Carl Friedrich Nikolaus Anschuez

Komponist und Dirigent (1818-1870)

Uwe Baur (Koblenz)

Das 'Brodway Theatre' am Broadway N°. 485 im Jahr 1867, 1862-63 firmierte das Theater als 'German Opera House'. (New York Public Library / digital ID 1659271)

Carl Fried­rich Ni­ko­laus An­schu­ez, Sohn des Grün­ders und Mu­sik­di­rek­tors des Ko­blen­zer Mu­sik-In­sti­tuts, Jo­seph An­dre­as Ma­ria An­schu­ez, mach­te als Chor­lei­ter, Di­ri­gent und Kom­po­nist ei­ne Welt­kar­rie­re. Sein frü­her mu­si­ka­li­scher Er­folg ließ den tem­pe­ra­ment­vol­len Di­ri­gen­ten als Di­rek­tor des Mu­sik-In­sti­tuts zu­erst in die Fuß­stap­fen des Va­ters tre­ten, ehe die En­ga­ge­ments des für sei­nen so lei­den­schaft­li­chen wie oft­mals ei­gen­sin­ni­gen Auf­füh­rungs­stil be­kann­ten An­schu­ez über die Nie­der­lan­de und Groß­bri­tan­ni­en bis in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten führ­ten.

Carl Fried­rich Ni­ko­laus An­schu­ez wur­de als zehn­tes und jüngs­tes Kind des Staats­pro­ku­ra­tors (Staats­an­walts) und Mu­sik­di­rek­tor­s Jo­seph An­dre­as Ma­ria An­schu­ez am 10.1.1818 wahr­schein­lich im Hau­se Neu­stadt 1021 (heu­te 21), un­mit­tel­bar ge­gen­über dem ehe­ma­li­gen kur­fürst­li­chen Schloss in Ko­blenz ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war ka­tho­lisch.

Den ers­ten Mu­sik­un­ter­richt dürf­te er vom Va­ter er­hal­ten ha­ben. Von 1835-1838 war er Stu­dent der Mu­sik­schu­le des An­halt-Des­sau­er Hof­ka­pell­meis­ters Jo­hann Chris­ti­an Fried­rich Schnei­der (1786-1853). Spä­tes­tens im Som­mer 1838, nach an­de­ren Quel­len schon 1837, war er zu­rück in Ko­blenz, wo er so­gleich sei­nen Va­ter bei der Ar­beit als mu­si­ka­li­scher Lei­ter des Mu­sik-In­sti­tuts un­ter­stütz­te. Er ver­trat ihn ge­le­gent­lich als Di­ri­gent und brach­te sich auch beim Un­ter­richt in des­sen Chor­schu­le ein. Sein ers­tes ei­ge­nes Kon­zert di­ri­gier­te er am 11.8.1838. Nicht si­cher be­legt ist, dass er im glei­chen Jahr schon als Ka­pell­meis­ter am Stadt­thea­ter tä­tig war. Zwar stan­den in der frag­li­chen Zeit stets Opern auf dem Spiel­plan, doch wur­de bei de­ren An­kün­di­gun­gen nie der Di­ri­gent ge­nannt. Ein ers­tes si­che­res Da­tum bie­tet die Re­zen­si­on der Pre­mie­re von Kon­ra­din Kreut­zers (1780-1849) Oper Das Nacht­la­ger von Gra­na­da im „Co­blen­zer An­zei­ger“ vom 18.4.1841. 

