Willi Ostermann

Volkssänger und Karnevalist (1876-1936)

Björn Thomann (Sank Augustin)

Willi Ostermann, um 1920, Porträtfoto.

Wil­li Os­ter­mann war ein Dich­ter, Kom­po­nist und Sän­ger aus Köln. Mit hu­mo­ris­ti­schen, pa­trio­ti­schen und me­lan­cho­li­schen Lie­dern avan­cier­te er be­reits zu Leb­zei­ten zu ei­nem der po­pu­lärs­ten Re­prä­sen­tan­ten sei­ner rhei­ni­schen Hei­mat. Os­ter­manns bil­der­rei­che und poin­tier­te Schil­de­run­gen skur­ri­ler Fi­gu­ren und Epi­so­den des Köl­ner Mi­lieus er­freu­en sich auch im frü­hen 21. Jahr­hun­dert ei­ner un­ge­bro­che­nen Be­liebt­heit.

Wil­helm Os­ter­mann wur­de am 1.10.1876 in Mül­heim am Rhein (heu­te Stadt Köln) ge­bo­ren. Er war das jüngs­te von vier Kin­dern des in Diens­ten der Ber­gisch-Mär­ki­schen Ei­sen­bahn-Ge­sell­schaft ste­hen­den Wei­chen­stel­lers Pe­ter Os­ter­mann (1838-1909) und des­sen Ehe­frau Ger­trud Paas (1848-1927). Öko­no­mi­sche Er­wä­gun­gen ver­an­lass­ten die Fa­mi­lie im Jahr 1879 zum Um­zug nach Deutz (heu­te Stadt Köln). Pe­ter Os­ter­mann wur­de hier zu ver­bes­ser­ten Be­zü­gen bei der Mo­der­ni­sie­rung des rechts­rhei­ni­schen Schie­nen­net­zes ein­ge­setzt.

Von 1883 bis 1891 be­such­te Wil­li Os­ter­mann die ka­tho­li­sche Volks­schu­le in Deutz und be­gann da­nach auf Wei­sung sei­nes Va­ters ei­ne Leh­re zum Elek­tri­ker. Al­ler­dings brach er die­se be­reits nach we­ni­gen Wo­chen we­gen ei­nes von ihm ver­ur­sach­ten Kurz­schlus­ses ab. We­sent­lich er­folg­rei­cher ver­lief sei­ne drei­jäh­ri­ge Aus­bil­dung zum Ste­reo­ty­peur und Gal­va­no­plas­ti­ker bei der Diez- und Baum’schen Dru­cke­rei in Köln, die er auf Ver­mitt­lung sei­ner Mut­ter er­hal­ten hat­te und 1894 zum Ab­schluss brach­te.

 

Be­reits in die­sen Jah­ren schrieb und kom­po­nier­te Os­ter­mann hu­mo­ris­ti­sche Lie­der, die er im Ver­wand­ten- und Be­kann­ten­kreis zum Vor­trag brach­te. Zu­dem hat­te er als Schü­ler ein Pup­pen­thea­ter ge­grün­det und sei­ne schau­spie­le­ri­sche Be­ga­bung un­ter an­de­rem im Lai­en­spiel­thea­ter des Ma­ria­ni­schen Jüng­lings-Ver­eins un­ter Be­weis ge­stellt. Den Be­ginn sei­ner Kar­rie­re als Vor­trags­künst­ler und Krätz­chen­sän­ger da­tier­te er spä­ter auf ei­nen um­ju­bel­ten Auf­tritt beim Deut­zer Schüt­zen­fest im Jahr 1899, bei dem er erst­mals das Lied „Et Dü­xer Schöt­ze­fe­ß“ prä­sen­tier­te. Der nun ein­set­zen­de künst­le­ri­sche Er­folg gab ihm die Ge­le­gen­heit, sei­nen er­lern­ten Be­ruf auf­zu­ge­ben und sich spä­tes­tens seit 1900 den Le­bens­un­ter­halt of­fi­zi­ell als „Hu­mo­ris­t“ zu ver­die­nen.

