Georg Heinrich Ludwig Gottfried Maus

Religionslehrer, NS-Opfer (1888–1945)

Siegfried Hermle (Köln)

Georg Maus, um 1935. (Stadtarchiv Frankenberg)

Der evan­ge­li­sche Re­li­gi­ons­leh­rer Ge­org Maus wur­de früh Mit­glied der Be­ken­nen­den Kir­che. Im Re­li­gi­ons­un­ter­richt stell­te er ge­treu sei­nem christ­li­chen Glau­ben die Nächs­ten­lie­be als un­ver­han­del­bar und auch in Kriegs­zei­ten als gül­tig her­aus. Durch De­nun­zia­ti­on ge­riet er in das Rä­der­werk des NS-Staa­tes, wur­de in­haf­tiert und ver­ur­teilt. Er starb auf ei­nem Trans­port in das KZ Dach­au.

 

Ge­org Maus war das ers­te von fünf Kin­dern von Mel­chi­or An­ton Maus und des­sen Ehe­frau Phil­ip­pi­ne Ul­ri­ke Hen­ri­et­te, ge­bo­re­ne En­gel­hard. Ihm folg­ten die vier Ge­schwis­ter: Mar­tha (1890), Jo­han­nes (1892), Leo­pold (1897) und Eli­sa­beth (1898). Der Va­ter war Pfar­rer im ober­hes­si­schen Bot­ten­dorf (heu­te Ge­mein­de Burg­wald); er tauf­te sei­nen Sohn am 5.6.1888. Mit sei­nen Ge­schwis­tern wuchs Ge­org in Bot­ten­dorf be­hü­tet auf, er­zo­gen zu Be­schei­den­heit, da die Ein­künf­te der Fa­mi­lie eher ge­ring wa­ren. Maus be­such­te 1898-1907 das Gym­na­si­um in Rin­teln. Er war ein gu­ter Schü­ler und er­hielt als ei­ner der Bes­ten sei­nes Jahr­gangs mit 18 Jah­ren das Rei­fe­zeug­nis.

Im Som­mer­se­mes­ter 1907 be­gann Maus in Mar­burg mit dem Stu­di­um der Theo­lo­gie. Er ge­hör­te der Ver­bin­dung „Schaum­bur­gi­a“ an, ei­ner Tur­ner­schaft, die von sei­nem Va­ter mit­ge­grün­det wor­den war. Er stu­dier­te mit ei­nem Sti­pen­di­um, das an Auf­la­gen ge­bun­den war, so muss­te er ver­schie­de­ne Prü­fun­gen und Flei­ß­ar­bei­ten vor­wei­sen. Als er die mit dem Sti­pen­di­um ver­bun­de­nen An­for­de­run­gen nicht er­füll­te – er ge­noss of­fen­sicht­lich zu sehr das Stu­den­ten­le­ben –, ver­lor er die­ses. Im Som­mer­se­mes­ter 1909 stell­te sich Maus der Prü­fungs­kom­mis­si­on, doch be­stand er die Prü­fung nicht. Er wech­sel­te des­halb zum Win­ter­se­mes­ter 1909/1910 an die Theo­lo­gi­sche Hoch­schu­le in Be­thel (Stadt Bie­le­feld), wo er sich je­doch eher als „Bro­cken­samm­ler“ denn als Stu­dent be­tä­tig­te. Sei­ne Stu­di­en nahm er von Os­tern 1910 bis Os­tern 1911 in Göt­tin­gen wie­der auf, trat er­neut zum ers­ten theo­lo­gi­schen Ex­amen an und fiel wie­der durch. Dar­auf­hin un­ter­brach er sein Stu­di­um und ori­en­tier­te sich um: Maus woll­te nun Re­li­gi­ons­leh­rer wer­den. Er wech­sel­te nach Kiel und stu­dier­te ne­ben evan­ge­li­scher Theo­lo­gie die Fä­cher Deutsch und Ge­schich­te. Am 1.10.1913 wur­de er zum Mi­li­tär­dienst ein­ge­zo­gen und leis­te­te gleich an­schlie­ßend ei­nen vier­jäh­ri­gen Kriegs­dienst.

