hun­dert nicht mehr an­ge­wen­det wur­de. Die Zis­ter­zi­en­ser, de­ren ers­te An­sied­lung in Kamp (heu­te Stadt Kamp-Lint­fort) aus­ge­rech­net durch den Köl­ner Erz­bi­schof Fried­rich I. er­mög­licht wur­de, schei­nen Sieg­burg als Re­form­zen­trum den Rang ab­ge­lau­fen zu ha­ben. Ihr Re­form­pro­gramm war noch ra­di­ka­ler und ih­re Be­liebt­heit sorg­te für ei­ne äu­ßerst ra­sche Aus­brei­tung über ganz Eu­ro­pa. Dem hat­te Sieg­burg nichts ent­ge­gen zu set­zen. Da­mit blieb die Sieg­bur­ger Re­form im We­sent­li­chen auf das Rhein­land be­schränkt. Nur dort konn­te sie mit tat­kräf­ti­ger Un­ter­stüt­zung der Köl­ner Erz­bi­schö­fe grö­ße­re Wirk­sam­keit ent­fal­ten. Mit dem Theo­lo­gen Ru­pert von Deutz  hat­te die Sieg­bur­ger Re­form je­doch ei­nen be­deu­ten­den Für­spre­cher ge­fun­den, der sie und das Be­ne­dik­ti­ner­tum wort­reich und ge­lehrt ge­gen die Zis­ter­zi­en­ser ver­tei­dig­te, letzt­lich je­doch oh­ne Wir­kung.

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Online

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Rupert von Deutz, Federzeichnung im Codex lat. 11355. (Staatsbibliothek München)

 
Zitationshinweis

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Hillen, Christian, Siegburger Reform, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/siegburger-reform/DE-2086/lido/57d11f9fdddd33.24318833 (24.04.2018)