Wilhelm Conrad Röntgen

Physiker, Entdecker der Röntgenstrahlen (1845-1923)

Werner E. Gerabek

Porträtfoto W. C. Röntgen in seiner Zeit als Professor in Gießen, 1879-1888 (Erwin Hanfstaengl/Deutsches Röntgen-Museum).

Wil­helm Con­rad Rönt­gen ent­deck­te 1895 in Würz­burg die Rönt­gen­strah­len und er­hielt da­für 1901 als Ers­ter den No­bel­preis für Phy­sik.

 

Wil­helm Con­rad Rönt­gen wur­de am 27.3.1845 in Len­nep (heu­te Stadt Rem­scheid) als Sohn des groß­bür­ger­li­chen Tuch­fa­bri­kan­ten Fried­rich Kon­rad Rönt­gen (1801-1884) und sei­ner Ehe­frau Char­lot­te Con­stan­ze (1806-1880), ge­bo­re­ne Fro­wein, ge­bo­ren. 1848 zog die Fa­mi­lie nach Apel­doorn in den Nie­der­lan­den. Rönt­gen ver­brach­te sei­ne Schul­zeit in Hol­land, be­gann in Ut­recht ein Stu­di­um, nahm 1865 in Zü­rich das Na­tur­wis­sen­schafts-, Ma­the­ma­tik-, Ma­schi­nen­bau- und Phy­sik­stu­di­um auf mit dem Ziel, In­ge­nieur zu wer­den. Nach­dem er 1869 an der Zür­cher Uni­ver­si­tät den Grad ei­nes Dok­tors der Phi­lo­so­phie er­wor­ben und sei­ne Aus­bil­dung ab­sol­viert hat­te, trat er 1870 ei­ne phy­si­ka­li­sche As­sis­ten­ten­stel­le in Würz­burg an. Spä­ter ging er nach Straß­burg, wo er 1874 an der Reichs­uni­ver­si­tät ha­bi­li­tiert und zum Pri­vat­do­zen­ten er­nannt wur­de.

Wilhelm Conrad Röntgen (links, sitzend) mit Studienkollegen in Utrecht, 1865 (Willem Cornelis van Dijk/Deutsches Röntgen-Museum).

 

1875 wur­de Rönt­gen als Pro­fes­sor für Ma­the­ma­tik und Phy­sik an die Land­wirt­schaft­li­che Aka­de­mie nach Ho­hen­heim im Würt­tem­ber­gi­schen be­ru­fen. 1876 kehr­te er als au­ßer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor für Phy­sik nach Straß­burg zu­rück, ging 1879 nach Gie­ßen und von dort 1888 nach Würz­burg, nach­dem er Ru­fe nach Je­na und Ut­recht ab­ge­lehnt hat­te. Im Jah­re 1900 wech­sel­te Rönt­gen an die Uni­ver­si­tät Mün­chen über.

Am 19.1.1872 hei­ra­te­te Rönt­gen in Apel­doorn die Zür­che­rin Ber­tha Lud­wig (1839-1919). Aus die­ser Ehe gin­gen kei­ne Kin­der her­vor, je­doch hat­te das Paar ei­ne Ad­op­tiv­toch­ter, die 1881 in Zü­rich ge­bo­re­ne Jo­se­phi­na Ber­tha Don­ges-Rönt­gen, die ih­re letz­ten Le­bens­jah­re in Würz­burg ver­brach­te; sie starb am 13.5.1972.

Als der Phy­si­ker Wil­helm Con­rad Rönt­gen 1895 die Rönt­gen­strah­len ent­deck­te, leb­te er in ei­ner Epo­che, die noch vom Fort­schritt­s­op­ti­mis­mus in den Na­tur­wis­sen­schaf­ten und der Me­di­zin ge­prägt war. Es herrsch­te Auf­bruchs­stim­mung – es war ja die Zeit der Grün­der­jah­re –, die For­schung an den Uni­ver­si­tä­ten hat­te ei­ne über­aus ho­he ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz und wur­de mit enor­men staat­li­chen Mit­teln ge­för­dert. Ent­spre­chend hoch war die so­zia­le Stel­lung der Pro­fes­so­ren und Do­zen­ten. Die Ge­lehr­ten fan­den da­mals idea­le äu­ße­re Be­din­gun­gen für ih­re For­schungs­ar­beit vor und leis­te­ten Gro­ßes.

