Faust, Anselm/Rusinek, Bernd-A./Dietz, Burkhard (Bearb.), Lageberichte rheinischer Gestapostellen, 3 Bände (Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde, 81), Düsseldorf 2012-2016

Ansgar S. Klein (Bonn)

Wis­sen­schaft­li­che Quel­le­ne­di­tio­nen zur Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts – ins­be­son­de­re was die Re­gio­nal­ge­schich­te an­geht – er­schei­nen an­ge­sichts des Um­fangs des über­lie­fer­ten Ma­te­ri­als wie der be­rühm­te Trop­fen auf den hei­ßen Stein. Den­noch sind sie nach wie vor rich­tig und wich­tig für die wis­sen­schaft­li­che For­schung. Staat­li­ches Schrift­gut wie Ka­bi­netts­pro­to­kol­le und La­ge­be­rich­te - um nur zwei Bei­spie­le zu nen­nen - sind wert­vol­le Über­lie­fe­run­gen, die Den­ken und Han­deln do­ku­men­tie­ren und da­her im­mer wie­der her­an­ge­zo­gen wer­den müs­sen. Al­lein schon auf Grund der ih­nen zu Teil wer­den­den Auf­merk­sam­keit ver­die­nen sie ei­ne quel­len­kri­ti­sche Pu­bli­ka­ti­on.

Be­reits 1957 hat­te Bern­hard Voll­mer die Be­rich­te der Staats­po­li­zei­stel­le und der Re­gie­rung Aa­chen ediert. Die­sem Vor­rei­ter folg­ten mit gro­ßem zeit­li­chem Ab­stand Edi­tio­nen zu den preu­ßi­schen Pro­vin­zen Pom­mern (1974), Hes­sen-Nas­sau (1985/86), Han­no­ver (1986), Os­na­brück (1995), Flens­burg (1997), Bran­den­burg/Ber­lin (1998) und Sach­sen (2006) so­wie zu den Län­dern Ba­den (1976) und Ol­den­burg (2002). Auf Reichs­ebe­ne er­schie­nen die "Mel­dun­gen aus dem Reich" (1984), die La­ge­be­rich­te des SD von 1938 bis 1945. Im Pro­jekt "Bay­ern in der NS-Zeit" (1977) ha­ben die Her­aus­ge­ber ei­ne Aus­wahl lo­ka­ler Be­rich­te ver­öf­fent­licht. Des Wei­te­ren lie­gen die Be­rich­te der Ber­li­ner Jus­tiz aus der Kriegs­zeit (1986) vor.

Lan­ge Zeit blie­ben Be­rich­te aus der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz ei­ne Lü­cke, die er­freu­li­cher­wei­se nun ge­schlos­sen wer­den konn­te: Von dem auf drei Bän­de an­ge­leg­ten Edi­ti­ons­pro­jekt „La­ge­be­rich­te rhei­ni­scher Ge­sta­pos­tel­len“ sind 2012 der ers­te, 2014/15 die bei­den Tei­le des zwei­ten Ban­des und schlie­ß­lich 2016 der ab­schlie­ßen­de drit­te Band er­schie­nen. Die selt­sa­me Auf­tei­lung des zwei­ten Ban­des ist wohl der Über­le­gung ent­sprun­gen, je­dem der drei Jah­re des ent­spre­chen­den Zeit­raum von 1934 bis 1936 je­weils ei­nen Band zu wid­men.

Als Be­ar­bei­ter fun­gie­ren An­selm Faust, Bernd-A. Rusi­nek und Burk­hard Dietz. Rusi­nek hat­te das Kon­zept ent­wor­fen, muss­te aber aus be­ruf­li­chen Grün­den das Pro­jekt vor Be­en­di­gung ver­las­sen. Faust und Dietz brach­ten die Bän­de zur Druck­rei­fe.

Der von den Be­ar­bei­tern ge­wähl­te Raum ist – nach dem Vor­bild der be­reits vor­lie­gen­den Edi­tio­nen – die ehe­ma­li­ge preu­ßi­sche Rhein­pro­vinz. Die­se hat­te fünf Sta­pos­tel­len, je­weils ei­ne in je­dem rhei­ni­schen Re­gie­rungs­be­zirk, al­so in Aa­chen, Düs­sel­dorf, Ko­blenz, Köln und Trier.