Nach­hal­tig stell­te Carl An­schu­ez sei­ne Fä­hig­kei­ten im Herbst 1840 un­ter Be­weis, als er die Pro­ben zur Auf­füh­rung von Fried­rich Schnei­ders Ora­to­ri­um Ab­sa­lon al­lein­ver­ant­wort­lich lei­te­te. Die Auf­füh­rung fand im Rah­men der am 14./15. Ok­to­ber ver­an­stal­te­ten „Fest­lich­kei­ten am Ge­burts­ta­ge Sei­ner Ma­jes­tät des Kö­nigs“ und am Ta­ge der Erb­hul­di­gung für Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gent­schaft 1840-1858/1861) un­ter Lei­tung des Kom­po­nis­ten am 14. Ok­to­ber statt. Nicht oh­ne Stolz hielt das Mu­sik-In­sti­tut hin­ter­her fest: „Den er­freu­lichs­ten Be­weis über die Tüch­tig­keit des Per­so­nals gab der von der Fer­ne ge­ru­fe­ne Meis­ter bei der Ge­ne­ral­pro­be, wo er sich über­rascht ge­gen die sämmt­li­chen Mit­wir­ken­den wand­te, mit den schmei­chel­haf­tes­ten Aus­drü­cken, daß er be­reits al­les so vor­be­rei­tet fän­de, daß er wei­te­re Be­mer­kun­gen zu ma­chen nicht nö­thig ha­be, und es da­her kei­ner zwei­ten Pro­be mehr be­dür­fe“.

Die­ses Lob Schnei­ders und der gro­ße Er­folg der Auf­füh­rung führ­ten da­zu, dass Carl An­schu­ez sei­nem Va­ter als Mu­sik­di­rek­tor des „Mu­sik-In­sti­tuts“ nach­folg­te. Ver­trags­be­ginn war der 1.1.1843. Die­se Tä­tig­keit war aber kei­ne ganz ein­fa­che An­ge­le­gen­heit, denn Carl An­schu­ez hat­te of­fen­bar ein recht auf­brau­sen­des Tem­pe­ra­ment, so dass er von An­fang an mit dem ein oder an­de­ren an­ein­an­der ge­riet. Das war wie­der­holt The­ma in den Be­spre­chun­gen des Vor­stands des Mu­sik-In­sti­tuts, wie in den Sit­zungs­pro­to­kol­len nach­zu­le­sen ist. Dar­über hin­aus nah­men die kon­ser­va­ti­ven Ko­blen­zer Ho­no­ra­tio­ren auch an sei­nem of­fen­bar et­was bo­he­mi­en­haf­ten Le­bens­stil An­stoß, denn in der Sit­zung vom 22.6.1847 wur­de zur Spra­che ge­bracht, dass der Mu­sik­di­rek­tor Carl An­schu­ez, ob­wohl ge­gen sei­ne tech­ni­schen Leis­tun­gen nichts ein­zu­wen­den sei, durch sein sons­ti­ges Le­ben und sei­nen Um­gang auf ei­ne Stu­fe ge­kom­men sei, von wel­cher es un­mög­lich sei, ei­nem In­sti­tut wie dem hie­si­gen fer­ner­hin als Di­ri­gent vor­ste­hen zu kön­nen, oh­ne dass die­ses dar­un­ter lei­de. Dar­um wur­de noch am glei­chen Tag die Kün­di­gung ge­schrie­ben: „Eu­er Wohl­ge­bo­ren ist es be­kannt, wie be­reits im ver­gan­ge­nen Jah­re die In­ter­es­sen­ten des hie­si­gen Mu­sik-In­sti­tuts uns auf­for­der­ten, Ih­nen die be­stimm­te Er­war­tung aus­zu­spre­chen, daß Sie als Di­ri­gent des­sel­ben die­je­ni­ge mo­ra­li­sche Hal­tung be­wah­ren möch­ten, oh­ne wel­che ein Mann, dem zu­gleich die mu­si­ka­li­sche Aus­bil­dung jun­ger Sän­ge­rin­nen an­ver­traut wer­den muß, nicht vort­heil­haft wir­ken und zum Ge­dei­hen ei­ner An­stalt wie die uns­ri­ge bei­tra­gen kann. Sie wer­den es uns er­las­sen, Vor­gän­ge die fast seit ei­nem Jahr of­fen­kun­dig sind, hier zu er­wäh­nen, wel­che mit Ih­rer Stel­lung an un­se­rem In­sti­tu­te durch­aus un­ver­träg­lich sind. Die­se so wie die Frucht­lo­sig­keit frü­he­rer Er­mah­nun­gen nö­thi­gen uns aber, bei der kö­nigl[ichen] Re­gie­rung den An­trag zu stel­len, Sie [aus] Ih­rer bis­he­ri­gen Stel­le zu ent­las­sen“. Da­mit en­de­te im Sep­tem­ber 1847 für Carl An­schu­ez die Tä­tig­keit als Mu­sik­di­rek­tor des Mu­sik-In­sti­tuts nach ge­ra­de ein­mal fünf Jah­ren.