Das En­de des 19. Jahr­hun­derts war ei­ne Ära, in der zwei epo­che­ma­chen­de Ent­de­ckun­gen glück­ten: der Blick in die mensch­li­che See­le, in das Un­be­wuss­te durch Sig­mund Freud (1856-1939) und der Blick in den mensch­li­chen Kör­per durch Rönt­gen. War dies ein Zu­fall?

Nach­dem Rönt­gen 1888 als Phy­sik­pro­fes­sor und In­sti­tuts­vor­stand nach Würz­burg ge­wech­selt war, konn­te er ein mo­der­nes, erst neun Jah­re al­tes In­sti­tuts­ge­bäu­de mit al­len not­wen­di­gen For­schungs­ein­rich­tun­gen be­zie­hen. Es galt sei­ner­zeit als ei­nes der am bes­ten aus­ge­stat­te­ten phy­si­ka­li­schen In­sti­tu­te Deutsch­lands. Die Fa­mi­lie Rönt­gen er­hielt ei­ne Dienst­woh­nung mit Win­ter­gar­ten im Ober­ge­schoss des In­sti­tuts­ge­bäu­des.

Bertha Röntgen und die Adoptivtochter Josephine Bertha Röntgen im Garten des Physikalischen Instituts in Würzburg, Foto: Wilhelm Conrad Röntgen, 8.6.1891 (Deutsches Röntgen-Museum).

 

Für das Ehe­paar Rönt­gen war der An­fang in Würz­burg bis­wei­len nicht ganz leicht ge­we­sen: Als Re­for­mier­te hat­ten sie man­che An­spie­lung und man­chen An­griff durch streng ka­tho­li­sche Würz­bur­ger Bür­ger durch­zu­ste­hen, die auch mit der Be­ru­fung pro­tes­tan­ti­scher und li­be­ra­ler Pro­fes­so­ren aus Nord­deutsch­land in die Bi­schofs­stadt nicht ein­ver­stan­den wa­ren. Im Ver­gleich zu sei­nem po­pu­lä­ren Vor­gän­ger Fried­rich Kohl­rausch (1840-1910), dem Bau­herrn des neu­en In­sti­tuts­ge­bäu­des, hat­te sich Rönt­gen auch mit ge­rin­ge­ren Hö­rer­zah­len zu­frie­den­zu­ge­ben. Doch all­mäh­lich konn­te Rönt­gen sei­ne Stel­lung in Würz­burg und bei sei­nen ein­hei­mi­schen Kol­le­gen an der Al­ma ma­ter fes­ti­gen. Das zeigt sich auch dar­in, dass Rönt­gen 1893/1894 das Amt des Rek­tors der Würz­bur­ger Uni­ver­si­tät in­ne­hat­te und so auch die Hoch­ach­tung der an­de­ren Hoch­schul­leh­rer ge­nos­sen ha­ben muss.

Nun zu den X-Strah­len, Rönt­gens welt­be­rühm­ter Ent­de­ckung. Am 8.11.1895 ex­pe­ri­men­tier­te Rönt­gen im Phy­si­ka­li­schen In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Würz­burg mit Ka­tho­den­strah­len in Hit­torff­schen und Lenard­schen Röh­ren. Er hat­te nicht die Ab­sicht, den mensch­li­chen Kör­per zu durch­leuch­ten, war über­haupt nicht auf der Su­che nach ei­ner neu­en Art von Strah­len. Er woll­te le­dig­lich die elek­tri­sche Leit­fä­hig­keit von Ga­sen er­for­schen. Als er et­was wahr­nahm, das er sich nicht er­klä­ren konn­te, glaub­te er zu­nächst, ei­ner Sin­nes­täu­schung er­le­gen zu sein. Gleich woll­te er der Sa­che auf den Grund ge­hen, such­te und ex­pe­ri­men­tier­te rast­los wei­ter, woll­te al­le Feh­ler­quel­len aus­schal­ten. Aber ir­gend­wie kam er nicht wei­ter, konn­te das Ge­heim­nis nicht auf­klä­ren: Im ver­dun­kel­ten Zim­mer trat aus ei­ner schwarz um­hüll­ten Röh­re et­was her­aus, was kein Au­ge wahr­neh­men konn­te, was je­doch ent­fernt lie­gen­de Kris­tal­le fluo­res­zie­rend auf­leuch­ten ließ und ver­schlos­se­ne pho­to­gra­phi­sche Plat­ten be­lich­te­te.

