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Alexander von Roes (um 1225 - vor 1300), Kanoniker

Alexander von Roes, der „patriotische und kirchenfromme Kölner" (Grundmann), wurde als Verfasser streitbarer Schriften zur Verteidigung des Kaisertums gegen ein Bündnis von Papsttum und französischem Königtum bekannt. Berühmt ist seine Verteilung der „Weltämter" (sacerdotium – regnum – studium) an die drei „Hauptvölker" seiner Zeit (Italiener – Deutsche – Franzosen).

Alexander von Roes gehört zu den mittelalterlichen Autoren, die fast ausschließlich durch ihre Werke bekannt sind. Nur in einer Handschrift (Wien cod. lat. 595) nennt er seinen Namen und weist auf seine Stellung als Kanoniker des Kölner Kanonissenstifts St. Maria im Kapitol hin sowie auf seine Zugehörigkeit zum römischen Kreis des Kardinaldiakons Giacomo Colonna (gestorben 1318), des prominentesten Anhängers des Kaisertums im Kardinalskollegium und Sympathisanten der Franziskanerspiritualen. Ihm widmete Alexander von Roes seine Hauptschrift, das „Memoriale de praerogativa Romani Imperii" (Denkschrift über die Vorrangstellung des Römischen Reiches, 1281).

Aufgrund inhaltlicher und stilistischer Übereinstimmungen wurde er als Autor zweier weiterer Schriften identifiziert. Dabei handelt es sich zum einen um ein allegorisches Gedicht mit dem Titel „Pavo" (Pfau, 1285), in dem er in der „verhüllende[n] Parabel" eines „Vogelkonzils" die Absetzung des Adlers (Kaiser) durch den Pfau (Papst) mit Hilfe des Hahns (König von Frankreich) – eine Anspielung auf die Absetzung Friedrichs II. (Regierungszeit 1212-1250) auf dem Lyoner Konzil 1245 – als Voraussetzung für den „letzten Kampf" schildert, der allegorisch durch die päpstlich-französische Katastrophe der Sizilischen Vesper (31.3.1282) dargestellt wird, und damit seine Sorge um die bedrohte Weltordnung zum Ausdruck bringt.

Sein drittes Werk, die „Noticia seculi" (Übersicht über den Lauf der Welt, 1288) greift im Rahmen einer Prophetie, die das Weltende für die Zeit um 1500 ankündigt, die Thematik des „Memoriale" wieder auf, darunter auch die „Weltämtertheorie", die der Verfasser mit einer lebendigen Schilderung der jeweiligen Volkscharaktere verbindet, um die Verteilung der Nationen auf ihre Aufgaben als gottgewollte natürliche Ordnung darzustellen. Alexander von Roes versucht so, die althergebrachte Vorrangstellung des Reiches als unabdingbar zu erweisen, um die Ankunft des Antichrist zu verhindern und gleichzeitig „durch eine Art Geschäftsverteilungsplan unter den Kernvölkern Europas für eine neue, aus der gegenwärtigen Krise hinausführende Variante dieser Vorrangstellung zu werben" (Fuhrmann).

Auffällige biographische Übereinstimmungen lassen eine Identität mit dem besser dokumentierten, aus einer Kölner Patrizierfamilie stammenden Alexander von Leysburg (Leysberg) möglich erscheinen, der ebenfalls eine Kanonikerpfründe am Kölner Stift Maria im Kapitol innehatte und sich an der römischen Kurie aufhielt, um dann später Franziskaner zu werden. Sie muss jedoch hypothetisch bleiben, „solange eine einleuchtende Erklärung für die Verschiedenheit der Beinamen nicht zu finden" ist (Grundmann). Ebenfalls erwogen wurde die Verwandtschaft mit dem Kölner Geschlecht „de Rosse", das seinen Namen vermutlich nach dem 1231 erworbenen Haus „Zum Roß" in der Rheingasse führte, in dem Erzbischof Engelbert II. 1263 wochenlang gefangen gehalten wurde. nach obenZahlreiche Hinweise in seinen Schriften lassen erkennen, wie sehr Alexander von Roes sich mit den Interessen Kölns und der Kölner Kirche identifizierte. Wohl zu Recht hat man ihm neben (rheinischem) Humor auch ein „kölnisch-rheinisch-fränkisch[es]" Geschichtsbild attestiert. Er erwähnt nicht nur die Gründung und reiche Ausstattung des Kölner Stifts Maria im Kapitol durch Plektrud, die Gemahlin des Hausmeiers Pippin (um 635-714), der dort auf dem Kapitol residiert habe (Memoriale c. 21), sondern erzählt auch die Maternus-Legende (c. 35), um die Ansprüche der Kölner Kirche auf den Besitz des sich noch heute im Domschatz befindenden Petrus-Stabes zurückzuführen: Dessen obere Hälfte werde zum Zeichen des Vorrechts, das der Kölner Erzbischof bei Wahl und Weihe des römisch-deutschen Königs genieße, in Köln aufbewahrt, während Trier, als die ältere Kirche, das untere Ende des Petrus-Stabes besitze (c. 36). Die Kurfürstenfabel benutzt Alexander von Roes in der Lesart, dass Karl der Große das Kurfürstenkolleg eingesetzt habe (c. 24), um die Vorrangstellung des Kölner Erzbischofs in Reich und Kirche zu betonen (c. 36). Dem Erzbistum wünscht er zudem den ewigen Besitz des Herzogtums Westfalen-Engern (c. 28).

