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Stefan Andres (1906-1970), Schriftsteller

Stefan Andres gehört zu den meist gelesenen deutschen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Zu seinem facettenreichen literarischen Werk gehören Dramen, Gedichte, Essays und Novellen. Seine größten Erfolge feierte er in den 1950er Jahren, als ihm zahlreiche Literaturpreise verliehen wurden.

Stefan Paul Andres wurde am 26.6.1906 als neuntes Kind eines Müllers in Breitwies bei Trittenheim an der Mosel geboren. 1910 zog die Familie nach Schweich. Im Anschluss an die Volksschule (1912-1918) nahm Stefan Andres im niederländischen Vaals am Collegium Josephinum der Redemptoristen (das Collegium befindet sich seit 1920 in Bonn) das Gymnasialstudium auf. Nach dem vorzeitigen Verlassen des Kollegs 1920 widmete er sich ab 1921 bei den Barmherzigen Brüdern von Maria Hilf in Trier als Postulant kurzzeitig der Krankenpflege. Seine ersten literarischen Versuche unternahm Andres während des Juvenats bei den Armen Brüdern vom Heiligen Franz Xaver zwischen 1921 und 1924. Nach dem Lehrerexamen trat er 1926 in das Noviziat der Kapuziner in Krefeld ein, arbeitete vorübergehend als Lateinlehrer und legte 1929 nachträglich die Abiturprüfung ab. Dem ursprünglichen Wunsch seiner Familie, Priester zu werden, folgte er nicht. Er fand seine Berufung in der Literatur.

Ab 1929 studierte Andres in Köln, Jena und Berlin Theologie, Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik. 1932 brach er das Studium ab und begab sich auf eine Reise nach Italien. 1933 erschien sein erster Roman „Lucifer"; seither widmete er sich voll und ganz der Schriftstellerei.

Weitere ausgedehnte Reisen in den Mittelmeerraum boten ihm Stoff und Hintergrund für viele seiner Erzählungen, Novellen und Romane. Bei all seinen Werken ging es Andres um die Auseinandersetzung des modernen Menschen mit seinen inneren Bedrängnissen, mit Schuld und Sühne, Gewalt und Gnade, Gerechtigkeit und Liebe, Toleranz und Humanität im Rahmen fataler Verknüpfungen. Darüber hinaus ging es ihm auch um die Frage von Freiheit und dem Widerspruch zu Diktatur und Fanatismus, um sein Engagement gegen jeden Machtanspruch in Kirche und Staat. Schon früh stand er in Opposition zum NS-Regime.

Seine Frau Dorothee Andres geborene Freudiger (1911-2002), die er während seines Studiums in Jena 1931 kennen gelernt hatte, war Jüdin. Sie hatten 1932 nach seinem Umzug nach Köln geheiratet. Aus der Ehe gingen bis 1935 zwei Töchter hervor, unter anderem Mechthild Andres (gestorben 1942).

Eine Tätigkeit beim Kölner Rundfunk unterbrach Stefan Andres 1933 nach der „Machtergreifung Bezeichnung für die Ernennung Adolf Hitlers (1889-1945) zum Reichskanzler am 30.1.1933 und die Übertragung der Regierungsgewalt auf die Nationalsozialisten. Die Machtergreifung bedeutete das endgültige Ende der demokratischen Weimarer Republik und den Beginn der Terrorherrschaft der NS-Diktatur. " und zog mit seiner Familie erstmals nach Positano in Italien. Nach einer kurzzeitigen Rückkehr wurde seine Rundfunkstelle 1935 endgültig gekündigt. Über Lomnitz und München ging die Familie 1937 wiederum nach Positano, Stefan Andres gleichsam in die „Innere Emigration". Die Zeit des Exils gehört zu den produktivsten Phasen seines literarischen Schaffens.

Erst 1950 kehrte er nach Deutschland zurück und ließ sich in Unkel am Rhein nieder. Zuvor, schon 1949, war ihm, der als Hitlergegner gefeiert wurde, der Rheinische Literaturpreis verliehen worden. 1952 folgte der Literaturpreis des Landes Rheinland-Pfalz, 1954 der Große Kunstpreis von Nordrhein Westfalen. Stefan Andres wurde Mitglied der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung. Daneben galt sein Engagement politischen Fragen seiner Zeit. Seine Reden gegen Atombewaffnung und Kalten Krieg, für Abrüstung und Überwindung des Blockdenkens, für die Aussöhnung mit den osteuropäischen Staaten und die Einigung Europas sorgten für produktive Unruhe in der Bonner Republik. Weitere Auszeichnungen wurden Andres innerhalb wie außerhalb Deutschlands zuteil: 1957 ehrte ihn die Italienische Republik mit dem Komturkreuz, 1958 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.nach obenSeine Bücher standen nun regelmäßig auf der Bestsellerliste. Seine überraschende Handlungsführung begeisterte die Leser. Die reiche Bilderwelt und seine knappe, klar umrissene und schnörkellose Sprache, machten die Lektüre seiner Bücher zu einer äußerst angenehmen Beschäftigung. So war es kein Wunder, dass er mit einer Auflage von rund drei Millionen Exemplaren zu den meistgelesenen und erfolgreichsten deutschen Schriftstellern zählte. Seine Dramen gehören noch heute zum Repertoire deutscher Bühnen. „Wir sind Utopia", eines seiner bekanntesten Werke, wurde 1950 in Düsseldorf unter der Regie von Gustaf Gründgens uraufgeführt und ist insgesamt viermal verfilmt worden.