Hörsaal im Physikalischen Institut, vor März 1900 (Deutsches Röntgen-Museum).

 

In der fol­gen­den Zeit war Rönt­gen ein­sil­big, – fast möch­te man sa­gen – schlecht ge­launt, wenn er aus sei­nem La­bo­ra­to­ri­um zu sei­ner Frau in die Dienst­woh­nung hin­auf­ging. Er ließ sich oft­mals auch die Mahl­zei­ten in sein Dienst­zim­mer brin­gen, schlug dort so­gar ein Bett auf. Er ar­bei­te­te in je­ner Zeit un­er­müd­lich, woll­te er doch sei­ne Be­ob­ach­tun­gen ge­nau­es­tens nie­der­schrei­ben. Nach­dem Rönt­gen ge­gen En­de des Jah­res 1895 sei­ne Ent­de­ckung in 17 Punk­ten schrift­lich er­läu­tert und am En­de die­ser Ab­hand­lung ei­ne Er­klä­rungs­mög­lich­keit vor­sich­tig an­ge­deu­tet hat­te, wand­te er sich mit den Wor­ten an sei­ne Frau: „Die Leu­te wer­den sa­gen: ‚der Rönt­gen ist ver­rückt ge­wor­den.’“[1]

Im Ja­nu­ar 1896 kam Rönt­gens epo­che­ma­chen­de Ab­hand­lung „Ue­ber ei­ne neue Art von Strah­len. Vor­läu­fi­ge Mitt­hei­lun­g“ her­aus, die er so­gleich als Son­der­druck an be­freun­de­te Kol­le­gen ver­sand­te. Be­reits am 23.1.1896 er­schien Rönt­gens Schrift in eng­li­scher Spra­che in der Lon­do­ner Zeit­schrift „Na­tu­re“. Die „Frank­fur­ter Zei­tun­g“ vom 7.1.1896 be­rich­tet eu­pho­risch: „Es ist an­ge­sichts ei­ner so sen­sa­tio­nel­len Ent­de­ckung schwer, phan­tas­ti­sche Zu­kunfts­spe­ku­la­tio­nen im Sti­le ei­nes Ju­les Ver­ne von sich ab­zu­wei­sen. So leb­haft drin­gen sie auf den­je­ni­gen ein, der hier die be­stimm­te Ver­si­che­rung hört, es sei ein neu­er Licht­trä­ger ge­fun­den, wel­cher die Be­leuch­tung hel­len Son­nen­scheins durch Bret­ter­wän­de und die Weich­tei­le ei­nes tie­ri­schen Kör­pers trägt, als ob die­sel­ben von kris­tall­hel­lem Spie­gel­gla­se wä­ren. Die Zwei­fel müs­sen sich be­schei­den, wenn man ver­nimmt, daß das pho­to­gra­phi­sche Be­weis­ma­te­ri­al für die­se Ent­de­ckung vor den Au­gen erns­ter Kri­ti­ker bis­her Stand zu hal­ten scheint.“[2]

Versuchsaufbau von Wilhelm Conrad Röntgen in seinem Laboratorium in Würzburg, 1895 (Gemeinfrei).

 