Auf einen „nicht unwahrscheinlichen" Studienaufenthalt in Paris führt man seine Einstellung gegenüber den Franzosen zurück, deren geistige Begabung er neidlos anerkennt und deren Spottlust er fürchtet. An der römischen Kurie nahm der „fränkisch-deutsch empfindende Kölner" (Grundmann) sie dann als gefährliche Bedrohung für Reich und Kirche und sogar für die göttliche Weltordnung wahr. Der Anlass für seinen Aufenthalt in Italien (circa 1280-1288) ist unbekannt. Möglicherweise kam er im Auftrag des Kölner Erzbischofs Siegfried von Westerburg an die Kurie oder – wenn er mit Alexander von Leysburg identisch ist – wegen eines Streites um die Kölner Pfarrei Klein Sankt-Martin.

Die Werke des Alexander von Roes stehen am Anfang einer Streitschriftenliteratur, die sich nach dem Zusammenbruch des staufischen Reiches in Auseinandersetzung mit konkurrierenden französischen Ansprüchen um die Wahrung der universalen Kaiseridee bemühte. Unmittelbarer Anlass für seine erste Denkschrift, das „Memoriale", war die Wahl des Franzosen Simon de Brion zum Papst Martin IV. (Pontifikat 1281-1285). Die darin zum Ausdruck kommende Koalition des Papsttums mit den Franzosen wertet Alexander von Roes als Zeichen dafür, dass das Aufkommen der souveränen Einzelstaaten die imperiale Idee verdränge und die herkömmliche Weltordnung gefährde. Dieser neuen Ordnung stellte er in einem originellen Rückgriff auf die Tradition eine eigene Ordnung unter dem einigenden Band der universalen Kirche entgegen, die zugleich auf die providentielle Bedeutung des Imperium verweist („Translatio imperii"). Er beruft sich zu einer Zeit auf „Europa" als Chiffre für den „populus Christianus", als sonst niemand diesen Namen bemüht.

Seine schon sprichwörtliche Zuteilung der drei „Prinzipate" oder „Weltämter" an die drei Hauptnationen seiner Zeit, die nur zusammen – als Dach, Wände und Fundament – innerhalb der einen Kirche die rechte Ordnung erhalten können, begründet er ausführlich mit Abstammung, historischer Tradition und nationalen Eigenschaften dieser drei Völker und ordnet ihnen zusätzlich die drei Stände (populus, militia, clerus) zu. Am originellsten ist die Zuteilung des Studiums an die Franzosen, die den traditionellen Dualismus Lateinisch, (1) in der Philosophie Bezeichnung für diejenigen Theorien, die auf zwei essentiell verschiedenen Prinzipien beruhen. (2) Deutscher Dualismus ist die Bezeichnung für die Rivalität zwischen Preußen und Österreich im 19. Jahrhundert, die maßgeblich zur Bildung des Deutschen Reiches 1871 als Kleindeutschland beitrug. Der deutsche Dualismus hat seine Anfänge im 18. Jahrhundert in den Schlesischen Kriegen Friedrichs II. (Regierungszeit 1740-1786).  von Imperium und Sacerdotium sprengt und von ihm ebenfalls Karl dem Großen („Translatio studii" von Rom nach Paris) zugeschrieben wird. Sie ist wohl nicht als bloße Abfindung zu verstehen, die den französischen Druck auf das Papsttum und die politische Rivalität Frankreichs mit dem römisch-deutschen Reich abwehren soll, sondern auch als Ausdruck ehrlichen Respekts vor der geistigen Bedeutung Frankreichs.

Von den Zeitgenossen wird sein Werk noch in erster Linie als historiographischer Text gelesen, aus dem Argumente für die politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart abgeleitet werden können, oder auch – wegen der eschatologischen Bezüge vor allem in der „Noticia seculi" – aus „prophetischer Neugier" (Grundmann). Eine intensivere Rezeption seiner Schriften setzte erst im 15. Jahrhundert im Zusammenhang mit den Bestrebungen zur Kirchen- und Reichsreform sowie mit dem Beginn einer deutschen Nationsbildung im Spätmittelalter ein.

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Werke

Grundmann, Herbert/Heimpel, Hermann (Hg.), Die Schriften des Alexander von Roes, (MGH, Deutsches Mittelalter, Kritische Studientexte 4), Weimar 1949.

Grundmann, Herbert/Heimpel, Hermann (Hg.), Alexander von Roes. Schriften (MGH Staatsschriften des späteren Mittelalters, 1,1), Stuttgart 1958.

 

Literatur

Fuhrmann, Manfred, Alexander von Roes: ein Wegbereiter des Europagedankens?, Heidelberg 1994.

Grundmann, Herbert, Über die Schriften des Alexander von Roes, in: Deutsches Archiv 8 (1950), S. 154-237.

Horst, Harald, Weltamt und Weltende bei Alexander von Roes. Die Schriften des Kölner Kanonikers als Kontrapunkt zu mittelalterlichen Endzeiterwartungen, Köln 2002.

 

Online

Heimpel, Hermann, Artikel "Alexander von Roes", in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 194-195.

30.9.2010
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Lotte Kéry (Bonn) 
 

       
 

       
 
 St. Maria im Kapitol (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 169KB)

St. Maria im Kapitol, Detailausschnitt aus der "Großen Ansicht von Köln", Panorama-Holzschnitt von Anton Woensam (um 1492/1500-1541), 1531, Original im Kölnischen Stadtmuseum, Graphische Sammlung. (Rheinisches Bildarchiv)