Familie Neusser

Verlegerfamilie (seit 1772)

Helmut Vogt (Bonn)

Richtfest des neuen Verlagsgebäudes an der Wesselstraße in Bonn, vorne in der Mitte im hellen Mantel Verleger Hermann Neusser III, undatiert. (Archiv des Generalanzeigers)

Seit 1801, als Pe­ter Neus­ser in die 1725 ge­grün­de­te Bon­ner Hof­buch­dru­cke­rei ein­hei­ra­te­te, hat in un­un­ter­bro­che­ner Fol­ge ein Mit­glied der Fa­mi­lie an der Spit­ze der Fir­ma ge­stan­den. Die Kon­zen­tra­ti­on auf die Re­gi­on und das Zei­tungs­ge­schäft mach­te das Haus Neus­ser zum heu­te äl­tes­ten Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men im IHK-Be­zirk Bonn.

Die Ehe des Stamm­va­ters Pe­ter Neus­ser (1772-1843) mit Ca­tha­ri­na Rom­mers­kir­chen war kurz und blieb kin­der­los. Die spä­te­re Ver­le­ger­dy­nas­tie geht al­so auf An­na Ger­trud Spra­tel (auch Sprat­tel oder Sprat­ten) (1780-1813) zu­rück, die der ge­lern­te Dru­cker am 4.6.1805, zwei Jah­re nach dem To­de sei­ner ers­ten Frau, hei­ra­te­te. Sei­ne Ak­ti­vi­tät im fran­zö­sisch be­setz­ten Bonn be­schränk­te sich auf ei­ni­ge Buch­ti­tel so­wie den „Bon­ner Sack-Ka­len­der", aus dem sich das Adress­buch ent­wi­ckel­te (1899 an die Fir­ma Cart­haus ver­kauft). Erst 1808 konn­te ein Wo­chen­blatt er­schei­nen, trotz harm­lo­sen In­halts im­mer in Kon­flikt mit der Zen­sur und 1811 end­gül­tig von ihr un­ter­drückt. Nach­fol­ger wur­de ein zwei­spra­chi­ges Ver­ord­nungs- und An­zei­gen­blatt, nach der Be­frei­ung 1813 als „Bon­ner Wo­chen­blatt" fort­ge­führt. Als wir­kungs­mäch­ti­ger er­wies sich die bei Neus­ser ge­druck­te Denk­schrift, mit der sich Kreis­di­rek­tor Phil­ipp Jo­seph von Reh­fu­es (1779-1843) im No­vem­ber 1814 für Bonn als Stand­ort der ver­spro­che­nen preu­ßi­schen Rhein­uni­ver­si­tät ein­setz­te. De­ren Grün­dung im Herbst 1818 be­leb­te zwar das ört­li­che Buch­ge­schäft, doch Neus­ser blieb vor­nehm­lich Dru­cker und Her­aus­ge­ber ei­nes rei­nen Ver­ord­nungs- und An­zei­gen­blat­tes oh­ne po­li­ti­schen In­halt. „Flei­ßig und unt­hadel­haft, Ruf wohl­be­grün­det, Wohl­ha­ben­heit aus­kömm­lich", um­reisst 1833 ei­ne be­hörd­li­che Ein­schät­zung sei­ne Stel­lung.

Frühes Druckwerk aus der Hofbuchdruckerei von Rommerskirchen, 1729. (Archiv des Generalanzeigers)

 

Ab An­fang 1836 er­schien die Zei­tung, be­reits un­ter Ver­ant­wor­tung des Soh­nes Jo­hann Neus­ser (1808-1878), drei­mal wö­chent­lich. Buch­dru­cke­rei und Ver­lag tra­ten noch wei­ter zu­rück, denn der neue Ver­le­ger fühl­te sich eher der Mu­sik und den schö­nen Küns­ten ver­bun­den. Die po­li­ti­sche Ab­sti­nenz ret­te­te in­des sei­ne Le­bens­grund­la­ge über die Re­vo­lu­ti­on von 1848 hin­weg. Seit 1850 als „Bon­ner Zei­tung" fir­mie­rend nahm das Blatt un­ter ab­neh­men­dem Zen­sur­druck ver­stärkt po­li­ti­sche Nach­rich­ten und Kom­men­ta­re auf und ging nach dem Sieg Preu­ßens über Ös­ter­reich ins Bis­marck-La­ger über.

