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Anna von Kleve (1515-1557), Königin von England

Anna von Kleve war die vierte von insgesamt sechs Gemahlinnen des englischen Königs Heinrich VIII. (Regierungszeit 1509-1547). Die aus machtpolitischen Erwägungen geschlossene Ehe sollte das Bündnis zwischen England und dem Herzogtum Jülich-Kleve-Berg gegenüber Kaiser Karl V. von Habsburg (Regierungszeit 1519-1556) und dem französischen König Franz I. von Frankreich (Regierungszeit 1515-1547) besiegeln. Anna war damit die erste deutsche Königin Englands.

Anna von Kleve kam am 20.9.1515 in Düsseldorf als zweitälteste Tochter von Johann III. von Jülich-Kleve-Berg (1490-1539) und seiner Frau Maria von Berg (1491-1543) zur Welt. Als Schwester Wilhelms V. wuchs sie zunächst auf Schloss Burg bei Solingen unter der Obhut ihrer Mutter auf, wo sie und ihre Schwestern eine im Vergleich zu den großen europäischen Höfen in Frankreich oder England streng konservative Erziehung genossen, bei der vornehmlich das Erlernen von Handfertigkeiten im Vordergrund stand. Wie an manchen anderen kleinen Höfen spielten die Schönen Künste, Lesen, Schreiben, Fremdsprachenkenntnisse und die Musik in der Erziehung eines jungen Mädchens kaum eine Rolle.

Anders als ihre Schwester Sybille (1512-1554), die bereits im Alter von 14 Jahren mit dem Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen (1503-1554) vermählt worden war, war Anna mit 23 Jahren noch unverheiratet. Allerdings waren bereits 1526 Verhandlungen für eine Heirat mit Franz I. von Lothringen (1517-1545) geführt worden, die am 5.7.1527 zur Unterzeichnung eines förmlichen Ehevertrages geführt hatten, der nie offiziell aufgelöst werden sollte.

Als Annas Bruder Wilhelm V. 1539 die Regierung in Jülich-Kleve-Berg übernommen hatte, geriet er aufgrund der geldrischen Frage in Konflikt mit dem von Kaiser Karl V. angeführten Haus Habsburg. Zwar nahm Wilhelm diplomatische Verhandlungen zum Kaiser auf, suchte aber gleichzeitig nach Bündnispartnern in Europa.

Auch der englische König, der sich spätestens seit der Annullierung der Ehe mit Katharina von Aragón (1485-1536), einer Tante Karls V., mit dem Habsburger überworfen hatte, suchte nach neuen Bündnispartnern, zumal Heinrich VIII. einen gemeinsamen Angriff von Seiten Frankreichs und Habsburgs gegen das seit 1534 protestantische England befürchtete. Kurze Zeit nach dem Tod von Jane Seymour (1509-1537), Heinrichs dritter Ehefrau, bemühte sich der leitende englische Minister Thomas Cromwell (1485-1540) eine politisch sinnvolle Ehe für den König zu arrangieren. Die Suche gestaltete sich allerdings als schwierig, da Heinrich VIII. seine zweite Frau Anne Boleyn (circa 1501-1536) hatte hinrichten lassen. Die Wahl des Königs fiel zunächst auf die junge Witwe des Herzogs von Mailand, Christina von Dänemark (1521-1590), eine Nichte Karls V. Die Versuche, eine Heirat zustande zu bringen, scheiterten jedoch am Widerstand des Kaisers und der Exkommunikation Heinrichs VIII. im Jahr 1539. In Wilhelm V. fand Cromwell schließlich einen mächtigen Bündnispartner gegen Karl V. und Franz I., der mit Jülich-Kleve-Berg-Ravensberg-Mark über das bedeutendste Territorium in Nordwestdeutschland herrschte.