Sein Wir­ken am Ko­blen­zer Stadt­thea­ter, das für die Spiel­zei­ten 1840/1841 bis 1843/1844 und noch ein­mal für 1845/1846 si­cher be­legt ist, hat­te er schon im Jahr vor­her nie­der­ge­legt. Be­son­de­res Auf­se­hen hat­te er am 11. und 14.1.1844 mit zwei Auf­füh­run­gen von Wolf­gang Ama­de­us Mo­zarts (1756-1791) Oper Don Gio­van­ni (un­ter dem da­mals üb­li­chen Ti­tel Don Juan) er­regt, weil er sich da­bei of­fen­bar kor­rekt an die Vor­ga­ben der Par­ti­tur ge­hal­ten hat­te, in­dem er in der Ball­sze­ne tat­säch­lich drei ge­trenn­te Or­ches­ter - zwei auf der Büh­ne, eins im Gra­ben - spie­len ließ, und weil er vor al­lem, ent­ge­gen der da­mals üb­li­chen Pra­xis, das Werk nicht schon nach Don Gio­van­nis „Höl­len­stur­z“ be­en­den, son­dern auch das gro­ße Schlus­sen­sem­ble mit der „Mo­ral von der Ge­schich­te“ sin­gen und spie­len ließ.

Zu sei­ner Ko­blen­zer Zeit ge­hört zu­dem, dass er 1837-1842 Chor­lei­ter der Lie­der­ta­fel war und 1842-1847 den von ihm selbst ge­grün­de­ten Fried­rich Wil­helm-Ver­ein, ei­nen ge­misch­ten Chor, lei­te­te.

In der Sai­son 1847/1848 war An­schu­ez am Thea­ter in Nürn­berg tä­tig, wor­über nicht viel zu be­rich­ten wä­re, gä­be es nicht ein spek­ta­ku­lä­res En­de. Der Thea­ter­di­rek­tor Fer­di­nand Rö­der (1807-1880) muss­te auf­grund ho­her Schul­den schnells­tens Nürn­berg ver­las­sen, wo­bei ihm ei­ne Aus­schrei­bung aus Ams­ter­dam zu pass kam. Mit ei­ner fi­nan­zi­el­len An­lei­he bei An­schu­ez mach­te er sich aus Nürn­berg da­von und er­hielt tat­säch­lich ei­ne Ver­pflich­tung nach Ams­ter­dam. An­schu­ez, dem er zu­ge­si­chert hat­te, ihn im Er­folgs­fal­le als Ka­pell­meis­ter zu ver­pflich­ten, reis­te ihm au­gen­blick­lich nach, nicht oh­ne schnell noch das Auf­füh­rungs­ma­te­ri­al von 36 Opern nach Ams­ter­dam ge­schickt zu ha­ben.