Im Jahr 1907 fei­er­te Wil­li Os­ter­mann mit dem Lied „Däm Schmitz sing Frau eß durch­ge­brann­t“ ein tri­um­pha­les De­büt im Köl­ner Kar­ne­val. Mit dem nicht min­der po­pu­lä­ren Ti­tel „Wer hätt dat von der Tant ge­dach­t“ er­rang er 1908 den ers­ten Preis für das bes­te Mund­art­lied der re­nom­mier­ten Köl­ner Blu­men­spie­le. Be­reits in die­ser Pha­se be­geis­ter­te Os­ter­mann sein Pu­bli­kum durch die Fä­hig­keit, die cha­rak­te­ris­ti­sche At­mo­sphä­re des Köl­ner Mi­lieus in sei­nen Lie­dern ein­zu­fan­gen. Die­se han­del­ten nicht sel­ten von Miss­ge­schi­cken und mensch­li­chen Un­zu­läng­lich­kei­ten, die er je­doch in ei­ne hei­te­re Form zu fas­sen ver­stand, oh­ne da­bei bos­haft oder zo­tig zu wir­ken. Die­ser Stil soll­te sich für vie­le rhei­ni­sche Mund­art­grup­pen bis in die Ge­gen­wart hin­ein als prä­gend er­wei­sen. Dar­über hin­aus ge­lang es ihm mit sei­nen au­gen­zwin­kern­den Schil­de­run­gen, die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Köl­ner mit ih­rer Stadt nach­hal­tig zu för­dern.

Karnevalslied von Willi Ostermann.

 

In den Jah­ren sei­nes be­ruf­li­chen Auf­stiegs fand Wil­li Os­ter­mann auch sein pri­va­tes Glück. Zwar hat­te er be­reits am 18.6.1903 die aus Heven in West­fa­len stam­men­de Ka­tha­ri­na Ma­ria Strie­beck (1878-1958) ge­hei­ra­tet, doch war die­se Ehe schon nach kur­zer Zeit ge­schie­den wor­den. Über die Freund­schaft und Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ka­pell­meis­ter Emil Palm (1890-1960) lern­te er des­sen Schwes­ter Ka­tha­ri­na „Kä­te“ Palm (1884-1959) ken­nen, die er er am 13.1.1911 hei­ra­te­te. Sie ent­stamm­te ei­ner alt­ein­ge­ses­se­nen Köl­ner Fa­mi­lie und zähl­te den als „Ur­jels-Pal­m“ be­kannt ge­wor­de­ne Ma­ler und Stra­ßen­mu­si­kan­ten Jo­hann Jo­seph Palm (1801-1882) zu ih­ren Vor­fah­ren. Bei­de Ehen Os­ter­manns blie­ben kin­der­los.

Nach­dem er im Ers­ten Welt­krieg ver­schie­de­ne pa­trio­ti­sche Lie­der in Köl­ner Mund­art ver­fasst hat­te und auch in der Trup­pen­be­treu­ung ak­tiv ge­we­sen war, stieg Wil­li Os­ter­mann in den 1920er Jah­ren zum po­pu­lärs­ten Stim­mungs­sän­ger sei­ner Hei­mat­stadt auf. In die­ser Zeit ent­stan­den zeit­lo­se Gas­sen­hau­er wie „Wie kütt die Mösch en de Kö­ch“, „Köl­sche Mäd­cher kün­ne büt­ze“ oder „Kutt er­op! Bei Palm’s do eß de Pief ver­stop­p“. 1930 schrieb Os­ter­mann den Ti­tel „Och, wat wor dat frö­her schön doch en Co­lo­ni­a“ für die Kar­ne­vals­re­vue „Die Fa­s­tel­ovend­sprin­zes­sin“. Der me­lan­cho­li­sche Ab­ge­sang auf die durch frem­de Ein­flüs­se ver­dräng­te „Ei­gen­ar­t“ sei­ner Hei­mat­stadt zählt noch heu­te zu den be­kann­tes­ten rhei­ni­schen Lie­dern.

