Hermann Löher

Gegner der Hexenverfolgung (1595–1678)

Thomas P. Becker (Bonn)

Hermann Löher, Porträt, Kupferstich, aus: Hermann Löher, Hochnötige Unterthanige Wemütige Klage Der Frommen Unschültigen, Amsterdam 1676. (St. Michael-Gymnasium Bad Münstereifel)

Der Rhein­ba­cher Tuch­händ­ler Her­mann Lö­her hat in sei­nem 1676 ge­druck­ten Buch „We­mü­ti­ge Kla­ge der from­men Un­schül­ti­gen“ ein ein­zig­ar­ti­ges Zeug­nis der früh­neu­zeit­li­chen He­xen­ver­fol­gung im Rhein­land ge­lie­fert. Als Ge­richts­schöf­fe war er zu­nächst an He­xen­ver­fol­gun­gen in Rhein­bach und Um­ge­bung be­tei­ligt, bis er selbst in den Ver­dacht der He­xe­rei kam und flie­hen muss­te. In sei­ner Schil­de­rung gibt er Ein­bli­cke in die Ver­fol­gungs­me­cha­nis­men, aber auch in die Span­nun­gen, die un­ter den Ver­fol­gern herrsch­ten. Die­se Schil­de­run­gen sind ein­zig­ar­tig, weil sie nichts zu be­schö­ni­gen ver­su­chen, son­dern den psy­cho­lo­gi­schen Druck und die skru­pel­lo­se Hal­tung der Ver­fol­gungs­be­für­wor­ter of­fen le­gen.

Her­mann Lö­her wur­de 1595 in Müns­ter­ei­fel (heu­te Bad Müns­ter­ei­fel) als äl­tes­tes Kind des Kauf­manns Ger­hard Lö­her ge­bo­ren. Seit 1601 wohn­te die Fa­mi­lie in Rhein­bach. Nach dem Tod des Va­ters führ­te Her­mann ab 1625 das Ge­schäft mit Woll- und Lei­nen­tü­chern al­lei­ne. 1631 wur­de er in das sie­ben­köp­fi­ge Gre­mi­um der Schöf­fen am Hoch­her­ren­ge­richt auf­ge­nom­men. Nur we­ni­gen Fa­mi­li­en war das Schöf­fen­amt vor­be­hal­ten, sie bil­de­ten die Ober­schicht von Rhein­bach.

Trotz des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges hat­ten die Rhein­ba­cher bis da­hin ein fried­li­ches Le­ben ge­führt. Auch die He­xen­ver­fol­gung, die ab 1626 im Rhein­land im­mer mehr Op­fer for­der­te, hat­te die Stadt bis­her nie be­rührt. Dies aber wur­de nun an­ders, denn An­fang Mai 1631 wur­de in Rhein­bach der ers­te He­xen­pro­zess ge­gen ei­ne Dienst­magd er­öff­net. Der Rhein­ba­cher Amt­mann Hein­rich De­gen­hardt Schall von Bell (um 1593/1594-1664) be­rief den Bon­ner Ju­ris­ten Dr. Franz Buir­mann als so ge­nann­ten „He­xen­kom­mis­s­ar“. Das wa­ren aus­ge­bil­de­te Ju­ris­ten der kur­k­öl­ni­schen Hoch­ge­rich­te, die von den länd­li­chen Schöf­fen­ge­rich­ten als ju­ris­ti­sche Be­ra­ter in He­xe­rei­sachen her­an­ge­zo­gen wer­den soll­ten. Das zwei­te Op­fer der Pro­zess­wel­le war ei­ne ar­me al­te Frau na­mens Gre­te Hardt. Doch das drit­te Pro­zess­op­fer war die 60-jäh­ri­ge Tuch­händ­le­rin Chris­ti­na Böff­gens, Wit­we des ehe­ma­li­gen Rhein­ba­cher Bür­ger­meis­ters Pie­ter Böff­gens. Franz Buir­mann ließ sie trotz ih­rer stand­haf­ten Un­schulds­be­teue­run­gen im­mer wei­ter fol­tern, bis sie auf der Fol­ter starb. So­gleich be­schwor der He­xen­kom­mis­sar die an­we­sen­den Schöf­fen und re­de­te ih­nen ein, der Teu­fel selbst ha­be der „ver­stock­ten He­xe“ den Hals ge­bro­chen, da­mit sie ih­re Kom­pli­zen nicht ver­ra­ten kön­ne.