In „Wir sind Utopia" muss sich der Protagonist zwischen Schuld und Freiheit entscheiden. Die Handlung spielt im Spanischen Bürgerkrieg. Der gefangene Matrose Paco kommt in ein Gefangenenlager, ein altes Kloster, in dem er früher als Mönch gelebt hat. Als sich Paco die Gelegenheit bietet, den Lagerkommandeur zu ermorden und seine gefangenen Kameraden zu befreien, entscheidet er sich dafür, seinem Gelübde treu zu bleiben und sich nicht auf eine Stufe mit dem Gewalttäter zu begeben. In der Novelle „El Greco malt den Großinquisitor" wird dem Maler El Greco befohlen, den Großinquisitor zu malen. Dieser erkrankt lebensgefährlich und der Arzt Cazalla, der Freund des Malers, rettet ihn, obwohl sein Bruder der Inquisition zum Opfer fiel. Er bleibt seinem Berufsethos treu, genau wie El Greco, der den Großinquisitor nicht, wie gefordert, der äußeren Erscheinung nach darstellt, sondern der künstlerischen Wahrheit entsprechend. Bei dem Roman „Der Knabe im Brunnen" handelt es sich um seine Autobiographie, die erstmals 1953 erschien. Hier erzählt er mit Humor und Einfallsreichtum und in leicht verschlüsselter Form über seine Kindheit mit den Spannungen zwischen seiner Lebenslust und den Einschränkungen durch religiöse und konventionelle Grenzen. Einen Skandal rief sein 1958 aufgeführtes Drama „Sperrzonen" hervor, welches sich mit dem Nationalsozialismus und der Shoa auseinandersetzte.

1961 kehrte er der Bundesrepublik Deutschland, die nicht dem entsprach, was er sich unter einem erneuerten Deutschland versprochen hatte, den Rücken. Er ging zurück nach Italien und lebte fortan bis zu seinem Tode am 29.6.1970 in Rom. Dort ist er auf dem Campo Santo Teutonico, dem deutschen Friedhof im Vatikan, beigesetzt.

Heute ist die 1979 gegründete internationale Stefan-Andres-Gesellschaft mit Sitz in Schweich Verwalterin seines Nachlasses, der sich im Literaturarchiv Marbach befindet. Mit regelmäßigen Veranstaltungen, Konferenzen, Lesungen und Diskussionen hält sie das Andenken an den Dichter aufrecht. Seit 1986 verleiht die Gesellschaft alle drei Jahre den Stefan-Andres-Preis, der zu den renommiertesten deutschsprachigen Literaturpreisen gehört. Preisträgern sind unter anderem Arnold Stadler (geboren 1954, Preisträger 2004) und Christoph Hein (geboren 1944, Preisträger 1989). Die nächste Verleihung soll im Jahre 2010 stattfinden.

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Nachlass von Stefan Andres im Literaturarchiv Marbach.

 

Werke (Auswahl)

Bruder Luzifer, Jena 1932.

Der Knabe im Brunnen, München 1953.

Die Löwenkanzel, Köln 1933.

Die Versuchung des Synesios, München 1971.

El Greco malt den Großinquisitor, Leipzig 1936.

Wir sind Utopia, Berlin 1942.

Der ewige Strom. Oratorium. Musik von Wilhelm Maler, Mainz/Leipzig 1936.

Sperrzonen. Eine deutsche Tragödie, Berlin 1957.

Requiem für ein Kind, Hamburg 1948.

 

Literatur (Auswahl)

Bongart, Carl, Stefan Andres, Berlin 1990.

Braun, Michael, Stefan Andres. Leben und Werk, Bonn 1997.

Henneke, Hans, Stefan Andres. Eine Einführung in sein Werk, München 1962.

Goldmann, Bernd, Stefan Andres, in: Rheinische Lebensbilder 15 (1995), S. 267-274.

Kann, Hans-Joachim, Stefan Andres (1906-1970), in: Franz, Gunther (Hg.), Kaiser, Gelehrte, Revolutionäre. Persönlichkeiten und Dokumente aus 2000 Jahren europäischer Kulturgeschichte, Trier 2007, S. 194-199.

Klein, Uwe, Stefan Andres. Innere Emigration in Deutschland und im Exil, Mainz 1990.

Schmitt, Christoph, Artikel „Andres, Stefan Paul", in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 18 (2001), Sp. 64-70.

Online

Das Stefan Andres Archiv (Information über das Stefan Andres Archiv auf der Website der Stefan-Andres-Gesellschaft).

1.10.2012
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Erika Steinhausen (Weilerswist) 
 

       
 

       
 
 Stefan Andres (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 57KB)

Stefan Andres, Porträtfoto.