Am 23.1.1896 hielt Rönt­gen vor der be­rühm­ten, noch heu­te be­ste­hen­den Phy­si­ka­lisch-me­di­zi­ni­schen Ge­sell­schaft zu Würz­burg sei­nen epo­che­ma­chen­den Vor­trag über die Ent­de­ckung. Als er den über­füll­ten Hör­saal be­trat, in dem sich Pro­fes­so­ren, Stu­den­ten und Of­fi­zie­re der Würz­bur­ger Gar­ni­son ver­sam­melt hat­ten, brach ein ge­wal­ti­ger Bei­falls­sturm los. Rönt­gen schil­der­te den ge­bannt lau­schen­den Zu­hö­rern, wie es zu sei­ner Ent­de­ckung kam: „Ich fand durch Zu­fall, daß die Strah­len durch schwar­zes Pa­pier dran­gen. Ich nahm Holz, Pa­pier­hef­te, aber im­mer noch glaub­te ich, das Op­fer ei­ner Täu­schung zu sein. Dann nahm ich die Pho­to­gra­phie zu Hil­fe, und der Ver­such ge­lang.“[3] Am En­de sei­nes Vor­trags bat Rönt­gen den an­we­sen­den Schwei­zer Ana­to­men Al­bert von Ko­el­li­ker (1817-1905), sei­ne Hand durch­leuch­ten und pho­to­gra­phie­ren zu las­sen. Die ge­lun­ge­ne Pho­to­gra­phie wur­de im Pu­bli­kum her­um­ge­zeigt, er­neut brach to­sen­der Bei­fall los.

Seit der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts be­fass­ten sich zahl­rei­che Phy­si­ker in Deutsch­land, Eng­land und Frank­reich mit der Elek­tri­zi­tät, ins­be­son­de­re mit ih­rer Ent­la­dung durch ver­dünn­te Ga­se. Re­du­ziert man in ei­nem mit Me­tall­elek­tro­den be­stück­ten Glas­ge­fäß, das mit Gas ge­füllt ist, den Druck und legt ei­ne aus­rei­chen­de elek­tri­sche Span­nung an, so kann man Leuch­t­er­schei­nun­gen be­ob­ach­ten, die je­doch bei ge­rin­ger wer­den­dem Druck all­mäh­lich ver­schwin­den. Je wei­ter man die Va­ku­um­tech­nik in den Griff be­kam, um so öf­ter stell­ten sich auf­se­hen­er­re­gen­de Er­schei­nun­gen ein. Ein Grund hier­für ist die Tat­sa­che, dass die Ka­tho­den­strah­len, die von der ne­ga­ti­ven Elek­tro­de ih­ren Aus­gang neh­men, um so wei­ter in den Gas­raum vor­sto­ßen, je grö­ßer die Ver­dün­nung ist. Schlie­ß­lich schritt die Tech­nik so weit vor­an, dass die Strah­len bis hin zur ge­gen­über­lie­gen­den Ge­fäß­wand ge­lang­ten und die­se fluo­res­zie­ren lie­ßen. Die­ses Sta­di­um er­reich­te man dank der For­schun­gen von Hein­rich Hertz (1857-1894) und sei­nes As­sis­ten­ten Phi­lip Lenard (1862-1947) schon lan­ge Zeit vor 1895. So exis­tie­ren bei­spiels­wei­se aus dem Jahr 1890 Pho­to­gra­phi­en, die un­er­klär­li­cher­wei­se miss­glückt sind, weil sich die Fo­to­plat­ten in un­mit­tel­ba­rer Nä­he ei­nes Ent­la­dungs­roh­res be­fan­den. Nie­mand maß der­ar­ti­gen Er­schei­nun­gen je­doch ei­ne grö­ße­re Be­deu­tung zu, bis Rönt­gen am 8.11.1895 bei Ex­pe­ri­men­ten mit Ent­la­dungs­röh­ren ei­ne un­be­kann­te Fluo­res­zenz in de­ren Um­ge­bung wahr­nahm. Rönt­gens Be­deu­tung als Phy­si­ker liegt al­so in ers­ter Li­nie dar­in be­grün­det, dass er die­sem Phä­no­men nach­ging und ei­ne zu­fäl­li­ge Be­ob­ach­tung, wie sie wohl be­reits manch an­de­rem Phy­si­ker ge­lun­gen sein mag, in die Ka­te­go­rie ei­ner na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ent­de­ckung er­hob.

Aufnahme von Albert von Koellickers Hand, 23.1.1896 (Gemeinfrei).