Die Initiative für eine dynastische Verbindung zwischen England und Kleve ging daher zunächst von den Engländern aus. Anfang Januar 1539 wurde über eine Heirat zwischen dem jungen Herzog Wilhelm V. und Heinrichs ältester Tochter Maria (1516-1588) beraten. Seit dem 20.1.1539 wurden die Verhandlungen um die Möglichkeit einer Doppelhochzeit erweitert: für Heinrich standen Wilhelms Schwestern Anna und Amalie (1518-1586) als Bräute zur Auswahl. Die Heirat Wilhelms mit Maria kam jedoch nicht zustande, da dieser bis 1540 auf eine Heirat mit Christina von Dänemark hoffte. Da es jedoch zwischen Karl V. und Wilhelm V. zu keiner Einigung in der geldrischen Frage kam, vermählte sich der Herzog im Jahr darauf mit Jeanne d’Albret (1528-1572), einer Nichte Franz I.

Heinrich VIII. entschied sich dennoch, nachdem sein Hofmaler Hans Holbein der Jüngere (1498-1543) ein äußerst schmeichelhaftes Porträt von ihr angefertigt hatte, die Ehe mit Anna von Kleve einzugehen. Am 3.9.1539 schickte Wilhelm V. einige Abgesandte nach England, um über den noch nicht aufgekündigten Vertrag mit Franz I. von Lothringen von 1527, über die Höhe des Brautgeldes und eine eventuelle Witwenpension zu verhandeln. Am 4.10.1539 wurde in London der Ehevertrag unterzeichnet. Anschließend wurde ein Weg gesucht, Anna sicher nach England zu bringen, da die Gefahr bestand, dass Heinrichs Braut von seinen Gegnern abgefangen werden könnte. Deshalb holte der englische Gesandte, Lord Eduard Clinton (1512-1585), die Braut mit ihrem Gefolge von 263 Personen und 228 Pferden aus Düsseldorf ab und geleitete sie nach Calais, wo sie am 11.12.1539 eintrafen. Ein Sturm hinderte sie zwei Wochen lang an der Weiterfahrt, so dass sie erst am 27.12.1539 den Hafen von Dover erreichten.

Auf ihre Rolle als zukünftige Königin Englands war Anna von Kleve aufgrund ihrer Erziehung denkbar schlecht vorbereitet. Der Vergleich mit ihren Vorgängerinnen musste, da sie das Lesen und Schreiben nur unzureichend beherrschte und weder das Singen noch das Spiel eines Instruments erlernt hatte, von Beginn an zu ihren Ungunsten ausfallen. Kultur und Zeremoniell am englischen Hof waren ihr ebenso fremd wie die englische Sprache. Daher bemühte man sich, sie auf der Reise zumindest in den wichtigsten höfischen Benimmregeln zu unterweisen und ihr einige Kartenspiele beizubringen.

Nach ihrer Ankunft in Dover reiste Anna über Canterbury nach Rochester, wo sie ihrem zukünftigen Ehemann zum ersten Mal begegnete. Heinrich, der ihr ungeduldig und erwartungsvoll entgegen gereist war, zeigte sich vom ersten Anblick seiner Braut jedoch maßlos enttäuscht. Er unterließ es sogar, ihr die mitgebrachten Geschenke zu überreichen. Annas Kleider entsprachen nicht der gängigen englischen Mode, so wie sie wohl insgesamt die optischen Erwartungen nicht erfüllte, die das Gemälde Holbeins versprochen hatte.nach obenBereits nach dieser Begegnung suchte Heinrich VIII. nach einer Möglichkeit, um die Heirat mit der Schwester Wilhelms V. zu verhindern und verschob die Hochzeit zunächst um zwei Tage. Trotzdem begab er sich am 3.1.1540 mit seinem Hofstaat, den bedeutendsten Persönlichkeiten Londons und ungefähr 6.000 Reitern nach Greenwich (heute Stadt London), um Anna offiziell zu begrüßen. Am 4.1.1540 beriet er sich mit seinen Räten, wie die Hochzeit verhindert werden könnte, wozu erneut geprüft werden sollte, ob der 1527 mit Franz I. von Lothringen geschlossene Heiratsvertrag noch Gültigkeit besaß. Heinrich VIII. sah sich schließlich gezwungen, in die Hochzeit einzuwilligen, nachdem Anna eine formelle Erklärung unterzeichnet hatte, nach der sie versicherte, nicht anderweitig gebunden zu sein. Eine Brüskierung seines wichtigsten Bündnispartners auf dem europäischen Festland konnte Heinrich VIII. zu diesem Zeitpunkt nicht riskieren.