Willi Ostermann (Mitte) mit dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer und der Ehefrau von Fritz Maaß, dem Präsidenten der Großen Kölner Karnevalsgesellschaft, um 1930. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

Bei der Ver­mark­tung sei­ner Wer­ke be­wies Os­ter­mann ein aus­ge­präg­tes un­ter­neh­me­ri­sches Ge­schick. Be­reits im Jahr 1910 hat­te er ei­nen ei­ge­nen Ver­lag ge­grün­det und sein Re­per­toire in den 1920er Jah­ren um hoch­deut­sche Lie­der er­wei­tert, in de­nen er vor al­lem die Schön­hei­ten des Rhein­lan­des be­sang. Zu die­sen kom­mer­zi­ell über­aus er­folg­rei­chen Wer­ken zäh­len die Ti­tel „Rhei­ni­sche Lie­der, schö­ne Frau`n beim Wein“ (1929), „Wenn du ei­ne Schwie­ger­mut­ter has­t“ (1928) und „Ein­mal am Rhein und dann zu zwei’n al­lei­ne sein“ (1930). Schall­plat­ten­auf­nah­men und Rund­funk­über­tra­gun­gen lie­ßen ihn weit über die Gren­zen des Rhein­lands hin­aus be­kannt wer­den. Gast­spie­le in deut­schen Groß­städ­ten wie Ber­lin, Ham­burg, Dort­mund oder Düs­sel­dorf, aber auch im eu­ro­päi­schen Aus­land tru­gen we­sent­lich zu sei­ner Po­pu­la­ri­tät bei. Da­ne­ben ver­fass­te er Wer­be­tex­te und schrieb Lie­der für Fil­me und Re­vu­en. Kein Er­folg war dem von ihm zwi­schen 1930 und 1931 her­aus­ge­ge­ben hu­mo­ris­ti­schen Wo­chen­blatt „Wil­li Os­ter­mann’s Tün­nes und Schäl“ be­schie­den, das sich we­gen der gro­ßen Kon­kur­renz nicht durch­setz­te.

Im Pri­va­ten zeig­te Wil­li Os­ter­mann ei­ne gro­ße Lei­den­schaft für das Glücks­spiel und für Pfer­de­wet­ten. Er war je­doch nicht nur ein häu­fig ge­se­he­ner Gast auf der Renn­bahn in Wei­den­pesch, son­dern ver­folg­te auch mit Be­geis­te­rung die Rad­sport­ver­an­stal­tun­gen in der Rhein­land­hal­le in Eh­ren­feld (heu­te Stadt Köln). Er­ho­lung fand er auf sei­nen Ur­laubs­rei­sen an den La­go Mag­gio­re oder an die Ri­vie­ra, aber auch im Zu­ge sei­ner Som­mer­gast­spie­le in den See­bä­dern Nord­deutsch­lands. Die von ihm un­ter Be­tei­li­gung zahl­rei­cher be­kann­ter Büh­nen­künst­ler des Köl­ner Kar­ne­vals or­ga­ni­sier­ten „Rhei­ni­schen Aben­de“ er­freu­ten sich gro­ßer Be­liebt­heit.

Der Be­ginn der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft hin­ter­ließ im künst­le­ri­schen Wir­ken Os­ter­manns kei­ne nach­hal­ti­ge Zä­sur. Über sei­ne per­sön­li­che Ein­stel­lung zur na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung schwei­gen sich die Quel­len aus. Sei­ne Lie­der at­me­ten stets ei­ne kon­ser­va­ti­ve, aber zu­meist un­po­li­ti­sche Grund­hal­tung. Für ei­ne Mit­glied­schaft in der NS­DAP fin­den sich kei­ne Be­wei­se. Als An­ge­hö­ri­ger der Reichs­kul­tur­kam­mer stand er dem Re­gime je­doch für die Un­ter­hal­tungs­pro­gram­me der Or­ga­ni­sa­ti­on Kraft durch Freu­de (KdF) zur Ver­fü­gung.

„Ostermänner“, Notenheft mit einem Potpourri von Willi Ostermann-Schlagern, 1928. (Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung)

 

Im Ju­li 1936 er­litt Os­ter­mann nach ei­nem Auf­tritt im Kur­haus von Bad Neue­nahr ei­nen Schwä­che­fall. Er wur­de in die Kran­ken­an­stalt Lin­den­burg in Köln ein­ge­wie­sen, wo er sich ei­ner Ma­gen­ope­ra­ti­on un­ter­zie­hen muss­te. Ei­ne Bes­se­rung sei­nes Zu­stan­des stell­te sich je­doch nicht ein. Os­ter­mann war sich der Ernst­haf­tig­keit sei­ner La­ge voll­auf be­wusst, be­geg­ne­te ihr aber den­noch mit Hu­mor und dem ihm ei­ge­nen Op­ti­mis­mus. In den letz­ten Ta­gen vor sei­nem Tod dich­te­te er sein letz­tes Lied, das un­ter dem Ti­tel „Heim­weh nach Köln“ mit dem Re­frain „Ich möch zo Foß nach Köl­le jon“ zu Be­ginn der Kar­ne­vals­ses­si­on 1936/1937 ver­öf­fent­licht und im Zwei­ten Welt­krieg zum In­be­griff der emo­tio­na­len Ver­bun­den­heit der Köl­ner mit ih­rer schwer ge­zeich­ne­ten Hei­mat­stadt wur­de.