Der 1870 ins vä­ter­li­che Ge­schäft ein­ge­tre­te­ne Her­mann Neus­ser (1839-1909) brach­te das ge­nüg­sa­me Un­ter­neh­men ein­deu­tig auf Wachs­tums­kurs. Im Kul­tur­kampf zwi­schen dem Bis­marck­reich und der ka­tho­li­schen Kir­che ex­plo­dier­te der Druck von Bü­chern und Flug­schrif­ten. Zu­dem stell­te sich Neus­ser in den Dienst der alt­ka­tho­li­schen Pu­bli­zis­tik. Dies und die na­tio­nal­li­be­ra­le, staats­freund­li­che Ein­stel­lung der „Bon­ner Zei­tung" er­wie­sen sich als schäd­lich für die Auf­la­ge: In ih­rer Treue zu Kir­che und Zen­trums­par­tei wech­sel­te ein Teil der Le­ser­schaft zur neu ge­grün­de­ten „Deut­schen Reichs­zei­tung". Erst 1884 konn­te die „Bon­ner Zei­tung" wie­der zwei­mal täg­lich er­schei­nen, blieb je­doch un­ren­ta­bel, so­dass der Ver­le­ger 1889 bis 1891 sein Un­ter­neh­men voll­stän­dig neu aus­rich­te­te. Mit der Grün­dung des „Ge­ne­ral-An­zei­gers" kehr­te Neus­ser zum Zei­tungs­typ sei­nes Gro­ßva­ters zu­rück. Die Kon­zen­tra­ti­on der Fi­nanz­mit­tel auf das neue Ge­schäfts­feld er­for­der­te die Auf­ga­be der de­fi­zi­tä­ren „Bon­ner Zei­tung". Der Buch­ver­lag wur­de kom­plett an Fried­rich Co­hen (spä­ter Bou­vier) ver­kauft.

Johann Neusser, Porträtfoto, undatiert. (Archiv des Generalanzeigers)

 

Als zu­nächst gra­tis ver­teil­tes An­zei­gen­blatt (Start­auf­la­ge: 20.000 Ex­em­pla­re) war der „Ge­ne­ral-An­zei­ger" das Ge­gen­teil ei­ner po­li­ti­schen Ge­sin­nungs­zei­tung. Im Vor­der­grund stan­den die Wer­bein­ter­es­sen ei­ner stür­misch wach­sen­den Wirt­schaft. Ne­ben gro­ßen In­se­ra­ten von Mar­ken­ar­tik­lern und Kauf­häu­sern stan­den Klein- und Fa­mi­li­en­an­zei­gen. Dem be­schei­de­nen Text­teil blieb ei­ne rein un­ter­stüt­zen­de Funk­ti­on, aber die­ses Mo­dell des „Volks- und Fa­mi­li­en­blatts" er­wies sich als zu­kunfts­träch­tig. Zwei Jah­re nach Er­schei­nen konn­te ein be­schei­de­ner Be­zugs­preis durch­ge­setzt wer­den. Ei­ne viel be­staun­te Dop­pel-Ro­ta­ti­ons­ma­schi­ne er­höh­te die Druck­ka­pa­zi­tät. Der häu­fi­ge Ein­satz des Ver­le­gers für lo­ka­le Be­lan­ge stärk­te die Ver­bun­den­heit mit der Le­ser­schaft, wie auch der wirt­schaft­li­che Er­folg des Un­ter­neh­mens über­haupt erst die Ba­sis für Mä­ze­na­ten­tum schuf. Dies zeigt Neus­sers ent­schei­den­der An­teil an der Grün­dung des „Ver­eins Beet­ho­ven-Haus" zur Ret­tung des be­droh­ten Ge­burts­hau­ses des Kom­po­nis­ten im Jah­re 1889. Hier konn­te der Ver­le­ger so­wohl die „Bon­ner Zei­tung" als auch sei­ne ge­sell­schaft­li­chen Ver­bin­dun­gen ein­brin­gen.

