Max Zienow

NS-Widerständler (1891-1944)

Helmut Moll (Köln)

Stolperstein für Max Zienow. (CC-BY-SA-4.0/1971markus@wikipedia.de)

Der Köl­ner Bau­in­ge­nieur Max Zi­e­now ge­hört zu den „stil­len Hel­den“, der sei­ne christ­li­che Über­zeu­gung in der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus mit dem Tod be­zahlt hat.

Max Bern­hard Fried­rich Ernst Zi­e­now kam am 12.3.1891 in Sa­er­beck im nörd­li­chen Müns­ter­land als Sohn des Bau­tech­ni­kers Max Her­mann Au­gust Zi­e­now und sei­ner Ehe­frau Au­gus­te, ge­bo­re­ne Salm zur Welt. Der Va­ter war evan­ge­lisch, die Mut­ter ka­tho­lisch. Drei Ta­ge nach der Ge­burt wur­de Sohn Max in der Sa­er­be­cker Pfarr­kir­che St. Ge­org rö­misch-ka­tho­lisch ge­tauft. Max hat­te zwei Ge­schwis­ter: El­la Al­ber­ti­na Fran­zis­ka (ge­bo­ren 1892) und Franz Hab­bo Nor­bert (ge­bo­ren 1893). Die Fa­mi­li­en Zi­e­now und Salm wa­ren in Sa­er­beck nicht alt­ein­ge­ses­sen.

Noch vor der Ein­schu­lung von Max zog die Fa­mi­lie nach Müns­ter. Hier be­such­te er die vier­klas­si­ge Volks­schu­le, be­vor er auf das Gym­na­si­um wech­sel­te, das er mit dem Zeug­nis der Rei­fe ver­ließ. Nach dem Ab­itur stu­dier­te Max Ar­chi­tek­tur an der In­ge­nieur­schu­le in Müns­ter, die er er­folg­reich ab­schloss. Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs dien­te er als Sol­dat in Frank­reich. An­schlie­ßend kam er nach Köln, wo er sei­ne spä­te­re Frau Ma­ria Ber­ta Teu­ber (ge­bo­ren 1890) ken­nen­lern­te, die auf­grund ih­rer schwie­ri­gen fa­mi­liä­ren La­ge in ei­nem Wai­sen­haus groß ge­wor­den war. Die kirch­li­che Hoch­zeit fand am 20.3.1920 in der Pfarr­kir­che St. Agnes statt. Das jun­ge Paar be­zog ei­ne Woh­nung im Stadt­teil Sülz, wo am 16.3.1921 die ein­zi­ge Toch­ter Ma­ria Au­gus­ta Eli­sa­beth zur Welt kam. Sie wur­de in der Pfarr­kir­che St. Ni­ko­laus am 24.3.1921 ge­tauft. Von 1915 bis 1935 war hier Karl Schwip­pert Pfar­rer. Bald zog die Fa­mi­lie in Köln-Sülz um. In die­sem Spren­gel hat Zi­e­now, der bei der Stadt Köln als Bau­in­ge­nieur an­ge­stellt war, die Volks­schu­le an der Kyll­bur­ger Stra­ße ge­baut, die im Jah­re 1923 fer­tig­ge­stellt wer­den konn­te.

Wie Toch­ter Ma­ria be­rich­tet, war ihr Va­ter von An­fang an ge­gen die Ideo­lo­gie der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, die am 30.1.1933 die Macht er­grif­fen hat­te. Der christ­li­che Glau­be und die NS-Welt­an­schau­ung wa­ren für den be­ken­nen­den Ka­tho­li­ken un­ver­ein­bar. Für die drei­köp­fi­ge Fa­mi­lie war der sonn­täg­li­che Kirch­gang selbst­ver­ständ­lich. In der Pfar­rei St. Ni­ko­laus mit ih­ren da­mals 33.000 Ka­tho­li­ken wuchs die wirt­schaft­li­che Not von Jahr zu Jahr. Zum Leid­we­sen von Pfar­rer Schwip­pert, der 1935 in den Ru­he­stand ging, tra­ten im­mer mehr Men­schen aus der Kir­che aus. Auch der Fa­mi­lie Zi­e­now ging es in fi­nan­zi­el­ler Hin­sicht schlech­ter, so­dass sie in ei­ne klei­ne­re Woh­nung wech­seln muss­te, zu­nächst in Köln-Eh­ren­feld. Spä­ter wohn­te sie in ei­nem hüb­schen Um­feld in Köln-Lin­den­thal.