Wil­li Os­ter­mann starb am 6.8.1936 in der Kli­nik in Lin­den­burg. Sei­ne Bei­set­zung am 10.8.1936 ge­riet zu ei­nem städ­ti­schen Gro­ße­reig­nis. Nach­dem der Leich­nam des Ver­stor­be­nen zu­nächst in sei­ner Woh­nung am Neu­markt 33 auf­ge­bahrt wor­den war, wur­de er in ei­nem von schät­zungs­wei­se 35.000 Men­schen ge­säum­ten Trau­er­zug auf den Fried­hof Me­la­ten über­führt. Hier fand Os­ter­mann in ei­nem Eh­ren­grab sei­ne letz­te Ru­he­stät­te.

Gedenktafel an Willi Ostermanns Wohnhaus am Kölner Neumarkt, 2011. (CC-BY-SA)

 

Die Er­in­ne­rung an den be­deu­ten­den Volks­sän­ger und sein Werk wird bis heu­te in­ten­siv ge­pflegt. Be­reits am 16.2.1939 konn­te der vom Bild­hau­er Wil­ly Klein ge­stal­te­te Os­ter­mann­brun­nen im Köl­ner Mar­tins­vier­tel ein­ge­weiht wer­den. Der aus ei­nem Mu­schel­kalk­block ge­fer­tig­te Brun­nen über­stand den Krieg weit­ge­hend un­be­schä­digt und bil­det heu­te den zen­tra­len Punkt des Os­ter­mann­plat­zes. Am 28.2.1967 er­folg­te die Grün­dung der Wil­li Os­ter­mann Ge­sell­schaft e.V., die das An­denken ih­res Na­men­ge­bers auf viel­fäl­ti­ge Wei­se för­dert und seit 1969 für die of­fi­zi­el­le Er­öff­nung der Kar­ne­vals­ses­si­on ver­ant­wort­lich zeich­net. Im Jahr 1991 wur­de das Fi­gu­renen­sem­ble am Köl­ner Rat­haus­turm durch ei­ne vom Bild­hau­er Her­bert Paul La­bus­ga ge­fer­tig­te Sta­tue Os­ter­manns er­wei­tert. Seit 1967 wird die Gol­de­ne Wil­li-Os­ter­mann-Me­dail­le für be­son­de­re Ver­diens­te um das Brauch­tum und das Lied­gut der Stadt Köln ver­lie­hen.

Literatur

Krupp, Hans W., Wil­li Os­ter­mann. Mund­art­dich­ter und Lie­der­sän­ger, Köln 1986.

Krupp, Hans W., Wil­li Os­ter­mann. 'En Köl­le am Rhing...'. Ei­ne Bio­gra­phie, neu hg. v. An­ne Krupp, Köln 1995.

Lies­sem, Tho­mas, Wil­li Os­ter­mann. Le­ben und Wir­ken des rhei­ni­schen Volks­lie­der­dich­ters, Köln 1936.

Lies­sem, Tho­mas, Wil­li Os­ter­mann. Ein Le­ben für den Froh­ge­sang am Rhein, Köln 1958.

Oels­ner, Wolf­gang, Wil­li Os­ter­mann, in: Soé­ni­us, Ul­rich S./Wil­helm Jür­gen (Hg.), Köl­ner Per­so­nen-Le­xi­kon, Köln 2008, S. 408-409.

Staf­fel, Wil­helm, Wil­li Os­ter­mann, Köln 1976.

Grabstein Willi Ostermanns auf dem Kölner Melaten-Friedhof, 2005, Foto: Elke Wetzig.

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Thomann, Björn, Willi Ostermann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/willi-ostermann/DE-2086/lido/57c9573558c2b9.31692405 (22.04.2018)