In Ams­ter­dam wur­de für die Sta­ds Schouw­burg dann an­ge­kün­digt, dass die Hoog­du­it­sche Ope­rage­zel­schap un­ter Fer­di­nand Rö­der mit dem Di­ri­gen­ten Carl An­schu­ez am 5.10.1848 ih­re ers­te Vor­stel­lung ge­ben wer­de. Die Spiel­zeit dau­er­te bis zum Früh­jahr 1849. Von Mai bis Ju­li 1849 gab die gan­ze Ge­sell­schaft im Lon­do­ner Dru­ry La­ne Thea­t­re ein er­folg­rei­ches Gast­spiel im, wo­bei die Pres­se aus­drück­lich die gu­ten Leis­tun­gen des Di­ri­gen­ten her­vor­hob. Wäh­rend Rö­der da­nach in die Nie­der­lan­de zu­rück­ging, blieb Carl An­schu­ez of­fen­bar di­rekt in Lon­don.

 

Hier über­nahm er ab dem 24.10.1849 die mu­si­ka­li­sche Lei­tung der Wed­nes­day Con­certs in Exe­ter Hall, ei­ne Tä­tig­keit die sich bis ins Jahr 1852 nach­wei­sen lässt. Da­ne­ben fin­den sich ab 1850 vor al­lem in der Morning Post in stei­gen­der Zahl An­kün­di­gun­gen von von An­schu­ez di­ri­gier­ten Kon­zer­ten, wel­che die Dampf­schiff­fahrts-Ge­sell­schaf­ten je­weils am Abend vor der Ab­rei­se in al­le Welt ih­ren Pas­sa­gie­ren bo­ten. Da­ne­ben di­ri­gier­te An­schu­ez wei­ter­hin Opern­auf­füh­run­gen, zu­meist im Dru­ry La­ne Thea­t­re, im Som­mer 1854 so­gar mehr­mals im Co­vent Gar­den Ope­ra Hou­se. Auch ging er mit der Opern­ge­sell­schaft auf Gast­spiel­rei­sen durch ganz Eng­land, nach Schott­land und Ir­land. In Dub­lin wur­de ihm im April 1857 so­gar die Eh­re zu­teil, die all­jähr­li­che Ju­bi­lä­ums-Auf­füh­rung von Ge­org Fried­rich Hän­dels (1685-1759) Mes­siah am Ort der Ur­auf­füh­rung zu di­ri­gie­ren.

In ei­nem Zei­tungs­be­richt des Man­ches­ter Guar­di­en vom 23.11.1853 fin­det sich ei­ne über­aus an­schau­li­che Be­schrei­bung sei­ner Art zu di­ri­gie­ren. Es hieß dar­in un­ter an­de­rem, dass das Di­ri­gen­ten­pult „von ei­nem ein­zig­ar­ti­gen We­sen, be­brillt, mit ei­ner Über­fül­le lan­ger Haa­re, das tat­säch­lich al­len An­schein ei­nes >fausti­co per la mu­si­ca< ab­ga­b“ be­setzt war. „Stellt euch ei­nen Mann vor, ge­peitscht von Fu­ri­en, von Schlan­gen ge­sto­chen, der das Or­ches­ter ganz durch und un­ge­ach­tet sei­ner phy­si­schen Ago­ni­en führ­t“, und der wohl „mein­te, per­ma­nent ein bum­meln­des, wi­der­wil­li­ges Or­ches­ter vor­wärts zer­ren zu müs­sen.“

Das 'Drury Lane Theatre' im Jahr 1813, wie es zu Anschuez Zeiten und noch heute aussieht, 1813. (Survey of London, volume 35, The Theatre Royal Drury Lane and the Royal Opera House Covent Garden)

 