So­weit be­kannt, war Zi­e­now in kei­ner wie im­mer ge­ar­te­ten Wi­der­stands­grup­pe or­ga­ni­siert, er ge­hör­te auch kei­nem Ver­ein an. Er han­del­te ent­spre­chend sei­ner per­sön­li­chen Über­zeu­gung. Das christ­li­che Men­schen­bild gab ihm die nö­ti­ge Ori­en­tie­rung. Das noch exis­tie­ren­de Fo­to­al­bum der Fa­mi­lie Zi­e­now zeigt ei­ne Auf­nah­me mit ei­nem na­ment­lich un­be­kann­ten, im glei­chen Haus woh­nen­den Ju­den, der früh­zei­tig ins Exil ging. Das Fo­to aus den 1930er Jah­ren be­legt, dass Zi­e­now sich ent­ge­gen der NS-Ideo­lo­gie nicht von sei­nen jü­di­schen Mit­bür­gern ab­grenz­te.

Zi­e­now dach­te und sag­te, was sei­ne Über­zeu­gung war. Die­se geis­ti­ge Hal­tung, ge­gen den Strom zu schwim­men und Re­sis­tenz zu zei­gen, war für den gläu­bi­gen Ka­tho­li­ken ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. "Wenn mein Va­ter et­was sa­gen muss­te, dann hat er es ge­sagt, auch wenn ihn an­de­re ge­warnt ha­ben: Du musst vor­sich­tig sein, du wei­ßt nicht, was die wirk­lich den­ken, wenn du ih­nen et­was sagst", er­zähl­te Toch­ter Ma­ria in gro­ßer Klar­heit. Und wei­ter: "Die War­nun­gen mach­ten ihm kei­ne Angst, er sag­te das, was ihm not­wen­dig schien". Die­se und an­de­re Be­kun­dun­gen wer­den durch die evan­ge­li­sche Zeit­zeu­gin Irm­gard Kre­mer (ge­bo­ren 1928) be­stä­tigt, die mit ih­rer Fa­mi­lie seit 1942 eben­falls in der Vir­chow­stra­ße 1-3 wohn­te. Sie hat­te ge­hört, dass über Zi­e­now ge­sagt wur­de, er ha­be in sei­nem Bü­ro Adolf Hit­ler ein Schwein ge­nannt.

Zi­e­now wur­de we­gen die­ser Äu­ße­rung von ei­nem Un­be­kann­ten an­ge­zeigt. Am 6.12.1943 dran­gen Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in sei­ne Woh­nung an der Vir­chow­stra­ße 1-3 ein, ris­sen die Schrän­ke auf, durch­such­ten al­le Zim­mer, fan­den aber kein be­las­ten­des Ma­te­ri­al. Sie hol­ten ihn ab und nah­men ihn mit. Die­se Um­stän­de hat Irm­gard Kre­mer eben­falls vom Hö­ren­sa­gen ver­nom­men. Ei­ni­ge Wo­chen wur­de Zi­e­now in der Köl­ner Straf- und Un­ter­su­chungs­an­stalt Klin­gel­pütz ver­hört, wo ihn sei­ne Ehe­frau und sei­ne Toch­ter Ma­ria be­su­chen konn­ten. Die Haft­an­stalt ver­füg­te 1933 über 765 Zel­len, die aber in den Fol­ge­jah­ren nicht aus­reich­ten, um die ge­fan­ge­nen Män­ner und Frau­en un­ter­zu­brin­gen. Bis­wei­len leb­ten drei Per­so­nen in ei­ner Zel­le. Um die Ge­heim­hal­tung der Ge­fan­ge­nen zu ge­währ­leis­ten, wur­de ih­nen jeg­li­cher Kon­takt zu an­de­ren Mit­ge­fan­ge­nen oder gar der Au­ßen­welt un­ter­sagt, un­ab­hän­gig da­von, ob es sich um deut­sche oder aus be­setz­ten Ge­bie­ten kom­men­de Per­so­nen han­del­te. So­gar bei den täg­li­chen Hof­gän­gen war ih­nen jeg­li­che Kon­takt­auf­nah­me ver­bo­ten. Al­le wa­ren zur Ar­beit ver­pflich­tet. Ne­ben den Ar­bei­ten in ih­ren Zel­len, wie dem Be­fes­ti­gen von Knöp­fen durch weib­li­che Ge­fan­ge­ne, wirk­ten die Män­ner oft in Au­ßen­kom­man­dos, be­sei­tig­ten nach Luft­an­grif­fen Bom­ben, hol­ten Ver­schüt­te­te aus den Kel­lern oder bes­ser­ten wäh­rend des Bom­bar­de­ments elek­tri­sche An­la­gen aus. Nicht we­ni­ge von ih­nen star­ben. 