Am 6.1.1540 fand schließlich in Anwesenheit zahlreicher Räte, Adliger und Abgesandter aus Kleve die Trauung statt. Anna von Kleve wurde damit die vierte Ehefrau Heinrichs VIII. Die Krönung wurde jedoch zunächst verschoben. Der am 27.1.1540 zwischen Heinrich VIII. und Wilhelm V. geschlossene Vertrag besiegelte die klevisch-englische Freundschaft, indem sie sich gelobten, kein Bündnis mit anderen Fürsten, seien es der Kaiser, der König von Frankreich oder der Papst, ohne vorherige Absprache mit dem anderen zu vereinbaren.

Bereits kurz nach der Hochzeit bemühte sich Heinrich um eine Trennung, da die politischen Gründe für die Verbindung, die Bedrohung Englands durch den Kaiser und den französischen König, im Laufe des Jahres 1540 nicht mehr bestanden. Außerdem war es zu Spannungen zwischen Heinrich VIII. und Wilhelm V. gekommen, da der Herzog mit dem Kaiser um Geldern in Verhandlungen treten musste.

Mittlerweile hatte sich Heinrich außerdem in Annas Hofdame, Catherine Howard (circa 1521/25-1542) verliebt – ein Umstand, der ihn die Scheidung vorantreiben ließ. Mit der Hinrichtung Cromwells am 28.7.1540 verlor Anna von Kleve zudem einen wichtigen Beschützer. Anfang Juli 1540 wurde sie unter dem Vorwand, sie vor der Pest in Sicherheit bringen zu wollen, vom Hof entfernt und nach Richmond gebracht. Heinrich berief eine Kommission ein, die ihm eine Rechfertigung für die Auflösung der Ehe verschaffen sollte. Als Begründung bemühte er sich erneut darum, die Gültigkeit des Heiratsvertrages mit Franz I. von Lothringen nachzuweisen und erklärte, dass die Ehe mit Anna nie vollzogen worden sei.

Bereits am 9.7.1540 bestätigte das Parlament die Auflösung der Ehe. Wahrscheinlich in Erinnerung an das Schicksal von Katharina von Aragón (1485-1536) und Anne Boleyn fügte sich Anna von Kleve Heinrichs Wünschen und unterschrieb ihre formelle Abdankung. Da Anna freiwillig der Auflösung der Ehe zugestimmt hatte, brauchte der König keine politischen Konsequenzen von Seiten ihres Bruders zu fürchten, der über die Behandlung seiner Schwester aufgebracht war. Anna nahm die Gegebenheiten gelassen hin. Erfreut über die unproblematische Trennung, gewährte ihr Heinrich VIII. eine großzügige Abfindung. So wurden ihr mehrere Herrensitze, unter anderem in Richmond, Penhurst und Hever, sowie verschiedene Ländereien überschrieben. Zudem galt sie als die erste Dame Englands nach der neuen Königin und den königlichen Töchtern und erhielt einen großen Haushalt mit zahlreicher Dienerschaft.