In vier Ar­chi­ven sind 91 Be­rich­te auf­ge­fun­den wor­den, der Zeit­raum reicht vom Früh­jahr 1934 bis März 1936. Die Über­lie­fe­rung der mo­nat­li­chen Be­rich­te ist nicht voll­stän­dig er­hal­ten ge­blie­ben. Da­her wur­de zum Schlie­ßen der Lü­cken als Er­satz- bzw. Par­al­lel­über­lie­fe­rung die eben­falls mo­nat­li­che Be­richt­er­stat­tung der Re­gie­rungs­prä­si­den­ten her­an­ge­zo­gen. Es spricht ei­ni­ges für die­se Ent­schei­dung. Ein­zu­wen­den ist nur, dass so­mit ei­ne Edi­ti­on der rest­li­chen Be­rich­te der Re­gie­rungs­prä­si­den­ten kaum mehr er­fol­gen wird und die­se im Schat­ten der nun­mehr ver­öf­fent­lich­ten we­ni­ger Be­ach­tung fin­den könn­ten. Da­bei sind die un­ter­schied­li­chen Schwer­punkt­set­zun­gen und Be­ur­tei­lun­gen der bei­den be­richt­er­stat­ten­den Ver­wal­tun­gen in­ter­es­sant. Da­mit sie eben­falls ein­fa­cher als Quel­le her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen, wä­re in die­sem Fal­le zu­min­dest ei­ne di­gi­ta­le Edi­ti­on wün­schens­wert.

Völ­lig rich­tig ist die Auf­nah­me der von Voll­mar be­reits edier­ten Be­rich­te. Ei­ne Nicht­auf­nah­me hät­te ein müh­se­li­ges Su­chen be­deu­tet und ei­nen ver­al­te­ten Wis­sens­stand wei­ter mit­ge­schleppt.

Ei­ne Ein­lei­tung zur Ge­schich­te der Ge­hei­men Staats­po­li­zei im Rhein­land (Or­ga­ni­sa­ti­on und Per­so­nal) und zu de­ren Be­richt­er­stat­tung (als his­to­ri­sche Quel­le, Über­lie­fe­rung und Edi­ti­on) fin­det sich im ers­ten Band. In al­len drei Bän­den folgt ei­ne his­to­ri­sche Ein­füh­rung, die sich mit dem In­halt der La­ge­be­rich­te be­schäf­tigt. Hier wer­den zu­nächst ein Über­blick zur Ent­wick­lung des je­wei­li­gen Be­richts­jahrs mit sei­nen po­li­ti­schen Be­son­der­hei­ten und dann Er­läu­te­run­gen bzw. Zu­sam­men­fas­sun­gen zu den ein­zel­nen The­men­fel­dern der Be­richt­er­stat­tung ge­ge­ben. Die­se ori­en­tiert sich am Auf­bau der La­ge­be­rich­te, der seit De­zem­ber 1933 vom Ge­hei­men Staats­po­li­zei­amt in Ber­lin for­mal und in­halt­lich im De­tail vor­ge­schrie­ben war, aber auch bei Be­darf er­gänzt wer­den konn­te.

Die Be­richt­er­stat­tung er­folg­te über wirt­schaft­li­che, so­zia­le, kirch­li­che und po­li­ti­sche Ge­scheh­nis­se, die da­mit ver­bun­de­nen Stim­mun­gen und Ten­den­zen, auf die hier in­halt­lich nicht ein­ge­gan­gen wer­den soll. Ziel war die Er­for­schung „al­ler staats­ge­fähr­li­chen Be­stre­bun­gen“, um sie dann durch staats­po­li­zei­li­che Maß­nah­men zu be­kämp­fen. Als Quel­le dien­ten Er­mitt­lungs­ak­ten der Staats­po­li­zei, De­nun­zia­tio­nen und V-Leu­te so­wie Be­rich­te der lo­ka­len Po­li­zei­be­hör­den und NS­DAP-Par­tei­stel­len, aber auch an­de­re Be­hör­den wie Ar­beits­äm­ter, Fi­nanz­äm­ter, Schul­äm­ter und Ver­tre­tun­gen der Wirt­schaft wie In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern. Die Be­rich­te soll­ten un­ge­schminkt die tat­säch­li­che La­ge wie­der­ge­ben. Das ta­ten sie und zeig­ten eben auch die Feh­ler und Selbst­täu­schun­gen der NS-Po­li­tik auf. Doch so ge­nau woll­te es die Füh­rungs­spit­ze des Re­gimes dann doch nicht wis­sen. Der Vor­wurf, die Be­rich­te sei­en zu pes­si­mis­tisch und wür­den da­mit selbst zur Ver­schlech­te­rung der La­ge bei­tra­gen, be­deu­te­te gleich­zei­tig ihr En­de. Die spä­ter be­gon­ne­ne SD-Be­richt­er­stat­tung wur­de 1943/44 mit der glei­chen Be­grün­dung ein­ge­stellt.