Zu­rück in Kiel nahm Maus 1919 sei­ne Stu­di­en wie­der auf und ab­sol­vier­te am 9. und 10.12.1920 er­folg­reich die Ab­schluss­prü­fung für das Lehr­amt an hö­he­ren Schu­len. Be­reits am 10.1.1921 be­gann der Vor­be­rei­tungs­dienst am Gym­na­si­um Phil­ip­pi­num in Mar­burg. Da ihm das zwei­te Vor­be­rei­tungs­jahr er­las­sen wur­de, konn­te er am 14.12.1921 die päd­ago­gi­sche Prü­fung ab­le­gen, die er mit ge­nü­gend be­stand.

Georg Maus (r.) mit seinen Geschwistern,1895. (Privatarchiv Karl-Hermann Völker, Burgwald-Wiesenfeld)

 

Noch wäh­rend des Vor­be­rei­tungs­diens­tes hat­te er am 3.8.1921 Eli­sa­beth Nies ge­hei­ra­tet, Toch­ter ei­nes Steu­er­be­ra­ters aus Mül­hau­sen im El­sass. Das Ehe­paar hat­te drei Kin­der: Ger­hard (1922), Ot­fried (1926) und Sig­rid (1928). Als Maus‘ Ehe­frau 1937 ver­starb, nahm sie ihm auf dem Ster­be­bett das Ver­spre­chen ab, ih­re Schwes­ter Wal­traud zu hei­ra­ten. Sie wur­de den drei Kin­dern ei­ne ver­ständ­nis­vol­le Mut­ter.

Nach be­stan­de­nem Ex­amen über­nahm Maus die Lei­tung ei­ner Pri­vat­schu­le in Braun­fels/Lahn, die zu­vor sei­ne Frau ge­lei­tet hat­te. Al­ler­dings ver­nach­läs­sig­te er die mit die­ser Po­si­ti­on ver­bun­de­nen Ver­wal­tungs­auf­ga­ben, so­dass Zu­schüs­se nicht recht­zei­tig be­an­tragt wur­den und die Schu­le ge­schlos­sen wer­den muss­te. Für Maus be­gann ei­ne Odys­see durch zahl­rei­che Gym­na­si­en im Rhein­land: Von Os­tern 1925 bis 1936 un­ter­rich­te­te er an zwölf ver­schie­de­nen Schu­len (un­ter an­de­rem Auf­bau­schu­le in Wetz­lar, Gym­na­si­um in Betz­dorf, Re­form-Re­al­gym­na­si­um in Köln-Mül­heim, Re­al­gym­na­si­um in Düs­sel­dorf-Ben­rath und Schloss-Gym­na­si­um Re­thel­schu­le in Düs­sel­dorf). Erst 1936 fand er am Wup­per­ta­ler Hin­den­burg-Re­al­gym­na­si­um ei­ne ers­te fes­te An­stel­lung. Sei­ne häu­fi­gen Ver­set­zun­gen hin­gen wohl da­mit zu­sam­men, dass sein Um­gang mit Schü­le­rin­nen und Schü­lern ver­bes­se­rungs­wür­dig war. Auch prak­ti­zier­te er ei­nen un­ge­wöhn­li­chen Un­ter­richts­stil und pfleg­te im Re­li­gi­ons­un­ter­richt sein per­sön­li­ches Be­kennt­nis her­aus­zu­stel­len.

Po­li­tisch war Maus kon­ser­va­tiv, bis 1933 war er Mit­glied der Deutsch­na­tio­na­len Volks­par­tei (DNVP), 1933 wur­de er Mit­glied im NS-Leh­rer­bund. Al­ler­dings ent­wi­ckel­te sich bei Maus bald ei­ne Dis­tanz zum NS-Re­gime. In Düs­sel­dorf hat­te er Kon­takt zu Hell­mut Lauffs (ge­stor­ben 1985) ge­fun­den, der ihm Pre­dig­ten von Pfar­rern der Be­ken­nen­den Kir­che (BK) zu­gäng­lich mach­te. In ei­nem klei­nen Ge­sprächs­kreis wur­den die­se wie auch Al­fred Ro­sen­bergs „My­thus des 20. Jahr­hun­derts“ oder theo­lo­gi­sche Grund­satz­fra­gen, wie bei­spiels­wei­se die Zwei-Rei­che-Leh­re Mar­tin Lu­thers (1483-1546), be­spro­chen. Nach der Sport­pa­last­kund­ge­bung im No­vem­ber 1933 in Ber­lin, auf der die Deut­schen Chris­ten ih­ren wah­ren Cha­rak­ter of­fen­bart hat­ten – sie for­der­ten die Be­sei­ti­gung des Al­ten Tes­ta­ments und der Theo­lo­gie des „Rab­bi­ners Pau­lus“ –, wur­de Maus im No­vem­ber 1934 in Düs­sel­dorf-Ben­rath ei­nes der ers­ten Mit­glie­der der Be­ken­nen­den Kir­che. In­fol­ge sei­ner wach­sen­den Dis­tanz zum NS-Re­gime ver­ließ er 1939 den NS-Leh­rer­bund.