 

Rönt­gens Ent­de­ckung sorg­te schnell für Fu­ro­re: So­fort sprach man auf na­tio­na­ler wie auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne von ei­ner Sen­sa­ti­on. Bei Rönt­gen war als Aus­lö­ser für sei­ne Be­rühmt­heit noch et­was an­de­res aus­schlag­ge­bend - die Er­fül­lung ei­nes jahr­hun­der­te­al­ten Trau­mes, des Wun­sches vom Blick in den Men­schen. Glück­wün­sche, Te­le­gram­me, Nach­fra­gen, aber auch sor­gen­vol­le Brie­fe, ja so­gar Pro­tes­te gin­gen bei Rönt­gen ein. Die kri­ti­schen Äu­ße­run­gen be­zo­gen sich auf die Be­fürch­tung, dass durch die Strah­len al­les trans­pa­rent ge­macht, un­ter Um­stän­den so­gar das Pri­vat­le­ben zer­stört wer­den kön­ne, wenn durch Holz, Mau­ern oder Me­tall fo­to­gra­fiert wer­de. Schon im März 1896 bot ei­ne Lon­do­ner Fir­ma rönt­gen­strah­len­si­che­re Un­ter­wä­sche an. Je­de Il­lus­trier­te war be­müht, Rönt­gen­bil­der von Kno­chen ab­zu­dru­cken, es gab kaum ei­nen Sa­lon, wo die Neu­ent­de­ckung nicht Ta­ges­ge­spräch ge­we­sen wä­re, kaum ein Witz­blatt, das die neu­en Strah­len nicht in Bild und Text für sei­ne Zwe­cke ver­wen­det hät­te.

Rönt­gen je­doch leg­te kei­nen Wert auf Ruhm und nahm bei­spiels­wei­se den ihm ver­lie­he­nen Adel nicht an. Er galt bald als ver­schlos­sen und men­schen­scheu. Er hat­te auch nicht die Ab­sicht, sei­ne Ent­de­ckung in Ge­winn um­zu­mün­zen. Die plötz­li­che Po­pu­la­ri­tät ging ihm ge­gen den Strich. An sei­nen eins­ti­gen As­sis­ten­ten Lud­wig Zehn­der (1854-1949) rich­te­te er fol­gen­de Zei­len: „Mir war nach ei­ni­gen Ta­gen die Sa­che ver­ekelt [...], ich kann­te aus den Be­rich­ten mei­ne ei­ge­ne Ar­beit nicht wie­der.“[4]  Rönt­gen hat­te die­se Si­tua­ti­on je­doch selbst mit her­auf­be­schwo­ren, denn er über­schritt kühn die Gren­zen sei­nes Fa­ches und mach­te den mensch­li­chen Kör­per durch­sich­tig. Die X-Strah­len wa­ren nicht mehr nur ein Hilfs­mit­tel in der Phy­sik oder der Heil­kun­de. Mar­g­ret Bo­ve­ri (1900-1975), die Toch­ter des be­rühm­ten Würz­bur­ger Zoo­lo­gen Theo­dor Bo­ve­ri (1862-1915), die Rönt­gen per­sön­lich kann­te, schreibt: „Beim An­blick des ge­spens­ti­schen Bil­des schwar­zer Kno­chen und der lo­cker schwe­ben­den Rin­ge im schat­ten­haf­ten Um­riss der Hand ging nicht nur ein Stau­nen, son­dern auch ein Schau­dern durch die Welt.“[5] 

Rönt­gens Pio­nier­tat wur­de um­fas­send ge­wür­digt. So er­hielt er 1901 als Ers­ter den No­bel­preis für Phy­sik. Den Geld­be­trag des Prei­ses, 50.000 Schwe­di­sche Kro­nen, stif­te­te er tes­ta­men­ta­risch der Würz­bur­ger Uni­ver­si­tät. Die Sum­me fiel je­doch der In­fla­ti­on nach dem Ers­ten Welt­krieg zum Op­fer.

Der Physiker Professor Wilhelm Friedrich Kohlrausch (1855-1936) gratulierte Röntgen zu seiner Entdeckung, 6.4.1896 (Deutsches Röntgen-Museum).

