Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis

Stephan Laux (Trier)

Der Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­sche Reichs­kreis (im 16. Jahr­hun­dert auch Nie­der­län­disch-West­fä­li­scher Reichs­kreis ge­nannt) zähl­te zu den zehn im Jahr 1500 be­zie­hungs­wei­se 1512 durch Kai­ser Ma­xi­mi­li­an I. (Re­gie­rungs­zeit 1493-1519) ein­ge­rich­te­ten Reichs­krei­sen. Sei­ne Auf­lö­sung ging 1806 mit dem En­de des Hei­li­gen Rö­mi­schen Reichs deut­scher Na­ti­on ein­her.

Das Ge­biet des im Jahr 1500 ge­schaf­fe­nen Reichs­krei­ses lag im Nord­wes­ten des Al­ten Reichs und um­schloss Gro­ß­tei­le des Rhein­lands und West­fa­lens, dar­über hin­aus Ost­fries­lands, des Ems- und Sie­ger­lands so­wie Tei­le des maas­län­di­schen Raums. Der Reichs­kreis be­saß bei sei­ner Grün­dung 55 Mit­glie­der. Er ver­ei­nig­te die grö­ß­ten Ter­ri­to­ri­en des rhei­ni­schen und west­fä­li­schen Raums, dar­un­ter die (bis 1609 noch dy­nas­tisch ver­bun­de­nen) Her­zog­tü­mer Jü­lich, Kle­veBerg so­wie die Fürst­bis­tü­mer Müns­ter, Pa­der­born und Os­na­brück. Sein Ge­biet war so­mit ver­gleichs­wei­se ge­schlos­sen.

Ab­ge­se­hen von we­ni­gen klei­ne­ren Herr­schaf­ten bil­de­te die Haupt­aus­nah­me das Erz­stif­t Köln mit sei­nen an­hän­gi­gen Be­sit­zun­gen Her­zog­tum West­fa­len und dem Vest Reck­ling­hau­sen. Die­se Ter­ri­to­ri­en ge­hör­ten wie die geist­li­chen Kur­staa­ten Trier und Mainz de­m Kur­rhei­ni­schen Reichs­kreis an.

Bis zu sei­ner Auf­lö­sung ka­men nur noch we­ni­ge klei­ne­re Herr­schafts­ge­bie­te (Graf­schaf­ten und reichs­un­mit­tel­ba­re Herr­schaf­ten) zum Reichs­kreis hin­zu. Ei­ni­ge Kreis­mit­glie­der schie­den aus wie das Fürst­bis­tum Ut­recht oder das Her­zog­tum Gel­dern. Bei­de Ter­ri­to­ri­en wur­den 1648 de­m Bur­gun­di­schen Reichs­kreis zu­ge­wie­sen. Das Fürst­bis­tum Cam­brai fiel 1678 an Frank­reich und trat so­mit aus dem Reichs­ver­band aus. An­de­re Mit­glie­der er­fuh­ren Stan­des­ver­än­de­run­gen wie die 1667 ge­fürs­te­te und 1744 an Preu­ßen ge­lang­te Graf­schaft Ost­fries­land. Die Fürst­bis­tü­mer Min­den und Ver­den wech­sel­ten ih­ren Sta­tus von geist­li­chen zu welt­li­chen Herr­schaf­ten, da sie in Fol­ge der West­fä­li­schen Frie­dens­schlüs­se von 1648 sä­ku­la­ri­siert wur­den.nach oben­Das Di­rek­to­ri­um des Reichs­krei­ses lag an­fäng­lich bei den Her­zö­gen von Jü­lich-Berg und den Fürst­bi­schö­fen von Müns­ter als ih­ren geist­li­chen Kol­le­gen. We­gen der Kon­kur­renz Jü­lich-Bergs zu Bran­den­burg-Preu­ßen in­fol­ge der Tei­lung des Ter­ri­to­ri­al­ver­ban­des ab 1609 wur­de der Kur­fürst und spä­te­re (1701) Kö­nig in Preu­ßen 1665 dem Her­zog von Jü­lich-Berg gleich­ge­stellt. Der Streit zwi­schen den bei­den Fürs­ten soll­te sich je­doch über Jahr­zehn­te als nach­tei­lig für die Füh­rung des Reichs­krei­ses er­wei­sen. Das Kreis­ar­chiv be­fand sich in Düs­sel­dorf. Ge­mes­sen an der Zahl der meist in der Reichs­stadt Köln statt­fin­den­den Zu­sam­men­künf­te sei­ner Mit­glie­der auf Kreis- und De­pu­ta­ti­ons­ta­gen ent­fal­te­te der Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­sche Reichs­kreis sein grö­ß­te Le­ben­dig­keit im 16. Jahr­hun­dert, als die Reichs­krei­se et­wa zwecks Er­brin­gung der so ge­nann­ten Tür­ken­steu­er und an­de­rer Reichs­pflich­ten zu ge­mein­schaft­li­chem Han­deln mo­bi­li­siert wur­den.