Die par­tei­po­li­ti­sche Ab­sti­nenz des Ge­ne­ral-An­zei­gers ließ Raum für Ta­ges­neu­ig­kei­ten, Lo­ka­les, Feuille­ton, Thea­ter- und Mu­sik­kri­tik und mach­te die Zei­tung at­trak­tiv für die un­po­li­ti­sche Mehr­heit der Le­ser. Den wirt­schaft­li­chen Er­folg der Fa­mi­lie be­legt noch heu­te das in Hei­mat ver­bun­de­ner Bau­wei­se ge­hal­te­ne Land­haus, wel­ches Her­mann Neus­ser II (1879-1937) im Jah­re 1911 auf park­ar­ti­gem Grund­stück ober­halb von Muf­fen­dorf er­rich­ten ließ. Der Ers­te Welt­krieg, an dem der Ver­le­ger als Ar­til­le­rie­of­fi­zier teil­nahm, be­en­de­te die­se an­hal­ten­de Pros­pe­ri­täts­pha­se.

Hermann Neusser I, Porträtfoto, undatiert. (Archiv des Generalanzeigers)

 

Kri­tisch für die Exis­tenz des Blat­tes wur­de die fran­zö­si­sche Be­set­zung der Bon­ner Re­gi­on. Wie­der­holt kam es zu Kon­flik­ten mit der Ok­ku­pa­ti­ons­macht, vor al­lem 1923, als Bonn Zen­trum ei­ner kurz­le­bi­gen „Rhei­ni­schen Re­pu­blik" war und die von Frank­reich ge­deck­ten Se­pa­ra­tis­ten Chef­re­dak­teur Pe­ter Neus­ser (1877-1937), den äl­te­ren Bru­der des Her­aus­ge­bers, we­gen sei­ner Reich­streue be­dräng­ten. Da­bei hat ein ge­stärk­ter „Hei­mat­ge­dan­ke", der sich im En­ga­ge­ment für den Ver­ein Alt-Bonn so­wie in zahl­rei­chen po­pu­lä­ren Ar­ti­keln und Bei­la­gen nie­der­schlug, lang­fris­tig die Auf­la­ge ge­stei­gert: 1927 wur­den 45.000 Ex­em­pla­re er­reicht.

Die zwei­te exis­ten­zi­el­le Be­dro­hung kam mit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me. Der jü­di­sche Chef­re­dak­teur wur­de auf Druck der Par­tei durch ei­nen will­fäh­ri­gen Nach­fol­ger er­setzt. Erst 1940 ge­lang es, mit Ed­mund Els ei­nen Fach­jour­na­lis­ten oh­ne Par­tei­bin­dung zu be­ru­fen, doch den Zwän­gen ei­ner gleich­ge­schal­te­ten Pres­se konn­te auch er sich nicht ent­zie­hen. Als die neu­en Macht­ha­ber ver­such­ten, den Ver­lag in die Gau­pres­se zu über­füh­ren, hat sich Her­mann Neus­ser selbst durch SA-De­mons­tra­tio­nen vor dem Ver­lags­haus nicht ein­schüch­tern las­sen. Dra­ma­tisch war der Auf­la­gen­rück­gang (1936: 16.000 Ex­em­pla­re), be­droh­lich der an­ste­hen­de Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel: Her­mann Neus­ser III (1917-2002) be­fand sich 1937 beim Tod sei­nes Va­ters noch in der Aus­bil­dung und hat­te an­schlie­ßend Wehr- und Kriegs­dienst zu leis­ten. An sei­ne Stel­le trat sein Schwa­ger Dr. Ot­to Wei­dert (1909-1982). Der Mün­che­ner Rechts­an­walt steu­er­te das Un­ter­neh­men durch die NS-Zeit und über­nahm spä­ter zahl­rei­che Eh­ren­äm­ter in Bran­chen­ver­bän­den.