Im Som­mer des Jah­res 1857 wur­de An­schu­ez von dem Im­pre­sa­rio Ber­nard Ull­man (1828-1884) nach New York ver­pflich­tet, wo er am 7.9.1857 sei­ne ers­te Vor­stel­lung in der Aca­de­my of Mu­sic, ei­nem Thea­ter­ge­bäu­de mit 4.000 Plät­zen an der Nord­west-Ecke von East 14th Street und Ir­ving Place in Man­hat­tan, zu di­ri­gie­ren hat­te: Vin­cen­zo Bel­li­nis (1801-1835) Oper La son­nam­bu­la (Die Schlaf­wand­le­rin). Wie sehr und wie schnell es An­schu­ez of­fen­bar auch in New York ge­lang, Fuß zu fas­sen, ähn­lich wie knapp zehn Jah­re zu­vor in Lon­don, zeigt nicht nur die gro­ße Zahl der Auf­füh­run­gen, die er zu di­ri­gie­ren hat­te, son­dern auch die durch­weg ho­he An­er­ken­nung sei­ner Leis­tun­gen in der Pres­se. Es bleibt fest­zu­hal­ten, dass er in den ers­ten Jah­ren ei­ne Art „Haus­di­ri­gen­t“ der Aca­de­my of Mu­sic war, zu­min­dest so lan­ge, wie Ull­man dort das Sa­gen hat­te. Die­se Ver­bin­dung be­ding­te al­ler­dings auch von An­fang an Gast­spiel­rei­sen, so schon im Ok­to­ber 1857 zum ers­ten Mal nach Phil­adel­phia, wo­zu spä­ter un­ter an­de­rem Bal­ti­more, Wa­shing­ton D. C. und Bos­ton ka­men. Her­vor­zu­he­ben bleibt auch hier die Auf­füh­rung von Mo­zarts Don Gio­van­ni am 8.11.1858, die, wie schon sei­ner­zeit in Ko­blenz, durch die ge­treue Be­ach­tung der Par­ti­tur Auf­se­hen er­reg­te - jetzt in weit grö­ße­rem Rah­men und mit grö­ße­ren Or­ches­ter­be­set­zun­gen, an­geb­lich wa­ren es drei­mal je 100 Mu­si­ker.

Auch als Kon­zert-Di­ri­gent mach­te An­schu­ez schon bald auf sich auf­merk­sam, vor al­lem in Ma­ti­ne­en, in de­ren reich­lich bunt ge­misch­ten Pro­gram­men Wer­ke geist­li­cher Mu­sik ei­ne zen­tra­le Rol­le spiel­ten, zwei­mal Gioac­chi­no Ros­si­nis (1782-1862) Sta­bat ma­ter am 4. und 11.10.1857, Jo­seph Haydns (1832-1809) Schöp­fung am 18.12.1857 und vor al­lem Wolf­gang Ama­de­us Mo­zarts Re­qui­em am 3. und 4.1.1858. An­läss­lich ei­ner Auf­füh­rung von Ge­org Fried­rich Hän­dels Mes­siah am 30.3.1858 ge­riet An­schu­ez in ei­nen hef­ti­gen Dis­put mit dem ge­sam­ten Pu­bli­kum, weil er sich wei­ger­te, die „Trom­pe­ten-Ari­e“ da ca­po zu wie­der­ho­len; da brach denn wie­der ein­mal sein un­bän­di­ges Tem­pe­ra­ment her­vor.

Nach eher un­ter­halt­sa­men Kon­zer­ten, de­ren Lei­tung er sich mit Al­fred Musard (1828-1881) teil­te, kam es im Früh­som­mer 1858 zum ers­ten Mal zu gro­ßen Mu­sik­fes­ti­vals, an de­nen auch An­schu­ez be­tei­ligt war. Das ers­te bot als zwei­ten Teil ei­nes Kon­zer­tes in der Aca­de­my of Mu­sic ei­ne Auf­füh­rung der neun­ten Sin­fo­nie op. 125 von Lud­wig van Beet­ho­ven, ge­spielt von ei­nem 300 Mann star­ken Or­ches­ter und ge­sun­gen von ei­nem gleich­star­ken Chor, di­ri­giert von Carl An­schu­ez. Der zwei­te Tag die­ses Fes­ti­vals war ein Grand Rural Fes­ti­val, or Pic-nic, al­so ein länd­li­ches Fest mit Pick­nick im Frei­en mit vie­len mu­si­ka­li­schen Bei­trä­gen. Das al­les hat­te der­art gro­ßen An­klang ge­fun­den, so dass es nicht bei die­sem ei­nen blieb. Da­bei be­wies An­schu­ez sei­ne of­fen­sicht­li­chen Fä­hig­kei­ten, gro­ße Mas­sen Aus­füh­ren­der si­cher zu­sam­men­zu­hal­ten, was er auch spä­ter bei vie­len ähn­li­chen Ge­le­gen­hei­ten im­mer wie­der un­ter Be­weis stell­te. Ei­ne neu­er­li­che Auf­füh­rung der neun­ten Sin­fo­nie Beet­ho­vens gab es dann am 9.11.1859 zur Fei­er von Fried­rich Schil­lers (1759-1805) 100. Ge­burts­tag.