Für Maus war es selbst­ver­ständ­lich, ei­ner Grup­pe von Jun­gen Re­li­gi­ons­un­ter­richt bei sich zu Hau­se an­zu­bie­ten, als der Re­li­gi­ons­un­ter­richt an der Schu­le nicht län­ger er­teilt wer­den durf­te. The­men wa­ren bei­spiels­wei­se die Ge­schich­te der Kir­che, aber auch die Fra­ge, wie man sich im NS-Staat zu ver­hal­ten ha­be. So wird be­rich­tet, dass er die Jun­gen dar­auf vor­be­rei­te­te, Wer­be­kom­man­dos der Waf­fen-SS zu be­geg­nen. Die schwe­ren Luft­an­grif­fe auf Wup­per­tal hat­ten auch gra­vie­ren­de Aus­wir­kun­gen auf Maus und sein Um­feld. Nach ei­nem Phos­pho­r­an­griff auf El­ber­feld, wo Maus mit sei­ner Fa­mi­lie wohn­te, ver­lieh er sei­nem Zorn Aus­druck: „Die­se Feu­ers­brunst ist das rech­te Zei­chen für das Drit­te Reich. Aus den höl­li­schen Flam­men ist es ge­kom­men und in Flam­men wird es un­ter­ge­hen. Dies schreck­li­che Feu­er ist Got­tes Ge­richt über un­se­re an­geb­lich so from­me Stadt [...].“[1] Maus wur­de dar­auf­hin von ei­nem in der Nä­he ste­hen­den Ge­sta­po-Mann zu­sam­men­ge­schla­gen. Der Vor­fall hat­te nur des­halb kei­ne wei­te­ren Fol­gen, weil nach ei­ner Ver­ord­nung par­tei­feind­li­che Äu­ße­run­gen in­ner­halb von 48 Stun­den nach Luft­an­grif­fen nicht wei­ter­ver­folgt wer­den soll­ten.

Melchior und Philippine (geb. Engelhard) Maus, Eltern von Georg Maus, um 1900. (Stadtarchiv Frankenberg)

 

Nach­dem auch er und sei­ne Fa­mi­lie bei ei­nem Luft­an­griff al­les ver­lo­ren hat­ten und das Gym­na­si­um zer­stört war, wur­de er von der Schul­ver­wal­tung im Sep­tem­ber 1943 nach Idar-Ober­stein ver­setzt. Al­ler­dings wur­de am dor­ti­gen Gym­na­si­um kein Re­li­gi­ons­un­ter­richt er­teilt, da sich kei­ne Leh­re­rin und kein Leh­rer in dem stark na­tio­nal­so­zia­lis­tisch ge­präg­ten Ort da­zu be­reit­ge­fun­den hat­te. Maus mel­de­te sich am 23. Sep­tem­ber beim Schul­lei­ter, Ober­stu­di­en­di­rek­tor Dr. Fi­scher, zum Dienst­an­tritt. Maus hoff­te für sei­ne neue Ar­beits­stel­le auf ei­ne ge­deih­li­che Zu­sam­men­ar­beit. Sei­ne Auf­nah­me fiel je­doch al­les an­de­re als freund­lich aus. Der stell­ver­tre­ten­de Di­rek­tor, Ober­stu­di­en­rat Dr. Fritz Cull­mann, der be­tont an­ti­christ­lich ein­ge­stellt war, er­klär­te ihm: „Wir kön­nen Sie hier ja ei­gent­lich nicht ge­brau­chen.“[2] Maus ver­barg im Un­ter­richt sei­ne christ­li­che Hal­tung kei­nes­wegs. Da­her kam es wie­der­holt zu Span­nun­gen.