Das Breuningsche Haus, Münsterplatz 12, bis 1892 Gründungsort des Bonner Generalanzeigers und Standort bis 1892, Zeichnung, undatiert. (Archiv des Generalanzeigers)

 

Als „Aus­weich­be­trieb" hat­te die Dru­cke­rei 1943 meh­re­re Mo­na­te lang ne­ben der ei­ge­nen Zei­tung drei in Köln aus­ge­bomb­te Blät­ter zu pro­du­zie­ren, be­vor im Ok­to­ber 1944 der Ver­lag zum Druck des NS-Par­tei­or­gans „West­deut­scher Be­ob­ach­ter" be­schlag­nahmt wur­de. Zwi­schen der Zer­stö­rung des Ver­lags­hau­ses am 18.10.1944 und der Er­obe­rung Bonns im März 1945 sind in di­ver­sen Not­quar­tie­ren und un­re­gel­mä­ßi­ger Fol­ge Aus­ga­ben pro­du­ziert und auf aben­teu­er­li­chen We­gen nach Bonn trans­por­tiert wor­den.

Nach dem Wie­der­auf­bau hielt man sich, wie an­de­re Alt­ver­le­ger auch, mit frem­den Druck­auf­trä­gen über Was­ser. Die bri­ti­sche Be­sat­zung ließ nur so ge­nann­te „Par­tei­rich­tungs­zei­tun­gen" zu. Erst nach Auf­he­bung des Li­zenz­zwan­ges konn­te der „Ge­ne­ral-An­zei­ger" im Ok­to­ber 1949 sein Er­schei­nen wie­der auf­neh­men. Als füh­ren­de Re­gio­nal­zei­tung im Rau­me der Bun­des­haupt­stadt fand er Be­ach­tung weit über Bonn hin­aus, ver­lor aber nicht die Bo­den­haf­tung: Für sein En­ga­ge­ment er­hielt Ver­le­ger Her­mann Neus­ser 1998 den Rhein­land­ta­ler des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land (LVR) ver­lie­hen. Sein Sohn Her­mann Neus­ser IV (ge­bo­ren 1951), Vor­sit­zen­der be­zie­hungs­wei­se stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Trä­ger­ver­eins des Deut­schen Pres­se­rats, be­geg­net dem tie­fen Um­bruch des Pres­se­we­sens seit der Jahr­tau­send­wen­de durch den Um­bau des Zei­tungs­ver­la­ges zum viel­sei­ti­gen Me­di­en­haus.

Fest der Belegschaft des Generalanzeigers Bonn, mehrere Mitarbeiter in SA-Uniformen, in der letzten Reihe vor dem Vorhang Verleger Hermann Neusser II, undatiert. (Archiv des Generalanzeigers)

 

Literatur

Hen­se­ler, Theo­dor An­ton, Bei­trä­ge zur Ge­schich­te des Bon­ner Buch- und Zei­tungs­ver­la­ges, in: Bon­ner Ge­schichts­blät­ter 7 (1953), S. 5-131.

Hü­bin­ger, Paul Egon, Grün­der und Stif­ter des Ver­eins Beet­ho­ven-Haus, in: Bon­ner Ge­schichts­blät­ter 34 (1982), S. 225-295.

Von der Hof­dru­cke­rei zum Me­di­en­haus. Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men Bon­ner Zei­tungs­dru­cke­rei und Ver­lags­an­stalt H. Neus­ser GmbH, in: Die Wirt­schaft. Miit­tei­lungs­blatt der IHK Bonn, Sep­tem­ber 2007, S. 20.

We­nig, Ot­to, Buch­druck und Buch­han­del in Bonn, Bonn 1968.

Online

Ge­ne­ral An­zei­ger (His­to­ri­sche und ak­tu­el­le In­for­ma­tio­nen über die Zei­tung der H. Neus­ser GmbH durch die Lan­des­an­stalt für Me­di­en NRW). [On­line]

Mei­len­stei­ne des Ge­ne­ral­an­zei­gers. [On­line]

Mitarbeiterfeier, vermutlich zum ersten Andruck des Generalsanzeigers nach Kriegsende, 1.10.1949. (Archiv des Generalanzeigers)

 
Zitationshinweis

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Vogt, Helmut, Familie Neusser, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/familie-neusser/DE-2086/lido/57c953bf274c55.16705253 (abgerufen am 12.04.2026)

Veröffentlichung

Veröffentlicht am 02.09.2016, zuletzt geändert am 26.08.2025