 

Trotz na­tio­na­ler und in­ter­na­tio­na­ler Aus­zeich­nun­gen blieb Rönt­gen stets ein be­schei­de­ner Ge­lehr­ter: Er er­hielt ne­ben dem No­bel­preis un­ge­fähr 80 wis­sen­schaft­li­che Prei­se und wur­de als Mit­glied in zahl­rei­che ge­lehr­te Ge­sell­schaf­ten auf­ge­nom­men. 1896 wur­de er mit der Eh­ren­dok­tor­wür­de der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Würz­burg aus­ge­zeich­net. 1921 ver­lieh die Stadt Würz­burg dem gro­ßen Ge­lehr­ten die Eh­ren­bür­ger­schaft. Zahl­rei­che Städ­te be­nann­ten Stra­ßen nach sei­nem Na­men.

Nach­dem Rönt­gen im Jah­re 1900 ei­nem Ruf nach Mün­chen ge­folgt war, zog er sich im­mer wei­ter zu­rück. Rönt­gen starb ein­sam am 10.2.1923. Sein Leich­nam wur­de am 13. 2.1923 in Mün­chen ein­ge­äschert, die Bei­set­zung der Ur­ne er­folg­te auf dem Al­ten Fried­hof zu Gie­ßen, ne­ben sei­ner Frau Ber­tha und den El­tern.

Schriften

Stu­di­en über Ga­se, Zü­rich 1869, Dis­ser­ta­ti­on, Eid­ge­nös­si­sche po­ly­tech­ni­sche Schu­le Zü­rich.

Über die Be­stim­mung des Ver­hält­nis­ses der spe­zi­fi­schen Wär­men der Luft, in: An­na­len der Phy­sik und Che­mie, 2. Fol­ge, Band 141, 1870, S. 552-566.

Über die elek­tro­ma­gne­ti­sche Dre­hung der Po­la­ri­sa­ti­ons­ebe­ne des Lich­tes in den Ga­sen, in: An­na­len der Phy­sik und Che­mie, 3. Fol­ge, Band 8, 1879, S. 278-298.

Über Tö­ne, wel­che durch in­ter­mit­tie­ren­de Be­strah­lung ei­nes Ga­ses ent­ste­hen, in: An­na­len der Phy­sik und Che­mie, 3. Fol­ge, Band 12, 1881, S. 155-159.

Über die durch Be­we­gung ei­nes im ho­mo­gen elek­tri­schen Fel­de be­find­li­chen Dielek­tri­kums her­vor­ge­ru­fe­ne elek­tro­dy­na­mi­sche Kraft, in: Ma­the­ma­ti­sche und Na­tur­wis­sen­schaft­li­che Mit­tei­lun­gen aus den Sit­zungs­be­rich­ten der Kö­nig­lich Preu­ßi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten zu Ber­lin, Phy­si­ka­lisch-Ma­the­ma­ti­sche Klas­se, Band 7, 1888, S. 23-29.

Ue­ber ei­ne neue Art von Strah­len. Vor­läu­fi­ge Mitt­hei­lung, in: Sit­zungs­be­rich­te der Würz­bur­ger Phy­si­ka­lisch-me­di­ci­ni­schen Ge­sell­schaft, Bd. 9, 1895, S. 132-141.

Ue­ber ei­ne neue Art von Strah­len. II. Mitt­hei­lung, in: Sit­zungs­be­rich­te der Würz­bur­ger Phy­si­ka­lisch-me­di­ci­ni­schen Ge­sell­schaft, Bd. 1, 1896, S. 11-16.

Ue­ber ei­ne neue Art von Strah­len. II. Mitt­hei­lung, Fort­set­zung und Schluß, in: Sit­zungs­be­rich­te der Würz­bur­ger Phy­si­ka­lisch-me­di­ci­ni­schen Ge­sell­schaft, Bd. 2, 1896, S. 17-19.

Ei­ne neue Art von Strah­len, II. Mitt­hei­lung, Würz­burg En­de 1895 (= Son­der­druck mit den bei­den zu­vor­ge­nann­ten Ti­teln)

Wei­te­re Be­ob­ach­tun­gen über die Ei­gen­schaf­ten der X-Strah­len, in: Ma­the­ma­ti­sche und Na­tur­wis­sen­schaft­li­che Mit­tei­lun­gen aus den Sit­zungs­be­rich­ten der Kö­nig­lich Preu­ßi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten zu Ber­lin, Phy­si­ka­lisch-Ma­the­ma­ti­sche Klas­se, Bd. 27, 1897, S. 576-592.

