Fürstentum Wied-Neuwied

Das Wappen der Fürsten zu Wied. (Alfred Freiherr von Krane, Wappen- und Handbuch des in Schlesien (einschliesslich der Oberlausitz) landgesessenen Adels, Goerlitz 1904)

Das Ge­biet der spä­te­ren Graf­schaft Wied ge­hör­te zu­nächst zur Graf­schaft des En­gers­gau­es. Erst­mals als „Graf von Wie­d“ wird Graf Met­fried (1084-1145) im Jahr 1129 in ei­ner Ur­kun­de des Klos­ters St. Tho­mas in An­der­nach be­zeich­net. Be­reits zu­vor hat­te er die Stamm­burg des Hau­ses Wied im heu­ti­gen Alt­wied er­baut. Wel­che Be­deu­tung das Haus Wied be­reits zu die­ser Zeit hat­te, zeigt sich dar­an, dass Graf Met­fried sei­nen Kin­dern wich­ti­ge Kir­chen­äm­ter si­chern konn­te. So wur­de sein zweit­ge­bo­re­ner Sohn al­s Ar­nold II. Erz­bi­schof von Köln, sei­ne Toch­ter Hed­wig Äb­tis­sin de­s Reichs­stif­tes Es­sen und zwei wei­te­re Töch­ter wur­den Äb­tis­sin­nen rhei­ni­scher Klös­ter. Auch in spä­te­ren Jah­ren fin­det man Mit­glie­der des Gra­fen­hau­ses in wich­ti­gen geist­li­chen Äm­tern, na­ment­lich auf dem Stuhl des Erz­bi­schofs von Trier. Die­ses ers­te wie­di­sche Gra­fen­haus er­losch je­doch be­reits im Jahr 1244 und das Ge­biet der spä­te­ren Graf­schaft ge­lang­te durch Hei­rat an die Her­ren von Isen­burg. Zahl­rei­che Erb­tei­lun­gen folg­ten.

Die Graf­schaft er­streck­te sich da­bei von der heu­ti­gen Stadt Neu­wied am Rhein bis in die Hö­hen des Wes­ter­wal­des. Hin­zu ka­men ein paar klei­ne En­kla­ven, die in der spä­te­ren preu­ßi­schen Pro­vinz Hes­sen-Nas­sau la­gen. Erst Wil­helm I. von Isen­burg-Brauns­berg (1327-1383) ge­lang es, das Ge­biet der Graf­schaft Wied wie­der in ei­ner Hand zu ver­ei­ni­gen. Er war es auch, der sich ab et­wa 1340 wie­der als „Graf zu Wie­d“ be­zeich­ne­te. Doch auch die­se Li­nie starb im Jahr 1462 mit dem Ab­le­ben des Gra­fen Wil­helm II. im Man­nes­stamm aus und wur­de über die Nich­te des letz­ten Gra­fen, die mit Diet­rich IV., Herrn zu Run­kel, ver­hei­ra­tet war, ver­erbt.

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Das Territorium der Grafschaft Wied-Neuwied, die 1784 zu einem Fürstentum erhoben wurde. (Stephan Laux)

 

Der ge­mein­sa­me Sohn nahm als Fried­rich I. (1462-1487) den Ti­tel ei­nes Gra­fen zu Wied-Run­kel-Brauns­berg-Isen­burg an und wird all­ge­mein als Stamm­va­ter des noch heu­te exis­tie­ren­den Fürs­ten­hau­ses Wied an­ge­se­hen. Zu Be­ginn des 16. Jahr­hun­derts hielt die Re­for­ma­ti­on in den gräf­li­chen Lan­den Ein­zug. Ei­ne be­son­de­re Rol­le spiel­te da­bei Graf Her­mann (V.) zu Wied, der als Köl­ner Erz­bi­schof (Epis­ko­pat 1515-1547) er­folg­los ver­such­te, die Re­for­ma­ti­on im Rhein­land ein­zu­füh­ren. Le­dig­lich in der Graf­schaft Wied konn­te sich die Re­for­ma­ti­on eta­blie­ren. Im Jah­re 1564 trat Graf Jo­hann IV. (1535-1581) schlie­ß­lich vom lu­the­ri­schen zum re­for­mier­ten Be­kennt­nis über. Zu die­ser Zeit ge­hör­te die Graf­schaft dem Wet­ter­au­er Gra­fen­ver­ein an, ei­nem Bünd­nis evan­ge­lisch-re­for­mier­ter Reichs­graf­schaf­ten un­ter Füh­rung der Gra­fen von Nas­sau. En­de des 16. Jahr­hun­derts wur­de die Graf­schaft Wied in ei­ne Nie­der- und ei­ne Ober­graf­schaft ge­teilt, ei­ne Tren­nung, die bis 1824 nur mit kur­zer Un­ter­bre­chung an­dau­ern soll­te. Die Ober­graf­schaft exis­tier­te fort­an un­ter der Li­nie Wied-Run­kel bis zum 1824. Nur un­ter Graf Fried­rich III. (1631-1698) wur­den bei­de Graf­schaf­ten für ei­ne kur­ze Zeit wie­der­ver­ei­nigt.