Vom Klin­gel­pütz wur­de Zi­e­now in das Zucht­haus Sieg­burg ver­legt. Auch hier konn­ten ihn Ehe­frau und Toch­ter be­su­chen. Schlie­ß­lich führ­te sein Lei­dens­weg nach Ber­lin, wo er vor den Volks­ge­richts­hof ge­stellt wur­de. In je­nen Ta­gen konn­te Ber­ta Zi­e­now ih­ren Ehe­mann be­su­chen, die Toch­ter Ma­ria be­glei­te­te sie al­ler­dings nicht, aus Furcht, das Los ih­res Va­ters könn­te in dem Kin­der­gar­ten, in dem sie ar­bei­te­te, be­kannt wer­den. Der Prä­si­dent des Volks­ge­richts­hofs Dr. Ro­land Freis­ler (1893-1945) warf Zi­e­now vor, ge­gen § 5 der Kriegs­son­der­straf­rechts­ver­ord­nung ver­sto­ßen zu ha­ben, das hei­ßt, er wur­de we­gen "Wehr­kraft­zer­set­zung" an­ge­klagt. Laut Aus­zug aus dem Mord­re­gis­ter hat sich Zi­e­now „im Sep­tem­ber 1943 zer­set­zend ge­äu­ßert" (Mord­reg. Nr. Z 412; Mord­reg. Lfd. Nr. 2328). Da­her lau­te­te das Ur­teil: To­des­stra­fe. Freis­ler soll nach der Er­in­ne­rung der Toch­ter in sei­ner schäu­men­den Po­le­mik aus­ge­ru­fen ha­ben: „Sie sind zu scha­de für ei­ne deut­sche Ku­gel, Sie wer­den ver­ur­teilt durch den Strang". 

Die Exe­ku­ti­on fand im Zucht­haus Bran­den­burg-Gör­den an der Ha­vel statt. Ob­wohl dort Hin­rich­tun­gen in der Re­gel durch das Fall­beil voll­zo­gen wur­den, ist es den­noch mög­lich, dass Zi­e­now ge­hängt wor­den ist. Das Zucht­haus nahm Kom­mu­nis­ten, So­zia­lis­ten, Chris­ten so­wie im Zu­sam­men­hang mit dem At­ten­tats­ver­such auf Hit­ler vom 20.7.1944 Ver­haf­te­te auf. Die Ge­fan­ge­nen muss­ten für die Be­reit­stel­lung von Rüs­tungs­pro­duk­ten ar­bei­ten. Auf­grund der wid­ri­gen La­ge reg­te sich Wi­der­stand, bis­wei­len un­ter­stützt durch Kal­fak­to­ren. Das Zucht­haus Bran­den­burg-Gör­den war nach Ber­lin-Plöt­zen­see die zweit­grö­ß­te Hin­rich­tungs­stät­te des „Drit­ten Rei­ches“. Zi­e­nows To­des­tag fiel auf den 9.10.1944. Er wur­de nur 53 Jah­re alt. Nach der Er­in­ne­rung von Toch­ter Ma­ria wur­de ihr Va­ter er­hängt und sei­ne Lei­che an­schlie­ßend im Kre­ma­to­ri­um ver­brannt. Der ka­tho­li­sche Pfar­rer von Bran­den­burg, Al­brecht Joch­mann (1891-1960), der ge­le­gent­lich in be­son­de­ren Si­tua­tio­nen im Zucht­haus Bran­den­burg-Gör­den Dienst tat, über­sand­te der Wit­we die Ur­ne mit der Post nach Köln.  

