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Reichsstift und Fürstentum Essen

In der Mitte des 9. Jahrhunderts gründeten Alfried, seit 851 Bischof von Hildesheim, und seine Verwandte (vermutlich seine Schwester) Gerswid, die zugleich erste Äbtissin wurde, eine geistliche Frauengemeinschaft. Die Angaben müssen so vage bleiben, nicht nur weil die schriftlichen Zeugnisse für die Frühzeit bei einem großen Brand 946 verloren gegangen sind. Die Gründung war zudem ein langwieriger Prozess: Es musste Land zur Versorgung der Frauengemeinschaft zur Verfügung gestellt werden, die Kirche und die Konventsgebäude waren zu errichten. Es bedurfte des Personals und der Reliquien. Daher führt das vermeintlich exakte Gründungsdatum 852, das ein Kanoniker auf dem Schutzblatt des „Liber ordinarius Lateinisch, aus iudex ordinarius entstandene Kurzform, bezeichnet (1) den Inhaber der iurisdictio ordinaria, das heißt in der katholischen Kirche den Papst, und die ordinarii locorum, das heißt den regierenden Bischof, Abt oder Prälaten, den apostolischen Administrator, Vikar oder Kapitelsvikar usw.,  (2) den durch Berufung auf einen Lehrstuhl gelangten, lebenslang ernannten Professor, seit der Abschaffung der so genannten "Ordinarienuniversität" mit den Hochschulreformen der 1970er Jahre unüblich gewordene Bezeichnung. ", eines Kodex aus dem 14. Jahrhundert, notiert hat, in die Irre.

Die Gründung erfolgte an der Kreuzung des Hellweges, des bedeutenden Hauptverkehrsweges des frühen Mittelalters, der das Rheinland mit dem Osten verband, mit zwei von Köln kommenden Straßen, die Richtung Norden weiter verliefen. Naturräumlich boten sich die besten Voraussetzungen für eine landwirtschaftliche Nutzung. So war die Gegend zur Zeit Alfrieds und Gerswids bereits besiedelt. Dies bezeugen unter anderem Gräber aus der Merowingerzeit im Umkreis des Münsters. Auch der Name Astnide, der seit dem 9. Jahrhundert belegt ist, dürfte wohl älteren Ursprungs sein. Er wird neuerdings als „Ort im Osten" gedeutet, wobei eine Siedlung Westendorp der Gegenpol war. Der ältere Name ging auf die Neugründung über, während die schon existierende Siedlung nun Altenessen genannt wurde.

Ob die spirituell fundierte Frauenkommunität als Abtei oder als Stift organisiert war, lässt sich nicht mehr klären. Es ist aber davon auszugehen, dass die Frauen keine Nonnen nach der Benediktinerregel waren. Die Insassinnen legten – mit Ausnahme der Äbtissin – keine ewigen Gelübde ab. Sie konnten aus der Gemeinschaft wieder austreten und heiraten. Die Kanonissen, von denen in Essen seit dem 12. Jahrhundert die Rede ist, bewohnten eigene Häuser (Kurien) und hatten eigenen Besitz.

Die Essener Frauenkommunität wurde nicht nur durch die Gründerfamilie und nach deren Aussterben durch die Liudolfinger gefördert, sondern auch mit zahlreichen königlichen Schenkungen bedacht. Sie verfügte über umfangreichen Grundbesitz im Ruhrgebiet, in der niederländischen Provinz Overijssel, am Rhein (Breisig, Godesberg, Königswinter) und an der Lahn bei Marburg. Mit etwa 3.000 Hufen, die in über 100 Oberhöfen organisiert waren, gehörte Essen zu den größten Stiften des Reiches. Von der Glanzzeit, als es zu einer ottonischen Hauskommunität wurde, zeugen noch heute das Westwerk Monumental gestalteter Westbau an karolingischen, ottonischen und romanischen Kirchen mit dem Charakter einer eigenständigen Kirche. Das Westwerk konnte als Tauf- und Pfarrkirche (zur Abhaltung des Laiengottesdienstes) dienen und seine Emporen dem Herrscher die Möglichkeit bieten, von erhöhter Stelle dem Gottesdienst beizuwohnen. des Münsters und der wertvolle Kirchenschatz. Die Äbtissin Mathilde, eine Enkelin Ottos des Großen (Regierungszeit 936-973) , stattete die Kirche ebenso mit kostbaren Bildwerken („Goldene Madonna") und liturgischen Geräten („Siebenarmiger Leuchter", prächtige Vortragekreuze) aus wie Kaiser Otto III. („Kinderkrone", Zeremonialschwert?).nach obenDie Essener Frauengemeinschaft stand wohl seit Beginn des 10. Jahrhunderts – bezeugt für das Jahr 947 – unter dem besonderen Schutz des Königs (Reichsfreiheit Im Spätmittelalter und in der Frühneuzeit rechtlicher Status der Personen oder Institutionen, die keinem Landesherrn, sondern unmittelbar dem König unterstanden. Reichsfreiheit besaßen die Reichsstände (-fürsten, -grafen, -städte), die Reichsdörfer sowie Reichsbeamte und Inhaber von Reichsgut. ). Sie genoss Immunität von der Gewalt des zuständigen Grafen und besaß das Recht auf freie Wahl der Äbtissin. Zudem war das Stift seit 951 (Privileg Papst Agapets II., Pontifikat 946-955) exemt, das heißt es war von der Jurisdiktionsgewalt Bezeichnet (1) im Kirchenrecht die hoheitliche Hirtengewalt, die nicht nur die Gerichtsgewalt, sondern alle Funktionen der Hirtenvollmacht (Gesetzgebung, Rechtssprechung, Verwaltung) umfasst, (2) allgemein das Recht und die Ausübung der Gerichtsbarkeit und Rechtssprechung. des zuständigen Ortsbischofs, des Kölner Erzbischofs, befreit und dem Papst direkt unterstellt.