Im 17. und be­son­ders im 18. Jahr­hun­dert ging die Ak­ti­vi­tät des Krei­ses deut­lich zu­rück. Da­bei schlug ne­ben no­to­ri­schen fi­nan­zi­el­len Pro­ble­men zu Bu­che, dass die füh­ren­den Ter­ri­to­ri­al­her­ren die klei­ne­ren Mit­glie­der im­mer stär­ker in den Hin­ter­grund dräng­ten. Un­ter­ein­an­der fan­den – nicht zu­letzt aus kon­fes­sio­nel­len und bünd­nis­po­li­ti­schen Grün­den – je­doch auch die Füh­rungs­mäch­te kei­ne ge­mein­sa­me Li­nie. Ei­ne kon­kre­te his­to­ri­sche Be­deu­tung lässt sich dem Reichs­kreis da­her nur mit Blick auf zeit­lich wie lo­kal be­grenz­te In­itia­ti­ven zu­wei­sen, et­wa bei der mi­li­tä­ri­schen Um­set­zung („Exe­ku­ti­on") von Reichs­be­schlüs­sen ge­gen ein­zel­ne Reichs­stän­de.

Die fol­gen­den, ab 1815 mit ih­ren Ge­bie­ten zu Preu­ßen und der ab 1830 so ge­nann­ten Rhein­pro­vinz an­ge­hö­ren­den Herr­schaf­ten wa­ren 1789 Teil des Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­schen Reichs­krei­ses (nach Ger­hard Köbler):

Her­zog­tum Kle­ve nebst den Graf­schaf­ten Mark und Ra­vens­berg (1614 an Bran­den­burg)

Her­zog­tü­mer Jü­lich und Berg (1614 an Pfalz-Neu­burg)

Hoch­stift Lüt­tich

Fürst­ab­tei Sta­blo und Mal­médy

Ab­tei Wer­den

Ab­tei Kor­ne­li­müns­ter

Fürst­ab­tei Es­sen

Fürs­ten­tum Mo­ers

Graf­schaf­t Sayn

Graf­schaft Ker­pen und Lom­mer­sum (Ker­pen-Lom­mer­sum)

Graf­schaft Schlei­den

Reichs­stadt Köln

Reichs­stadt Aa­chen

Herr­schaft Gim­born und Neu­stadt (Gim­born-Neu­stadt)

Herr­schaf­t Wick­rath

Herr­schaft Mil­len­donk (Myl­len­donk)

Literatur

Arndt, Jo­han­nes, Die Ver­flech­tung des Rhein­lan­des mit dem po­li­tisch-recht­li­chen Sys­tem des Al­ten Rei­ches 1648-1806, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 208 (2005), S. 155-174.
Behr, Hans-Joa­chim, Der Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­sche Reichs­kreis um 1560 und 1794, in: Ge­schicht­li­cher Hand­at­las von West­fa­len, hg vom Pro­vin­zial­in­sti­tut für West­fä­li­sche Lan­des- und Volks­for­schung des Land­schafts­ver­ban­des West­fa­len-Lip­pe, Müns­ter i. W. 1982.
Dotzau­er, Win­fried, Die deut­schen Reichs­krei­se in der Ver­fas­sung des al­ten Rei­ches und ihr Ei­gen­le­ben (1500-1806), Darm­stadt 1989, S. 262-304.
Dotzau­er, Win­fried, Die deut­schen Reichs­krei­se (1383-1806). Ge­schich­te und Ak­te­ne­di­ti­on, Stutt­gart 1998, S. 263-304.
Fa­bri­ci­us, Wil­helm, Er­läu­te­run­gen zum ge­schicht­li­chen At­las der Rhein­pro­vinz, Band 2: Die Kar­te von 1789, Bonn 1898, Nach­ruck Bonn 1965, S. 227-398.
Köbler, Ger­hard, His­to­ri­sches Le­xi­kon der deut­schen Län­der. Die deut­schen Ter­ri­to­ri­en vom Mit­tel­al­ter bis zur Ge­gen­wart, 7., voll­stän­dig über­ar­bei­te­te Auf­la­ge, Mün­chen 2007, S. 469-470.
Neu­haus, Hel­mut, Der Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­sche Reichs­kreis. Ei­ne Re­gi­on der Frü­hen Neu­zeit?, in: West­fä­li­sche For­schun­gen 52 (2002), S. 95-110.
Schnei­der, An­dre­as, Der Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­sche Kreis im 16. Jahr­hun­dert. Ge­schich­te, Struk­tur und Funk­ti­on ei­nes Ver­fas­sungs­or­gans des Al­ten Rei­ches, Düs­sel­dorf 1985.

Online

Der West­fä­li­sche Reichs­kreis 1512-1806 (Kar­te, In­ter­net­por­tal West­fä­li­sche Ge­schich­te, an­ge­fer­tigt von Hans-Joa­chim Behr). [On­line]
Der Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­sche Reichs­kreis 1751 un­d 1761(his­to­ri­sche Kar­ten, In­ter­net­por­tal West­fä­li­sche Ge­schich­te). [On­line]

Zitationshinweis

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Laux, Stephan, Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Orte-und-Raeume/niederrheinisch-westfaelischer-reichskreis/DE-2086/lido/57d11c66ea8320.08804428 (07.12.2018)