Hat­te schon der Pro­zess ge­gen Chris­ti­na Böff­gens den Un­wil­len Lö­hers er­regt, so wur­de ihm beim vier­ten Pro­zess end­gül­tig klar, dass die Ver­däch­ti­gun­gen von Kom­mis­sar Buir­mann und sei­nen Rhein­ba­cher Auf­trag­ge­bern ge­steu­ert wur­den. Die­ses vier­te Op­fer war Hil­ger Lirtz, ein ehe­ma­li­ger Bür­ger­meis­ter und Schöf­fe. Er wur­de 24 Stun­den lang ge­fol­tert, bis er zu­sam­men­brach und al­les ge­stand, was sei­ne Pei­ni­ger hö­ren woll­ten. Der Schöf­fe Jan Be­wel wur­de durch die­se Ge­scheh­nis­se psy­chisch ge­bro­chen, denn Lirtz war sein Schwie­ger­va­ter, und er hat­te ver­geb­lich ver­sucht, des­sen Ver­haf­tung und Fol­te­rung ab­zu­wen­den. Auch wei­te­re Schöf­fen wur­den nun vom He­xen­kom­mis­sar Buir­mann un­ter Druck ge­setzt. Er über­re­de­te die Schöf­fen da­zu, ihm ei­nen Blan­ko-Haft­be­fehl aus­zu­stel­len, und kurz dar­auf ver­haf­te­ten die Büt­tel An­na Kem­mer­ling, die Ehe­frau des Schöf­fen Gott­hart Pel­ler. Pel­lers laut­star­ke Pro­tes­te hal­fen nichts. Auch sei­ne Frau muss­te ster­ben.

Die Pro­zes­se ge­gen Chris­ti­na Böff­gens, Hil­ger Lirtz und An­na Kem­mer­ling zei­gen, dass die An­schul­di­gun­gen von ei­ner Grup­pe Rhein­ba­cher Bür­ger ge­tra­gen wur­den, die an der Ent­mach­tung der re­gie­ren­den Fa­mi­li­en In­ter­es­se hat­te. Lö­her schil­dert ein­dring­lich, wie in den Ver­hö­ren und Fol­te­run­gen ge­lenkt und ein­ge­grif­fen wur­de, um die „Ge­ständ­nis­se“ auf die Per­so­nen zu len­ken, die man be­sei­ti­gen woll­te. Gna­den­los wur­den die Wi­der­stän­de in­ner­halb des Schöf­fen­kol­le­gi­ums aus dem Weg ge­räumt. Als Ex­em­pel wur­de der äl­tes­te Schöf­fe Her­bert Lapp sel­ber hin­ge­rich­tet. Lapp hat­te es ge­wagt, ei­ner wei­te­ren For­de­rung Buir­manns nach ei­ner Blan­ko­voll­macht zu wi­der­spre­chen. Das war das To­des­ur­teil für ihn und sei­ne Frau. Da­mit war es nur noch ei­ne Fra­ge der Zeit, bis sich die Ver­fol­ger auch für die an­de­ren „He­xen-Pa­tro­ne“ un­ter den Schöf­fen in­ter­es­sie­ren wür­den. Und in der Tat tauch­te bald das Ge­rücht auf, auch Lö­hers Frau sei ei­ne He­xe. Mit Be­ste­chun­gen ge­lang es Lö­her, sich Rü­cken­de­ckung beim Amt­mann zu er­kau­fen. Aber es war nur ei­ne Ret­tung auf Zeit.

Ab 1632 stock­te die kur­k­öl­ni­sche Ver­fol­gung. Doch an ver­schie­de­nen Or­ten be­gan­nen die He­xen­jag­den 1636 er­neut. Nun konn­ten die Ver­fol­ger auch ge­gen die rest­li­chen Schöf­fen­fa­mi­li­en zum Schlag aus­ho­len: Schöf­fe Gott­hart Pel­ler war schon ver­stor­ben, doch Her­mann Lö­her und Ri­chard Gert­zen wa­ren noch im Amt. Her­mann Lö­her war klar ge­wor­den, in wel­cher Ge­fahr er steck­te: Als nun wäh­rend des Som­mers 1636 wie­der Ge­rüch­te über ihn auf­tauch­ten, floh er am 3. Au­gust mit sei­ner Frau und den jün­ge­ren Kin­dern nach Ams­ter­dam, wo es kei­ne Aus­lie­fe­rung gab. Auch Ri­chard Gert­zen setz­te sich bald nach Ams­ter­dam ab. So wa­ren fünf Jah­re nach dem Be­ginn der He­xen­brän­de in Rhein­bach und Um­ge­bung von den sie­ben Schöf­fen am Rhein­ba­cher Ge­richt ei­ner hin­ge­rich­tet, ei­ner psy­chisch ge­bro­chen, ei­ner nach der Hin­rich­tung sei­ner Ehe­frau ge­stor­ben und zwei ge­flo­hen.

Mit sei­ner ver­blie­be­nen Bar­schaft ge­lang es Lö­her, in sei­ner neu­en Hei­mat wie­der ein Ge­schäft auf­zu­ma­chen, doch der frü­he­re wirt­schaft­li­che Er­folg blieb ihm ver­sagt. 1662 starb sei­ne Frau Ku­ni­gun­de. Lö­her hei­ra­te­te ei­ni­ge Jah­re spä­ter Ca­tha­ri­na Hen­rix Ge­el, auch sie ei­ne Deut­sche.