Obwohl Wilhelm V. auf ihre Rückkehr nach Deutschland drang, blieb Anna in England und erlernte die englische Sprache. 1541 wurde sie zur Lehnstreue gegenüber dem englischen König verpflichtet. Sie zog sich nach Hever Castle zurück und führte dort ein relativ unabhängiges Leben. Anna von Kleve wurde in England für ihre Freundlichkeit und Natürlichkeit, aber auch für ihre Extravaganzen berühmt. So fand sie nach ihrer Scheidung Gefallen an der italienischen und englischen Mode und besaß viele außergewöhnliche Kleider.

Bereits am 28.7.1540 ehelichte Heinrich VIII. Catherine Howard. Die junge Frau fand jedoch nicht in ihre Rolle als Königin von England und wurde bereits ein Jahr später wegen einer Affäre mit ihrem Kammerdiener enthauptet. Anna mag sich daraufhin wohl kurzzeitig Hoffnungen gemacht haben, dass sie der König nun doch als Ehefrau anerkennen würde, doch wurden diese durch die Heirat Heinrichs mit seiner sechsten Ehefrau Catherine Parr (1512-1548) 1543 endgültig zunichte gemacht.

Auch nach dem Tod Heinrichs VIII. am 28.1.1547 kehrte die „Tochter von Kleve" nicht in ihre Heimat zurück, sondern pflegte einen engen Kontakt zur königlichen Familie. So war sie am 30.9.1553 bei der Thronbesteigung ihrer ehemaligen Stieftochter Maria anwesend. Die meiste Zeit lebte sie auf Schloss Richmond.

Seit dem Frühjahr 1557 machten sich zum ersten Mal Anzeichen einer schweren Krankheit – wahrscheinlich Krebs – bemerkbar. Anna von Kleve starb am 28.7.1557 in Chelsea und wurde in der Westminster Abbey, London,  bestattet.

In England erinnern einige Denkmäler an die erste deutsche Königin Englands, so ihr Grabmal in Westminster Abbey. Ihr ehemaliges Wohnhaus in Lewes (East Sussex), in dem sie nach ihrer Scheidung von Heinrich VIII. lebte, beherbergt heute ein kleines Museum (Anne of Cleves House). In Kleve ist die „Stadt-Galerie Anna von Kleve" nach ihr benannt.

nach obenLiteratur

Cooper, John, Anna von Kleve, die vierte Gemahlin Heinrichs VIII. von England, in: Spohr, Edmund (Hg.), Düsseldorf. Eine Stadt zwischen Tradition und Vision, Düsseldorf 2004, S. 24-41.

Ganerus, Gisela, Als Prinzessin geboren: Lebenswege junger Frauen zwischen Mittelalter und früher Neuzeit, Norderstedt 2006.

Ihne, Ellen, Die Prinzessin Anna von Kleve und die europäische Heiratspolitik, in: Haldern einst und jetzt 101 (2008), S. 33-37.

Panzer, Marita A., Englands Königinnen, München 2003.

Smit, Emilie, Der Erwerb Gelderns als Beweggrund für die Heirat zwischen Anna von Kleve und Heinrich VIII. von England, in: Land im Mittelpunkt der Mächte. Die Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg, Kleve 1984.

Striewski, Jennifer, Anna von Kleve (1515-1557), Königin von England, in: Rheinische Lebensbilder 19 (2013), S. 67-89.

 

Online

1539, Anne of Cleves arrives in England and meets King Henry VIII, (Artikel in englischer Sprache auf der Seite: Primary Sources. Eyewitness accounts of people and events in Tudor England).

Sollbach-Papeler, Margrit, 4. Oktober 1539. Anna von Kleve - Königin von England für sechs Monate (NRW 2000. Die Zeit der Reformation).

Über das Grab der englischen Königin Anna von Kleve (Artikel in englischer Sprache auf der Homepage der Westminster Abbey).

 

12.7.2013

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Jennifer Striewski (Bonn) 
 

       
 

       
 

 

 Anna von Kleve (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 192KB)

Anna von Kleve, Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren (1497/1498-1543), 1539, Original im Musée du Louvre, Paris.