Als es zu An­fang der 1860er Jah­re im Opern­be­trieb New Yorks kri­sel­te - Ull­man und sein zeit­wei­li­ger Part­ner Mau­rice (Mo­ritz) Stra­kosch (1825-1887) hat­ten sich ge­trennt -, er­griff An­schu­ez 1862 die In­itia­ti­ve und grün­de­te ein ei­ge­nes Un­ter­neh­men. Als fest­ge­füg­tes En­sem­ble oh­ne gro­ße Stars brach­te es als Ger­man Ope­ra zwi­schen dem 15.9.1862 und 25.2.1863 auf über 100 Aben­de al­lein in New York. Hin­zu zu rech­nen sind noch ei­ni­ge Auf­füh­run­gen in der 1861 ge­bau­ten Brook­lyn Aca­de­my of Mu­sic; zwi­schen­durch gas­tier­te man im Ja­nu­ar so­gar fast den gan­zen Mo­nat lang in Phil­adel­phia. Die Auf­füh­run­gen in New York fan­den in ei­nem ei­gens da­für her­ge­rich­te­ten Thea­ter statt, das sich fort­an Ger­man Ope­ra Hou­se nann­te, des­sen Adres­se war: No. 485 Broad­way, cor­ner Broom-Street. Ei­ne we­sent­li­che Stüt­ze sei­nes Opern-Un­ter­neh­mens soll der Ge­sang­ver­ein Ari­on ge­we­sen sein, des­sen Chor­lei­ter An­schu­ez 1859-1863 war, und mit dem er un­ter an­de­rem, un­ter­stützt von ei­nem Frau­en­chor, am 28.3.1862 Lud­wig van Beet­ho­vens Chor­fan­ta­sie op. 80 auf­führ­te.

In den An­kün­di­gun­gen der Auf­füh­run­gen wies An­schu­ez mehr­mals aus­drück­lich dar­auf hin, dass ei­ni­ge Opern erst­mals ent­ge­gen der bis­lang üb­li­chen Pra­xis ganz in der ori­gi­na­len Form ge­bo­ten wür­den, Mo­zarts Zau­ber­flö­te mit dem ori­gi­na­len Text von Ema­nu­el Schi­ka­neder (1751-1812) und un­ge­kürzt, eben­so Lud­wig van Beet­ho­vens Fi­de­lio und auch Mo­zarts Ent­füh­rung aus dem Se­rail, die er tat­säch­lich zum ers­ten Mal in den USA auf die Büh­ne brach­te.

Ge­spielt wur­de in der ers­ten Sai­son bis An­fang Ju­ni 1863, dann wie­der ab Sep­tem­ber, al­ler­dings nur kurz, denn von Ok­to­ber bis De­zem­ber war man in Phil­adel­phia und Bal­ti­more. Auch im Früh­jahr 1864 scheint man auf Rei­sen ge­we­sen zu sein, im Sep­tem­ber wird in der „New York Ti­mes“ an­ge­kün­digt: „Be­ste­hen­de Ver­pflich­tun­gen in den at­lan­ti­schen und west­li­chen Staa­ten schlie­ßen ei­nen län­ge­ren Auf­ent­halt und die Mög­lich­keit ei­ner wei­te­ren Sai­son der Deut­schen Oper in New York im kom­men­den Win­ter aus.“ Lei­der konn­ten die Städ­te, in de­nen die­se Gast­spie­le statt­fan­den, nicht er­mit­telt wer­den. Erst im April 1865 wur­de dann an­ge­kün­digt, und zwar zu­gleich für die Thea­ter in New York, Phil­adel­phia und Wa­shing­ton D. C., dass es ab Os­ter-Mon­tag wie­der Auf­füh­run­gen der Ger­man Ope­ra ge­ben wer­de.