Die Wit­we leb­te mit der Toch­ter 1946-1949 in Köln-Wei­den in ei­ner be­schei­de­nen Dach­kam­mer. Da­her er­folg­te die Bei­set­zung der Ur­ne auf dem Wei­de­ner Orts­fried­hof, und zwar auf dem Eh­ren­fried­hofs­teil. Als Ber­ta Zi­e­now 1955 nach Ber­lin fuhr, um die Do­ku­men­ta­ti­on des Volks­ge­richts­ho­fes ein­zu­se­hen, wur­de ihr mit­ge­teilt, dass al­le dies­be­züg­li­chen Ak­ten ver­brannt sei­en. Sie er­hielt schlie­ß­lich über den Ver­band der Kriegs­be­schä­dig­ten, Kriegs­be­hin­der­ten und So­zi­al­rent­ner Deutsch­lands e.V. (VdK) ei­ne mo­nat­li­che klei­ne Ren­te, mit der sie ih­ren Le­bens­un­ter­halt be­strei­ten muss­te.

An­läss­lich Zi­e­nows 75. To­des­tag wur­de am 26.9.2019 vor dem da­ma­li­gen Wohn­haus der Fa­mi­lie in Köln-Lin­den­thal, Vir­chow­stra­ße Nr.1- 3, ein „Stol­per­stein“ in Ge­gen­wart der 98-jäh­ri­gen Toch­ter Ma­ria ver­legt. 

Quellen

Pfar­rar­chiv Sa­er­beck, St. Ge­org, in: Bis­tums­ar­chiv Müns­ter (ma­tri­cu­la-on­line.eu). 
Ar­chiv des Hei­mat­ver­eins Sa­er­beck e.V.
Pfar­rar­chiv Köln-Sülz-St. Ni­ko­laus, KBNO 1595 (lf. Nr. 103, 1921), in: His­to­ri­sches Ar­chiv des Erz­bis­tums Köln. 
Adress­buch der Stadt Köln (Köln 1925). 
His­to­ri­sches Ar­chiv der Stadt Köln, Per­so­nal­ak­te Acc. 277 A 1760. 
Lan­des­ar­chiv Nord­rhein-West­fa­len Abt. Rhein­land, Ent­schä­di­gungs­ak­te BR 2182, Nr. 25529. 
Ar­chiv der Ge­denk­stät­te Bran­den­burg an der Ha­vel; Bun­des­ar­chiv; Stadt­ar­chiv Bran­den­burg; Bran­den­bur­gi­sches Lan­des­haupt­ar­chiv. 
Hin­ter­grund­ge­sprä­che mit Ma­ria Zi­e­now, Köln-Lin­den­thal, am 7., 23.8.2019 und 10.9.2019; münd­li­che Mit­tei­lun­gen der Zeit­zeu­gin Irm­gard Kre­mer, Köln-Lin­den­thal, vom 28.8.2019. 

Literatur

Ade­nau­er, Kon­rad/Grö­be, Vol­ker, Lin­den­thal. Die Ent­wick­lung ei­nes Köl­ner Vor­or­tes, 3. über­arb. Auf­la­ge, Köln 2004.
Beu­scher, Ar­min, Ein Stol­per­stein für ei­nen mu­ti­gen Chris­ten, in: Lin­den­blatt der Ev. Kir­chen­ge­mein­de Köln-Lin­den­thal 48 (2019), S. 8-9. 
El­ten, Jo­sef van/Wit­ton, Ro­chus (Be­arb.), 100 Jah­re Pfarr­ge­mein­de St. Ni­ko­laus Köln-Sülz 1892-1992. Fest­schrift zum hun­dert­jäh­ri­gen Be­ste­hen der Pfar­rei St. Ni­ko­laus, Köln 1992.
Mat­z­er­ath, Horst, Köln in der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus 1933-1945, Köln 2009.
Thie­sen, Ste­fan, Straf­voll­zug in Köln 1933-1945. Ei­ne Stu­die zur Norm­durch­set­zung wäh­rend des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in der Straf- und Un­ter­su­chungs­haft­an­stalt Köln-Klin­gel­pütz, Ber­lin 2011. 
Uhl­mann, Wal­ter (Hg.), Ster­ben um zu le­ben. Po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne im Zucht­haus Bran­den­burg-Gör­den 1933-1945, Köln 1983.

 
Zitationshinweis

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Moll, Helmut, Max Zienow, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/max-zienow/DE-2086/lido/5f8ffa77d05027.33635444 (abgerufen am 22.09.2021)