Ei­ne ers­te kri­ti­sche Si­tua­ti­on er­gab sich, als Maus am 25.9.1943 von der Ab­tei­lung für hö­he­res Schul­we­sen der Rhein­pro­vinz auf­ge­for­dert wur­de, zu er­klä­ren, wes­halb er vier Jah­re zu­vor aus dem NS-Leh­rer­bund aus­ge­tre­ten sei. Maus ant­wor­te­te, dass er sich „durch die im­mer deut­li­cher her­vor­tre­ten­de Ein­stel­lung des Bun­des ge­gen Chris­ten­tum und christ­li­che Er­zie­hun­g“[3] da­zu ver­an­lasst ge­se­hen ha­be. Falls die vor­ge­setz­te Be­hör­de es an­ord­ne, wer­de er die Aus­tritts­er­klä­rung zu­rück­zie­hen. Of­fen­sicht­lich wur­de die­se An­ge­le­gen­heit aber nicht wei­ter­ver­folgt. Fol­ge­wirk­sam wur­de ein Er­eig­nis vom Fe­bru­ar 1944, als Maus im Re­li­gi­ons­un­ter­richt der Un­ter­stu­fe die Mis­si­ons­ge­schich­te be­han­del­te und da­bei dar­auf hin­wies, dass Stam­mes­feh­den und Blut­ra­che zwi­schen pri­mi­ti­ven Völ­kern durch die An­er­ken­nung des Ge­bo­tes der Fein­des­lie­be Je­su be­en­det wor­den sei­en. In der sich an­schlie­ßen­den Dis­kus­si­on frag­te ihn ei­ne Schü­le­rin, ob denn das Ge­bot der Fein­des­lie­be auch im Blick auf die Eng­län­der gel­te, die doch deut­sche Städ­te bom­bar­dier­ten. Go­eb­bels ha­be ge­sagt, man müs­se sie has­sen. Maus ver­wies oh­ne Zö­gern dar­auf, dass Je­sus die Fein­des­lie­be ge­bo­ten ha­be und auch „Dr. Go­eb­bels kann Je­su Ge­bot nicht auf­he­ben!“ [4] 

Die­ser Vor­fall wur­de im April 1944 an­ge­zeigt, wor­auf­hin der zu­stän­di­ge Sach­be­ar­bei­ter in der Ab­tei­lung für hö­he­res Schul­we­sen der Rhein­pro­vinz beim Di­rek­tor der Ober­schu­le am 5. April ei­ne Stel­lung­nah­me zu die­sen Vor­gän­gen ein­for­der­te. Fi­scher such­te zu be­schwich­ti­gen. In sei­nem Ant­wort­schrei­ben vom 15. April be­rich­te­te er, er ha­be „Maus auf das Un­mög­li­che ei­ner der­ar­ti­gen Stel­lung­nah­me hin­ge­wie­sen und ihm be­deu­tet, wie da­durch deut­sche Kin­der nicht nur in in­ne­re Kon­flik­te ge­bracht wür­den, son­dern daß auch die Ein­heit­lich­keit der schu­li­schen Er­zie­hung aufs stärks­te da­mit ge­fähr­det sein wür­de.“[5] Er ha­be Maus „an­ge­wie­sen, sich künf­tig­hin der­ar­ti­ger Äu­ße­run­gen zu ent­hal­ten.“ Zu­dem ver­wies der Schul­lei­ter dar­auf, dass Maus ei­ne „or­tho­dox-christ­li­che Ein­stel­lun­g“ ha­be und dass er ein „bi­bel­gläu­bi­ger Chris­t“ sei, der „in der Welt­an­schau­ung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ei­ne ihm frem­de Welt“ emp­fin­de.

Maus wur­de zu ei­ner An­hö­rung nach Ko­blenz vor­ge­la­den und be­rich­te­te dar­über am 2. Mai sei­nen Schü­le­rin­nen und Schü­lern, wor­auf sich ei­ne er­neu­te De­bat­te über Je­su Ge­bot der Fein­des­lie­be er­gab, in der Maus sei­nen Stand­punkt be­kräf­tig­te. Of­fen­sicht­lich wur­de dies er­neut den Be­hör­den ge­mel­det, so­dass ihn zwei Ge­sta­po-Be­am­te am 16. Mai wäh­rend des Un­ter­richts ver­haf­te­ten und ihn zu ei­nem Ver­hör ins Idar-Ober­stei­ner Stadt­haus brach­ten. Am fol­gen­den Tag wur­de er vom Dienst sus­pen­diert, zu­gleich be­gan­nen Ver­neh­mun­gen sei­ner Schü­le­rin­nen und Schü­ler. Am 18. Mai wur­de er nach Ko­blenz in Un­ter­su­chungs­haft ge­bracht und am 5. Ju­ni er­ging Haft­be­fehl ge­gen ihn, da er ge­gen­über den Kin­dern in der Ober­schu­le ge­äu­ßert ha­be, „es sei nicht recht ge­we­sen, daß man die Ju­den aus dem Land ge­trie­ben ha­be“.[6] Zu­dem wur­de er be­schul­digt, „über An­ord­nun­gen lei­ten­der Per­sön­lich­kei­ten des Staa­tes ket­ze­ri­sche Äu­ße­run­gen ge­tan zu ha­ben, die ge­nü­gend wa­ren, das Ver­trau­en des Vol­kes zur po­li­ti­schen Füh­rung zu un­ter­gra­ben […].“