Der Ab­druck er­folgt in zeit­li­cher Ab­fol­ge nach Be­richts­mo­nat und in­ner­halb die­ser geo­gra­fisch in Nord-Süd-Rich­tung, al­so Düs­sel­dorf, Aa­chen, Köln, Ko­blenz, Trier. Ei­ne Rei­hung der Be­rich­te in geo­gra­phi­scher Fol­ge hät­te auch ih­ren Reiz ge­habt, da Ver­fas­ser re­gio­na­ler oder lo­ka­ler Stu­di­en ja meist nur mit ei­ner Sta­pos­tel­le zu tun und die Ent­wick­lung be­stimm­ter Sach­ver­hal­te im Blick ha­ben. So aber las­sen sich die zeit­glei­chen Be­rich­te auf Ge­mein­sam­kei­ten und Un­ter­schie­de un­ter­su­chen.

Je­der Band ent­hält im An­hang Kurz­bio­gra­phi­en, ein Ab­kür­zungs­ver­zeich­nis, Quel­len und aus­ge­wähl­te Li­te­ra­tur­an­ga­ben so­wie ein Per­so­nen-, Orts- und Sach­re­gis­ter. Im drit­ten und letz­ten Band fin­det sich dan­kens­wer­ter­wei­se ein al­le Bän­de um­fas­sen­des Per­so­nen-, Orts- und Sach­re­gis­ter.

Der die Edi­ti­on be­glei­ten­de Kom­men­tar­be­reich in den Fuß­no­ten in­for­miert über Per­so­nen, Or­te und Hin­ter­grün­de von Er­eig­nis­sen. Die re­gio­na­len und lo­ka­len De­tails der La­ge­be­rich­te sind von den Be­ar­bei­tern si­cher­lich nach bes­tem Wis­sen und Ge­wis­sen re­cher­chiert wor­den. Hier könn­ten ge­gen­wär­ti­ge und zu­künf­ti­ge re­gio­na­le bzw. lo­ka­le For­schun­gen noch in­ter­es­san­te und wich­ti­ge Ein­zel­hei­ten bei­tra­gen. Da­her wä­re der Vor­schlag ei­ner par­al­le­len Ver­öf­fent­li­chung im In­ter­net mit ei­ner re­dak­tio­nier­ten Feed­back-Funk­ti­on, die wei­te­re Er­gän­zun­gen und Er­läu­te­run­gen durch die Nut­zer er­laubt, um mög­lich­wei­se die­se wei­te­ren Er­kennt­nis­se fest­zu­hal­ten und zu prä­sen­tie­ren.

Dar­über hin­aus be­steht die Hoff­nung auf wei­te­re Edi­tio­nen von La­ge­be­rich­ten, viel­leicht zu­nächst auf Kreis­ebe­ne und schlie­ß­lich auf lo­ka­ler Ba­sis. Es ist je­doch an­zu­neh­men, dass die Men­ge der Über­lie­fe­rung mit je­der Stu­fe nach un­ten ab­nimmt.

Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Klein, Ansgar S., Faust, Anselm/Rusinek, Bernd-A./Dietz, Burkhard (Bearb.), Lageberichte rheinischer Gestapostellen, 3 Bände (Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde, 81), Düsseldorf 2012-2016, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Literaturschau/faust-anselmrusinek-bernd-a.dietz-burkhard-bearb.-lageberichte-rheinischer-gestapostellen-3-baende-publikationen-der-gesellschaft-fuer-rheinische-geschichtskunde-81-duesseldorf-2012-2016/DE-2086/lido/5d1b2429b07629.71066905 (abgerufen am 15.12.2019)