Ab 1866 scheint Carl An­schu­ez sei­ne Tä­tig­keit als Opern­di­ri­gent ein­ge­stellt zu ha­ben, zu­mal in dem Be­richt von der Grün­dung ei­nes Mu­si­cal In­sti­tut Adolph Neu­en­dorf als Con­duc­tor of the Ger­man Ope­ra be­zeich­net wird. Da­mit fällt ein Stich­wort, das die päd­ago­gi­schen Am­bi­tio­nen Carl An­schu­ez‘ be­trifft. Schon 1859 hat­te er an der Aca­de­my of Mu­sic ei­ne Art Chor­schu­le ge­grün­det, ähn­lich der des Mu­sik-In­sti­tuts sei­ner Hei­mat­stadt. Auch spä­ter ist wie­der­holt zu er­fah­ren, dass er in die Lei­tung ähn­li­cher In­sti­tu­te in­vol­viert war. Jetzt im Herbst 1866 grün­de­te er un­ter dem Na­men An­schutz Mu­si­cal In­sti­tut ein ve­ri­ta­bles Kon­ser­va­to­ri­um, das die „New York Ti­mes“ am 5.10.1866 in ei­nem aus­führ­li­chen Be­richt vor­stell­te, mit Nen­nung der Na­men al­ler Lehr­kräf­te; Adres­se war No. 141 East Eighth-street.

Carl An­schu­ez starb am 30.121870 nach lan­ger „töd­li­cher Krank­heit“, wie es im Nach­ruf der „Chi­ca­go Tri­bu­n­e“ vom 5.1.1871 hieß. In sei­ner Hei­mat­stadt Ko­blenz er­schien ei­ni­ge Ta­ge spä­ter ein Zei­tungs­be­richt über die Be­er­di­gung, bei der Ge­ne­ral Franz Si­gel (1824-1902) die Grab­re­de ge­hal­ten hat­te. 

Literatur

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Baur, Uwe, Ar­ti­kel Carl An­schu­ez, in: Mit­tei­lun­gen der Ar­beits­ge­mein­schaft für mit­tel­rhei­ni­sche Mu­sik­ge­schich­te 90 (2019?) in Vor­be­rei­tung.
La­wrence, Ve­ra Brods­ky, Strong on Mu­sic, Vo­lu­me III, Re­per­cus­sions 1857-1862, Chi­ca­go 1999.
Matt­feld, Ju­li­us, A Hund­red Ye­ars of Grand Ope­ra in New York 1825-1925, New York 1927.
Pecht, An­dre­as, Aus Lie­be zur Mu­sik. Das Mu­sik-In­sti­tut Ko­blenz im Lauf der Zei­ten 1808-2018, Ha­chen­burg 2018.
Schmidt, Hans, Mu­sik-In­sti­tut Ko­blenz, Ko­blenz 1983.
Schuh, Paul, Jo­seph An­dre­as An­schu­ez (1772-1855). Der Grün­der des Ko­blen­zer Mu­sik­in­sti­tuts, Köln 1958.

Die 1854 erbaute und 1926 abgerissene 'Academy of Music', in der Carl Anschuez in New York debütierte, vor 1909.

 
Zitationshinweis

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Baur, Uwe, Carl Friedrich Nikolaus Anschuez, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/carl-friedrich-nikolaus-anschuez/DE-2086/lido/5d2ef33d494a97.39478743 (abgerufen am 24.08.2019)