Im Sep­tem­ber 1944 än­der­te sich die La­ge ein­schnei­dend: Ko­blenz er­litt schwe­re Bom­ben­an­grif­fe und auch das Ge­fäng­nis wur­de na­he­zu völ­lig zer­stört. Bei die­sem An­griff er­litt Maus ei­ne schwe­re Ver­wun­dung und zog sich ei­ne Blut­ver­gif­tung zu, zu­dem war sein Kör­per von ei­ner 1942 durch­ge­führ­ten Ma­gen­ope­ra­ti­on noch ge­schwächt. Über­ra­schen­der­wei­se wur­de dann die Ver­hand­lung an den Volks­ge­richts­hof nach Ber­lin ver­legt. Maus wur­de da­her am 21.11.1944 in das Ge­richts­ge­fäng­nis Ber­lin-Plöt­zen­see über­führt. Da die Ver­let­zun­gen je­doch nicht aus­ge­heilt wa­ren, kam er zu­nächst in das Ge­fäng­nis­la­za­rett Ber­lin-Moa­bit. In der An­kla­ge­schrift des sechs­ten Se­nats des Volks­ge­richts­hofs wur­de Maus dann der Wehr­kraft­zer­set­zung und Feind­be­güns­ti­gung an­ge­klagt. Dies wur­de da­mit be­grün­det, dass er „in den von ihm ab­ge­hal­te­nen Re­li­gi­ons­stun­den sei­ne Schü­ler ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ein­zu­neh­men und sie in Be­zug auf den ge­gen­wär­ti­gen Krieg für pa­zi­fis­ti­sche Ge­dan­ken­gän­ge zu ge­win­nen ver­such­t“[7] ha­be.  Die­se Be­grün­dung ist in­so­weit über­ra­schend, als Maus sich nie in pa­zi­fis­ti­scher Wei­se ge­äu­ßert hat­te, wor­auf dann die Ver­tei­di­gung auch hin­wies. Wei­ter wur­den die Er­eig­nis­se in der Re­li­gi­ons­un­ter­richts­stun­de im Hin­blick auf die Fra­ge nach der Fein­des­lie­be an­ge­führt und her­aus­ge­ho­ben, dass Maus den Vor­wurf zu­rück­ge­wie­sen ha­be, die Ju­den hät­ten den Krieg an­ge­zet­telt. Er ha­be ge­sagt, „es sei nicht rich­tig von Deutsch­land ge­we­sen, jetzt im Krie­ge die Ju­den zum Lan­de hin­aus­zu­ja­gen, denn die Ju­den ar­bei­te­ten doch auch.“[8] Da An­kla­ge wie Ver­tei­di­gung bei der Ver­hand­lung am 23.11.1944 auf Be­weis­auf­nah­men ver­zich­te­ten, wur­de das Ur­teil auf­grund der Ak­ten­la­ge ge­fällt: Maus wur­de „we­gen Wehr­kraft­zer­set­zun­g“ zu zwei Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt. In der Ur­teils­be­grün­dung war de­zi­diert dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Maus als Re­li­gi­ons­leh­rer im Zu­sam­men­hang mit dem Bi­bel­wort „Lie­bet Eu­re Fein­de“ Äu­ße­run­gen ge­tan ha­be, „die, wie er sich sa­gen mu­ß­te und ge­sagt hat, ge­eig­net wa­ren, die staats­po­li­ti­sche Ein­stel­lung und Ent­wick­lung der Kin­der zu ge­fähr­den.“ [9]