Grund­le­gen­de Ab­hand­lun­gen über die X-Strah­len, Leip­zig 1954 (Ori­gi­nal­ge­treue Wie­der­ga­be der Ver­öf­fent­li­chung in den An­na­len der Phy­sik und Che­mie, N.F., Band 64, 1898).

Py­ro- und pie­zo-elek­tri­sche Un­ter­su­chun­gen, in: An­na­len der Phy­sik, 4. Fol­ge, Band 45, 1914, S. 737-800.

mit Ab­ram Fjo­do­ro­witsch Jof­fe, Über die Elek­tri­zi­täts­lei­tung in ei­ni­gen Kris­tal­len und über den Ein­fluss ei­ner Be­strah­lung dar­auf, in: An­na­len der Phy­sik, 4. Fol­ge, Band 64, 1921, S. 1-195.

Literatur

Bo­ve­ri, Mar­g­ret, Wil­helm Con­rad Rönt­gen. 1845-1923, in: Heim­pel, Her­mann/Heuss, Theo­dor/Rei­fen­berg, Ben­no (Hg.), Die gro­ßen Deut­schen. Deut­sche Bio­gra­phie, Band 4, Gü­ters­loh 1978 [Neu­druck d. über­arb. Aus­ga­be 1966, 1. Aus­ga­be Frank­furt/M. u.a. 1956], S. 156-165.

Busch, Uwe (Hg.), Wil­helm Con­rad Rönt­gen. Ein leuch­ten­des Le­ben für die Wis­sen­schaft, Ber­lin, Hei­del­berg 2020.

Busch, Uwe/Ro­sen­dahl, Wil­fried (Hg.), Wil­helm Con­rad Rönt­gen – den X-Strah­len auf der Spur. 50 Stät­ten zur Ent­de­ckung, Ge­schich­te, An­wen­dung der Rönt­gen­strah­len in Deutsch­land und Nach­bar­län­dern, Op­pen­heim am Rhein 2020.

Föl­sing, Al­brecht, Wil­helm Con­rad Rönt­gen. Auf­bruch ins In­ne­re der Ma­te­rie, Mün­chen 2002.

Ge­ra­bek, Wer­ner E., Rönt­gen, Wil­helm Con­rad, in: Ge­ra­bek, Wer­ner E./Haa­ge, Bern­hard D./Weg­ner, Wolf­gang (Hg.), En­zy­klo­pä­die Me­di­zin­ge­schich­te, Ber­lin 2005, S. 1258-1259.

Glas­ser, Ot­to, Wil­helm Con­rad Rönt­gen und die Ge­schich­te der Rönt­gen­strah­len. Mit ei­nem Bei­trag „Per­sön­li­ches über W. C. Rönt­gen“ von Mar­g­ret Bo­ve­ri, 2. Auf­la­ge Ber­lin [u.a.] 1959 [1. Auf­la­ge 1931].

Kant, Horst, Ro­ent­gen, Wil­helm Con­rad, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie, Band 21, Ber­lin 2003, S. 732-734.

Leicht, Hans, Wil­helm Con­rad Rönt­gen, Mün­chen 1994.

Lem­me­rich, Jost, 100 Jah­re Rönt­gen­strah­len 1895-1995. Aus­stel­lungs­ka­ta­log der Uni­ver­si­tät Würz­burg, Würz­burg 1995.

Los­sau, Nor­bert, Rönt­gen. Ei­ne Ent­de­ckung ver­än­dert un­ser Le­ben, Köln 1995.

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Portraitaufnahme von Wilhelm Conrad Röntgen, Foto: Gerhard du Prel, um 1921 (Deutsches Röntgen-Museum).

 
Anmerkungen
  • 1: Boveri, Röntgen S. 157.
  • 2: Glasser, S. 178.
  • 3: Glasser, S. 38.
  • 4: Boveri, Röntgen, S. 157.
  • 5: Boveri, Röntgen, S. 157-158.
Zitationshinweis

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Gerabek, Werner E., Wilhelm Conrad Röntgen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/wilhelm-conrad-roentgen/DE-2086/lido/62fcd2c5355d68.47945668 (abgerufen am 25.09.2022)