Aufgrund dieser Vorzugsstellung, des großen Grundbesitzes und zahlreicher Rechte (vor allem Zehntrecht zwischen Ruhr und Emscher vom Leither Bach im Osten bis Lippern-Lirich im Westen) gelang im 13. Jahrhundert die Arrondierung eines kleinen Territoriums von etwa zwölf Quadratkilometern mit den Städten Essen und Steele sowie den Dörfern und Bauerschaften Lipperheide, Borbeck, Karnap, Altenessen, Stoppenberg, Katernberg, Rotthausen, Frillendorf, Frohnhausen, Altendorf, Holsterhausen, Rüttenscheid, Huttrop und Bergerhausen. Zur Landesherrschaft der Äbtissin gehörte auch das Ländchen Breisig am Rhein (geteilt mit den Herzögen von Berg) und Huckarde bei Dortmund.

1228 wurde die Essener Äbtissin in einer Urkunde Heinrichs [VII.] (Regentschaft 1222-1235, gestorben1242) erstmals als „Fürstin" (dilecta princeps nostra) genannt. Durch die Wahl König Rudolfs I. (Regierungszeit 1273-1291) zum Vogt (1) Bezeichnung für einen Rechtsvertreter kirchlicher Institutionen,  (2) Bezeichnung für einen landesherrlichen Verwaltungsbeamten von Reichsgütern (1275-1291) und der Niederlage des Kölner Erzbischofs Siegfried von Westerburg in der Schlacht bei WorringenDie Schlacht am 5.6.1288 auf der Fühlinger Heide bei Worringen (heute Stadt Köln) entschied den seit 1283 währenden Limburger Erbfolgestreit. Verlierer waren der Erzbischof von Köln und seine Verbündeten,  gleichzeitig wurde damit die Vormachtstellung des Erzstifts am Niederrhein gebrochen. Die Schlacht bestimmte auch das politische Schicksal der Stadt Köln, die zu den Gegner des Erzbischofs gehört hatte. Köln war seitdem Freie Stadt, 1475 formell Reichsstadt. 1288 konnte die Äbtissin die Vogtei Mehrdeutig, bedeutet insbesondere (1) die Schutzvogtei über ein Bistum, Stift oder Kloster und deren Besitz, (2) Unterbezirk eines landesherrlichen Amtes. zu einem Wahlamt machen. Sie sicherte sich zugleich mit der Ausübung der hohen und der niederen Gerichtsbarkeit, der Münze und dem Judengeleit Durch den Landesherrn oder eine Stadt von reisenden Juden erhobene Abgabe, die diesen innerhalb des Landes oder der Stadt Schutz zusicherte; der vergleidete Jude durfte sich in einem festgelegten Wohnort niederlassen und einem Erwerb nachgehen. die wichtigsten Rechte einer Landesherrin.

Die Unabhängigkeit der Reichsabtei, die zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis gehörte und beim Reichstag Bezeichnung für (1) seit 1495 für die Versammlung der deutschen Reichsstände,  (2)  das deutsche Parlament 1871-1933,  (3) die Legislativen in Finnland, Schweden und Japan, (4) als Kurzform für das 1894 bezogene Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestags. zur Rheinischen Reichsprälatenbank (seit 1654) zählte, ging im dritten „Äbtissinnenstreit" verloren. Der Vogt (1) Bezeichnung für einen Rechtsvertreter kirchlicher Institutionen,  (2) Bezeichnung für einen landesherrlichen Verwaltungsbeamten von Reichsgütern , Herzog Johann II. von Kleve (Regierungszeit 1481-1521), setzte die erbliche Belehnung durch, sodass die Vogtei in der Hand der klevischen Herzöge und dann der preußischen Herrscher verblieb.

Seit dem Spätmittelalter nahm das Stift nur noch Frauen aus dem hohen Adel auf, deren edelfreie Abstammung anhand von Ahnenproben genauestens überprüft wurde. Die Zahl der Stiftsdamen wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg auf zehn beschränkt.

Als Entschädigung für die abgetretenen Ländereien am linken Rheinufer erhielt der preußische König unter anderem das Stift Essen, in das am 3.8.1802 preußische Truppen einrückten. Per Kabinettsordre siehe Kabinettsorder vom 18.4.1803 wurden die beiden Kapitel des Stiftes aufgelöst. Fast „1000 Jahre Herrschaft adeliger Frauen in Essen" hatten damit ihr Ende gefunden.

 

Literatur

Essen. Geschichte einer Stadt, hg. von Ulrich Borsdorf, Essen 2002.

Fabricius, Wilhelm, Erläuterungen zum geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz, Band 2: Die Karte von 1789, Bonn 1898, Nachdruck 1965, S. 333-336.

Küppers-Braun, Ute, Macht in Frauenhand. 1000 Jahre Herrschaft adeliger Frauen in Essen, Essen 2002.

 

30.9.2010
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Klaus Wisotzky (Essen)