Da sich al­li­ier­te Trup­pen Ber­lin nä­her­ten, hat­ten vie­le der Ge­fan­ge­nen die Hoff­nung, be­freit zu wer­den. Dies ließ auch Maus trotz sei­ner Lei­den durch­hal­ten. Al­ler­dings wur­den die In­haf­tier­ten am 7.2.1945 ab­trans­por­tiert, zu­nächst auf ei­nem Fracht­kahn auf der El­be, dann zu je 60-65 Mann in Gü­ter­wa­gen. Sie soll­ten ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au ge­bracht wer­den. In der Nacht vom 14. zum 15.2.1945 ver­starb Maus in der Hö­he von Plau­en; bei Hoch­stadt am Main wur­de der Leich­nam aus dem Zug aus­ge­la­den und lag dann min­des­tens fünf Ta­ge am Bahn­damm, ehe er be­stat­tet wur­de. 1960 wur­den die Über­res­te von Maus in die KZ-Eh­ren­ge­denk­stät­te Flos­sen­bürg um­ge­bet­tet.

Maus, der im Re­li­gi­ons­un­ter­richt ge­treu sei­nem christ­li­chen Glau­ben die Nächs­ten­lie­be als un­ver­han­del­bar und als auch in Kriegs­zei­ten gül­tig her­aus­ge­stellt hat­te, war auf­grund sei­ner christ­li­chen Über­zeu­gung ins Rä­der­werk des NS-Staa­tes ge­kom­men. Maus war von El­tern sei­ner Schü­le­rin­nen und Schü­ler de­nun­ziert wor­den, man hat­te ihn in­haf­tiert und ver­ur­teilt.

Heu­te er­in­nert in Idar-Ober­stein ei­ne kur­ze Stra­ße an den glau­bens­fes­ten Päd­ago­gen.

Literatur

Herm­le, Sieg­fried, Ge­org Maus, in: Schnei­der, Tho­mas Mar­tin/Con­rad, Joa­chim/Flesch, Ste­fan (Hg.), Zwi­schen Be­kennt­nis und Ideo­lo­gie. 100 Le­bens­bil­der des rhei­ni­schen Pro­tes­tan­tis­mus im 20. Jahr­hun­dert, Leip­zig 2018, S. 128–131.

Lo­scher, Klaus/Hahn, Udo: „Ich ha­be nicht ver­leug­net.“ Ge­org Maus: Le­ben und Wir­ken ei­nes Re­li­gi­ons­leh­rers im Drit­ten Reich, Wup­per­tal 1987. 

Le­ke­busch, Sig­rid, „Auch Dr. Go­eb­bels kann Je­su Ge­bot nicht auf­he­ben.“ Der Lei­dens­weg des Leh­rers Ge­org Maus, in: Nor­den, Gün­ther van/Schmidt, Klaus (Hg.), Sie schwam­men ge­gen den Strom. Wi­der­setz­lich­keit und Ver­fol­gung rhei­ni­scher Pro­tes­tan­ten im „Drit­ten Reich“, 2. Auf­la­ge, Köln 2007, S. 144–147.

Le­ke­busch, Sig­rid, Maus, Ge­org Hein­rich Lud­wig Gott­fried, in: Schult­ze, Ha­rald/Kur­schat, An­dre­as (Hg.), „Ihr En­de schaut an ...“. Evan­ge­li­sche Mär­ty­rer des 20. Jahr­hun­derts, Leip­zig 2006, S. 363–365.

Online

Herm­le, Sieg­fried, Ge­org Maus, in: https://de.evan­ge­li­scher-wi­der­stand.de/#/men­schen/Maus [24.8.2020]. [On­line]

Die Schule, an der Georg Maus bis zu seiner Verhaftung in Idar-Oberstein tätig war. Das Gebäude wird heute von der Stadtverwaltung genutzt. (Stadtarchiv Frankenberg)

 
Anmerkungen
  • 1: Loscher/Hahn, S. 31.
  • 2: Loscher/Hahn, S. 32.
  • 3: Loscher/Hahn, S. 30.
  • 4: Loscher/Hahn, S. 34.
  • 5: Loscher/Hahn, S. 35.
  • 6: Loscher/Hahn, S. 38.
  • 7: Loscher/Hahn, S. 58.
  • 8: Loscher/Hahn, S. 61.
  • 9: Loscher/Hahn, S. 65.
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Hermle, Siegfried, Georg Heinrich Ludwig Gottfried Maus, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/georg-heinrich-ludwig-gottfried-maus/DE-2086/lido/62ebcbec05b016.50328065 (abgerufen am 10.12.2022)