Die Schreck­nis­se der He­xen­ver­fol­gung wur­de Lö­her nicht mehr los. Mit 80 Jah­ren ent­schloss er sich, sei­ne Er­leb­nis­se zu Pa­pier zu brin­gen und zu­sam­men mit Bei­spie­len aus an­de­ren Ge­gen­den zu ei­ner flam­men­den An­kla­ge ge­gen die He­xen­pro­zes­se zu for­men. Un­ter die­sen Bei­spie­len be­fin­det sich ei­ne Be­son­der­heit, näm­lich das „Bril­len-Mar­ter-Trak­ta­t“ des sau­er­län­di­schen Pfar­rers Mi­cha­el Sta­pi­ri­us (um 1585/1590-1663). Die­se Schrift ist nir­gend­wo an­ders über­lie­fert. Es han­delt sich um Schil­de­run­gen von He­xen­pro­zes­sen im kur­k­öl­ni­schen Sau­er­land zwi­schen 1616 und 1628.

Das Buch hat 33 Ka­pi­tel, die je­doch von ei­ni­gen Vor- und Nach­ka­pi­teln um­rahmt wer­den. Man merkt, dass Lö­her mit dem Schrei­ben ein­fach nicht auf­hö­ren konn­te. Um den Kern der Rhein­ba­cher Er­zäh­lun­gen le­gen sich Er­ör­te­run­gen der He­xen­li­te­ra­tur sei­ner Zeit, aber al­les ist selt­sam ver­schach­telt. Erst 1677 schloss er es ab. Doch kei­ner woll­te das Buch ha­ben. Als Lö­her 1678 starb, war von 1.000 Ex­em­pla­ren kei­nes ver­kauft wor­den. Von die­sen Ex­em­pla­ren sind heu­te welt­weit nur noch zwei Ori­gi­na­le er­hal­ten, ei­nes in Ams­ter­dam und ei­nes in Bad Müns­ter­ei­fel. Der Grund da­für war wohl die un­se­li­ge Si­tua­ti­on im Hau­se Lö­her. Her­manns Wit­we Ca­tha­ri­na hat­te mit an­se­hen müs­sen, wie ihr Mann das ge­mein­sa­me Ver­mö­gen für ein Buch ver­pul­ver­te, das nie­mand in­ter­es­sier­te. Ih­re Ver­bit­te­rung dar­über war wohl der Grund da­für, dass sie die ge­sam­te Auf­la­ge als Alt­pa­pier ein­stamp­fen ließ. Für uns heu­te hat die­ses Buch al­ler­dings ei­nen enor­men Wert. Nir­gend­wo auf der Welt exis­tiert ei­ne so de­tail­rei­che Schil­de­rung der At­mo­sphä­re und der Kon­flik­te in ei­nem He­xen­ge­richt. Nir­gend­wo in der deut­schen Li­te­ra­tur des Ba­rock gibt es ei­ne so um­fang­rei­che au­to­bio­gra­phi­sche Schrift ei­nes Men­schen, der nur ein ein­fa­cher Kauf­mann war. Zu­dem hat das Buch ei­ne zeit­lo­se Bot­schaft. Her­mann Lö­her fragt im­mer wie­der da­nach, wie es mög­lich ist, dass Men­schen ih­re Nach­barn und Freun­de auf ein­mal zu has­sen be­gin­nen und so­gar dem Tod über­ant­wor­ten. Und das ist heu­te noch ge­nau so ak­tu­ell wie im 17. Jahr­hun­dert.

Schriften

We­mü­ti­ge Kla­ge der from­men Un­schül­ti­gen, Ams­ter­dam 1676.

Literatur

Be­cker, Tho­mas P, Her­mann Lö­her als Au­gen­zeu­ge der He­xen­ver­fol­gung in Rhein­bach, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 206 (2003), S. 129-157.

De Waardt, Hans, Asyl in Ams­ter­dam – Her­mann Lö­hers Le­ben nach der Flucht, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 206 (2003), S. 169-184.

De­cker, Rai­ner, Der Bril­len-Trak­tat des Mi­cha­el Stap­pert als Be­stand­teil von Her­mann Lö­hers weh­mü­ti­ger Kla­ge, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 206 (2003), S. 159-168.

De­cker, Rai­ner, He­xen. Ma­gie, My­then und die Wahr­heit, Darm­stadt 2004.

Gib­bons, Lois Oli­phant, A Seven­teenth Cen­tu­ry Hu­ma­ni­ta­ri­an: Her­mann Lö­her, in: Per­se­cu­ti­on and Li­ber­ty. Es­says in ho­nor of Ge­or­ge Lin­coln Burr, New York 1931, S. 335-359.

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Becker, Thomas P., Hermann Löher, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hermann-loeher/DE-2086/lido/57c942771c1252.13292011 (06.12.2018)