Graf Fried­rich ver­zich­te­te im Jahr 1640 auf die Re­gent­schaft in der Ober­graf­schaft, die er an ei­nen Sohn aus ers­ter Ehe ab­gab, und grün­de­te im Jahr 1653 die Stadt Neu­wied als neue Re­si­denz­stadt der Nie­der­graf­schaft, die nun­mehr Wied-Neu­wied ge­nannt wur­de. Nach den Ver­hee­run­gen des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges dien­te die Neu­grün­dung vor al­lem dem Zweck, die ent­völ­ker­te Graf­schaft wie­der zu be­sie­deln. Die­sem Zweck dien­te auch das To­le­ran­ze­dikt von 1662, wel­ches al­len Be­woh­nern der Stadt Neu­wied Re­li­gi­ons-und Be­kennt­nis­frei­heit ga­ran­tier­te, frei­lich nicht oh­ne die füh­ren­de Rol­le des evan­ge­lisch-re­for­mier­ten Be­kennt­nis­ses in Fra­ge zu stel­len. Re­li­giö­se Kon­flik­te mit den an­gren­zen­den Erz­stif­ten Köln und Trier blie­ben in den fol­gen­den Jah­ren nicht aus. Die Stadt­grün­dung lässt sich da­mit in ei­ner Rei­he meh­re­rer plan­mä­ßi­ger Stadt­grün­dun­gen des 17. und 18. Jahr­hun­derts ein­ord­nen, wo­bei die ver­hält­nis­mä­ßig un­güns­ti­ge La­ge der Graf­schaft Wied-Neu­wied – ein­ge­keilt zwi­schen ka­tho­li­schen Ter­ri­to­ri­en – die Ent­wick­lung er­schwer­te. Un­ter Graf Fried­rich Wil­helm (1698-1737) wuchs die Stadt Neu­wied nur mä­ßig, er er­rich­te­te al­ler­dings das noch heu­te exis­tie­ren­de Schloss Neu­wied als künf­ti­ge Re­si­denz. Das Ver­hält­nis zwi­schen Stadt und länd­li­chen Re­gio­nen der Graf­schaft war da­bei ge­prägt durch den Kon­flikt zwi­schen ei­ner über­wie­gend bäu­er­li­chen Ge­sell­schaft und ei­nem ent­ste­hen­den Bür­ger­tum.

Hermann V. von Wied.

 

Erst un­ter dem Sohn Fried­rich Wil­helms, Graf Fried­rich Alex­an­der (1737-1791), pros­pe­rier­te die Graf­schaft. Er er­laub­te den Zu­zug von Glau­bens­flücht­lin­gen, ins­be­son­de­re ge­währ­te er ei­ner Grup­pe der Herrn­hu­ter Brü­der­ge­mei­ne die An­sied­lung in Neu­wied. Auch ei­ne Men­no­ni­ten-Ge­mein­de ent­stand in Neu­wied. Mit sei­ner Re­gent­schaft hiel­ten die Ide­en der Auf­klä­rung Ein­zug in Neu­wied, wo­bei meh­re­re Ver­su­che, über­kon­fes­sio­nel­le Schu­len zu grün­den oder ei­ne Aka­de­mie in Neu­wied zu er­rich­ten, schei­ter­ten. Über­re­gio­na­le Be­deu­tung er­lang­te Graf Fried­rich Alex­an­der als Di­rek­tor des Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­schen Gra­fen­kol­le­gi­ums, wo­bei er ins­be­son­de­re um den Aus­gleich zwi­schen den kon­fes­si­ons­ver­schie­de­nen Gra­fen­häu­sern be­müht war. Auch aus die­sem Grund wur­den die Gra­fen zu Wied im Jahr 1784 durch Kai­ser Jo­seph II. (1741-1790, Kai­ser 1765-1790) in den Reichs­fürs­ten­stand er­ho­ben.

In den Wir­ren der Ko­ali­ti­ons­krie­ge ge­riet das Fürs­ten­tum Wied-Neu­wied mehr und mehr zwi­schen die Fron­ten. Nach Ab­dan­kung des Fürs­ten Fried­rich Carl (1791-1802) ge­lang es sei­nem Nach­fol­ger zwar, durch den Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluss ei­ni­ge ehe­mals kur­k­öl­ni­sche und kur­trie­ri­sche Ge­bie­te dem Fürs­ten­tum hin­zu­zu­fü­gen, doch Fürst Jo­hann Au­gust (1802-1836) ent­schied sich ge­gen ei­nen Bei­tritt zum Rhein­bund, wes­halb das Fürs­ten­tum im Jahr 1806 durch Na­po­le­on dem Her­zog­tum Nas­sau zu­ge­schla­gen wur­de. Da­mit en­de­te die Ge­schich­te des selb­stän­di­gen Fürs­ten­tums Wied-Neu­wied.

Friedrich III. von Wied.

 

1815 ge­lang­te das ehe­ma­li­ge Fürs­ten­tum auf dem Wie­ner Kon­gress an das Kö­nig­reich Preu­ßen. Die Fürs­ten zu Wied hat­ten als Stan­des­her­ren nur noch un­ter­ge­ord­ne­te po­li­ti­sche Be­deu­tung, pfleg­ten aber gu­te Be­zie­hung zum Haus Ho­hen­zol­lern. Mit­glie­der des Hau­ses Wied wa­ren bis zum En­de der Mon­ar­chie im Preu­ßi­schen Her­ren­haus ver­tre­ten und ver­wandt­schaft­lich mit den re­gie­ren­den Häu­sern ver­bun­den.  Be­son­de­re Er­wäh­nung ver­dient in die­ser Zeit der be­deu­ten­de Na­tur­for­scher Prin­z Ma­xi­mi­li­an zu Wied-Neu­wied (1782-1867), der durch sei­ne Rei­sen nach Bra­si­li­en, Nord­ame­ri­ka und Me­xi­ko be­rühmt wur­de.

Literatur (Auswahl)

Krü­ger, Hans-Jür­gen, Das Fürst­li­che Haus Wied, Gra­fen zu Isen­burg, Her­ren zu Run­kel und Neu­er­burg, 3. Auf­la­ge, Werl 2011.
Reck, Jo­hann Ste­phan, Ge­schich­te der gräf­li­chen und fürst­li­chen Häu­ser Isen­burg, Run­kel, Wied ver­bun­den mit der Ge­schich­te des Rhein­ta­les zwi­schen Ko­blenz und An­der­nach von Ju­li­us Cae­sar bis auf die neu­es­te Zeit, Wei­mar 1825.
Schlü­ter, Ro­land, Cal­vi­nis­mus am Mit­tel­rhein. Re­for­mier­te Kir­chen­zucht in der Graf­schaft Wied-Neu­wied 1648-1806, Köln [u.a.] 2010.
Troß­bach, Wer­ner, Der Schat­ten der Auf­klä­rung. Bau­ern, Bür­ger und Il­lu­mi­na­ten in der Graf­schaft Wied-Neu­wied, Ful­da 1991. 
Tul­li­us, Wil­helm, Die wech­sel­vol­le Ge­schich­te des Hau­ses Wied, 2. Auf­la­ge, Neu­wied 2003. 

'Prospect der Stadt Neuwied am Rhein', Gesamtansicht von einem erhöhten Standpunkt mit Blick auf den Rhein und das gegenüberliegende Ufer in der Ferne, Kupferstich von Balthasar Friedrich Leizel nach G.F. Tröger, um 1745.

 
Zitationshinweis

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Schlüter, Roland, Fürstentum Wied-Neuwied, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Orte-und-Raeume/fuerstentum-wied-neuwied/DE-2086/lido/5d0215dcc4cc10.19983005 (abgerufen am 17.10.2019)

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